David Cronenberg

Naked Lunch

Cocktail mit einem Mugwump-Monster: Szene aus "Naked Lunch"; Fotoquelle: Filmmuseum Düsseldorf

Himmel und Hölle eines Junkies: Mit seinem wild experimentellen Schlüssel-Roman von 1959 machte William S. Burroughs Drogensucht literaturfähig. Seinen surrealen Albtraum verfilmte David Cronenberg 1991 kongenial – am 13. Dezember im Filmmuseum Düsseldorf.

1953, New York City: Der Kammerjäger William Lee erschießt versehentlich im Drogenrausch seine Ehefrau. Daraufhin flüchtet er in eine irreale Welt, der „Interzone“ in Tanger: umgeben von junkies, Drogenhändlern und bizarren Kreaturen. Lee ist mit einer Scheinidentität als Geheimagent unterwegs durch einen surrealen Albtraum, während er versucht, seine Erlebnisse in einem Roman festzuhalten.

 

Info

 

Naked Lunch

 

Regie: David Cronenberg,

110 Min., Kanada/ Großbritannien 1991;

mit: Peter Weller, Judy Davis, Ian Holm, Roy Scheider

 

Weitere Informationen

 

Vorführung im Filmmuseum Düsseldorf am 13. Dezember

 

Im September 1991 schreibt William S. Burroughs einen kurzen Essay zur Verfilmung seines Romans „Naked Lunch“ durch David Cronenberg. Er erörtert die Schwierigkeiten, den Text in bewegte Bilder zu transformieren: unzählige Charaktere, verschiedene Handlungsorte, eine Komposition aus fragmentarischen und kaleidoskopischen Szenen. Es gibt keinen linearen Erzählstrang. Unterschiedliche Schauplätze wechseln sich ab, Figuren kehren wieder – doch steht wenig miteinander in einer konkreten Beziehung.

 

Nach Publikation zunächst verboten

 

Hier spiegelt sich das Leben eines Drogensüchtigen. Es gibt fiktive Gesellschaften, wiederkehrende Orte und Handelnde, deren Weg man sich stückweise zusammensetzt, aber im Grunde keine Handlung. Burroughs‘ Roman erschien 1959 und führte in einigen US-Bundesstaaten zu kontroversen Diskussionen bis hin zu Veröffentlichungs-Verboten.

Offizieller Filmtrailer


 

Beat generation beerbt lost generation

 

Neben dem Roman „On the Road“ von Jack Kerouac und dem Gedicht „Howl“ von Allen Ginsberg, beide 1957 publiziert, zählt der Text von Burroughs zu den zentralen Dokumenten der beat generation, die das Erbe der lost generation um F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway beanspruchte. Sie zeichnete sich durch unkonventionelle Gesinnung und große Spontaneität aus, meist chaotisch und dabei kreativ. Erst 1991 drehte Regisseur David Cronenberg den Film „Naked Lunch“: als freie Adaption aus Motiven des Romans und seiner Entstehungsgeschichte.

 

Ein Zitat aus Burroughs Textvorlage: „Gab mir in Gegenwart von D.L. eine Spritze. Suchte in meinem nackten, schmutzigen Fuß nach einer Vene… Süchtige kennen keine Scham… Sie nehmen auf den Abscheu der anderen keine Rücksicht. Es ist fraglich, ob Scham beim Fehlen sexueller Libido existieren kann… Die Scham des Süchtigen schwindet mit seinem sexuell indifferenten Kontaktbedürfnis, das ebenfalls von der Libido abhängt… Unpersönlich betrachtet der Süchtige seinen Körper als ein Instrument, das das Medium, in dem er lebt, absorbiert. Mit den kalten Händen eines Pferdehändlers schätzt er das Gewebe ab. ‚Keinen Zweck, es hier zu versuchen.‘ Tote Fischaugen fliegen über eine verwüstete Vene.“

 

Buch mit vielen, Film mit wenig Dialogen

 

In der radikalen Form der cut-up-Technik, bei der zusammenhängende Texte in einer Art Collage auseinander geschnitten und neu angeordnet werden, thematisiert Burroughs in seinem Roman Drogensucht, Homosexualität, Gewalt und Wahnsinn. Er klagt auf spezifische Weise die Realität und Gesellschaft an.

 

Die schräge und surreale Szenerie des Buches entspringt den Jahren der Sucht, mit ihren Enthemmungen, der Angst und den Entzugserscheinungen. So zeichnet der Autor mit einer gewissen Lust am Makabren und dem Schock ein globales Panorama. Es sei ein Roman mit vielen Dialogen, so Burroughs in seinem Essay: Doch ein Film definiere sich durch Bewegung, mit minimalem Dialog.

 

Roman-Schreibprozess in Film integriert

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Maps to the Stars“ – sarkastische Satire auf die Filmbranche in Hollywood von David Cronenberg

 

und hier einen Bericht über den Film „Cosmopolis“ – nüchtern absurdes Finanzhai-Psychogramm von David Cronenberg mit Robert Pattinson

 

und hier einen Beitrag über den Film „Eine dunkle Begierde“ – über die Entstehung der Psychoanalyse bei Sigmund Freud + C.G. Jung von David Cronenberg

 

und hier eine Besprechung des Dokumentarfilms „William S. Burroughs: A Man Within“ über den drogensüchtigen Literaten von Yony Leyser mit David Cronenberg

 

und hier einen Bericht über den Film „On The Road – Unterwegs“ – Verfilmung des Beatnik-Kultbuch von Jack Kerouac durch Walter Salles

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Doku-Drama „Howl – Das Geheul“ über das gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg von Robert Epstein + Jeffrey Friedman.

 

Entgegen der Auffassung, dass dieser Roman nicht verfilmbar sei, schafft David Cronenberg ein filmisches Werk, das – im Sinne einer metatextuellen Adaption – verschiedene Texte und autobiographische Aspekte des Autors zusammenbringt, um auch den Schreibprozess bei der Entstehung des Romans im Film zu integrieren. So sind verschiedene Charaktere an Persönlichkeiten aus Burroughs literarischem Umfeld angelehnt: Für die Figuren von Hank und Martin dienten beispielsweise Jack Kerouac und Allen Ginsberg als Vorbild.

 

Zudem führt der Regisseur zwei wichtige Elemente in den Film ein: zunächst das Illusionäre einer definitiven Wahrheit und außerdem die innere Kraft eines Charakters, eines Menschen. So legt Cronenberg in der Figur des William Lee eine innere Verwundbarkeit an, in der Schmerz so stark wird, dass sich das Geistige abschaltet.

 

Gestalten aus der Opiate-Hölle

 

Die Grenzen verschwimmen; Reales und Irreales sind nicht mehr zu unterscheiden, wodurch sich alles Sicht- und Hörbare zu einer schwer zu entschlüsselnden Metapher zusammenfügt. Jedoch gelingt es dem Regisseur gleichzeitig, in der Bild- und Tongestaltung einen ruhigen Erzählfluss herzustellen: Horrortrip und Realität vermischen sich. Insbesondere bei den seltsam wirkenden mugwumps, Gestalten aus der Hölle der Opiate, finden die beiden visionären Köpfe Burroughs und Cronenberg zusammen.

 

„I gave up writing when I was ten. Too dangerous.“ („Ich gab das Schreiben auf, als ich zehn war. Zu gefährlich.“) Ein Satz zu Beginn des Films, der sehr charakteristisch für Cronenbergs Haltung zur Kunst ist: der Künstler als bereitwilliger Gefangener seiner eigenen Erfindungskraft.

 

Konvolut von Phantasmagorien

 

In „Naked Lunch“ werden Fragen zur Identität aufgeworfen und gleichzeitig negativ beantwortet: nach Sexualität, Kreativität und menschlichen Befindlichkeiten – ein Teufelskreis des Lebens, den man sich nur im Exzess entziehen kann. So entsteht am Ende ein Film, der sich in einem Code der Mysterien zu einem Konvolut von Phantasmagorien zusammenfügt – komplex, obszön und voller schwarzem Humor.

 

Ein Gastbeitrag von Thomas Ochs, Filmmuseum Düsseldorf


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