Marie Noëlle

Marie Curie

Frisch verliebt: Marie Curie (Karolina Gruszka) und Paul Langevin (Arieh Worthalter) in seiner geheimen Wohnung in der Rue Banquier - © 2016 P'Artisan Filmproduktion, NFP Marketing & Distribution

(Kinostart: 1.12.) Eine Frau gegen die ganze Welt: Das bewegte Leben von Marie Curie, der einzigen Doppel-Nobelpreisträgerin, klingt wie ein präfeministischer Bildungsroman. Ihr Biopic ertränkt Regisseurin Marie Noëlle in gefühligem Beziehungs-Kitsch.

In der kurzen Liste von nur sechs Naturwissenschafts-Nobelpreisträgerinnen sticht ein Name besonders hervor: Marie Curie (1867-1934). Sie war nicht nur die erste Frau, der diese Auszeichnung verliehen wurde, sondern ebenso die einzige Frau unter den vier Mehrfach-Preisträgern. Den ersten Nobelpreis erhielt sie 1903 anteilig in Physik, den zweiten 1911 in Chemie für die Entdeckung der chemischen Elemente Radium und Polonium.

 

Info

 

Marie Curie

 

Regie: Marie Noëlle,

95 Min., Frankreich/ Polen/ Deutschland 2016;

mit: Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling

 

Website zum Film

 

Beide Entdeckungen waren revolutionär. Da erstaunt, dass es bisher nur zwei Filme über sie gab: Der 1943 gedrehte „Madame Curie“ und „Marie Curie – Forscherin mit Leidenschaft“ von 1997. Zwei Jahrzehnte später versucht Regisseurin Marie Noëlle, ihre Geschichte noch einmal neu zu interpretieren.

 

Ein fast perfektes Leben

 

Dabei beschränkt sie sich auf die acht Jahre zwischen den beiden Nobelpreis-Verleihungen, also von 1903 bis 1911. Regisseurin Noëlle zeichnet zunächst das Bild einer glücklichen Frau, die symbiotisch mit ihrem Mann forscht und sich rührend um ihre Tochter kümmert. Ein beinahe perfektes Leben, das jäh endet, als Pierre Curie (Charles Berling) bei einem Verkehrsunfall stirbt.

Offizieller Filmtrailer


 

Erste Professorin an der Sorbonne

 

Die hochschwangere Marie, wunderbar gespielt von Karolina Gruzska, ist plötzlich auf sich allein gestellt. Sie muss trotz der Trauer um ihren geliebten Mann nicht nur den Alltag bewältigen, sondern sich auch als Frau in der rein männlichen Wissenschaftswelt behaupten. Curie stürzt sich in ihre Arbeit und setzt mit Hilfe von Pierres Assistenten (Malik Zidi) ihre angefangene Forschung am Radium fort. Schließlich erhält sie, gegen heftigen Widerstand einiger altmodischer Patriarchen, als erste Frau mit Mitte 30 einen Lehrstuhl an der renommierten Pariser Universität Sorbonne.

 

Nach langer Trauerphase verliebt sich Curie in Pierres ehemaligen, verheirateten Kollegen Paul Langevin (Ariel Worthalter). Als bekannt wird, dass sie für ihre Arbeit einen zweiten Nobelpreis bekommen soll, wird die Affäre publik. Den Skandal breitet die Presse genüsslich aus, was ihren Gegnern beim Verfahren um ihre Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften in die Hände spielt. Diese heute kaum noch bekannte Episode ist der zentrale Punkt für Regisseurin Noëlle.

 

Kein Abstand zum sujet

 

Historische Stoffe sind ihr vertraut, wie sie mit „Die Frau des Anarchisten“ (2008) über den Spanischen Bürgerkrieg und „Ludwig II.“ (2012) über den bayerischen Märchenkönig bewiesen hat. Diesmal fehlte jedoch Noëlle, die Mathematik studiert hat, offensichtlich der Abstand zum sujet; ihre grenzenlose Bewunderung für Curie ist überdeutlich.

 

Marie liebt ihren Mann so leidenschaftlich, wie sie ihre Forschung betreibt. Ausgiebig zelebriert der Film das Ideal des Wissenschaftler-Paars, das in einem zum Labor umgebauten Schuppen harmonisch miteinander arbeitet. Selbst das radioaktive Radium, eigentlich grün leuchtend, schimmert filmwirksam neonblau.

 

Schönheit anstelle von Konflikten

 

Alles ist wohlgeordnet, beinahe gemütlich; das steht im scharfen Kontrast zu den Ereignissen nach Pierres Tod. Als Witwe muss Curie zwei Kinder großziehen und darf dabei ihre Forschung nicht vernachlässigen. Dieser sehr moderne Konflikt wird allerdings nur kurz angerissen, ebenso wie alle anderen heftigen Kämpfe, die Curie als erste Sorbonne-Professorin ausficht – wobei sie ihr scheinbar nicht viel anhaben können.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Poesie des Unendlichen“ – Biopic über ein indisches Mathematik-Genie von Matthew Brown mit Dev Patel + Jeremy Irons

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ – Biographie des Physik-Genies Stephen Hawking von James Marsh mit Eddie Redmayne

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ – Biopic über das Informatik-Genie Alan Turing von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch

 

und hier eine Kritik des Films „Ludwig II.“ – Biopic über den bayerischen Märchenkönig von Peter Sehr + Marie Noëlle.

 

Regisseurin Noëlle inszeniert ihre Heldin als geradezu unwiderstehliches, strahlendes Wesen, dessen Charme und Charisma sich niemand entziehen kann. Sie bewegt sich sicher in der Männerdomäne Wissenschaft, forscht und schreibt unermüdlich, ist liebende Mutter und bezirzt nicht nur ihren späteren Liebhaber. Dafür findet die Regisseurin durchaus schöne Bilder: wenn sie etwa während einer Konferenz als einzige Frau zwischen steifen Gelehrten barfuss über den Strand tänzelt – und dabei Albert Einstein um den Finger wickelt.

 

Nostalgisch statt modern

 

Dennoch gäben die zugrunde liegenden Konflikte mehr her als eine von Geigenklängen zugekleisterte Wissenschaftlerinnen-Schmonzette, die das Ergebnis über weite Strecken geworden ist. Es hätte stattdessen ein zeitgemäßer Film über eine couragierte, kluge und moderne Frau werden können. Regisseurin Noëlle beschränkt sich aber lieber auf die von ihr akribisch recherchierte Biographie.

 

Marie Curie, in Warschau geborene Skłodowska, hatte nicht nur mit den damals üblichen Sexismus zu kämpfen: Sie war auch eine Einwanderin aus Polen, die sich erdreistete, in altehrwürdigen französischen Institutionen reüssieren zu wollen. Leider mutiert der Film in der zweiten Hälfte zum konventionellen, angekitschten Melodram um eine unkonventionelle Liebe und eine rachsüchtige, betrogene Ehefrau. Das können selbst hervorragende Schauspieler nicht retten. Fan-tum ist eben nicht gerade förderlich beim Filmemachen.


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