Marion Cotillard + Brad Pitt

Allied – Vertraute Fremde

Geheimdienst-Offizier Max Vatan (Brad Pitt) + die französische Résistance-Kämpferin Marianne Beausejour (Marion Cotillard) bei Schießübungen in der Wüste bei Casablanca. Foto: Paramount

(Kinostart: 22.12.) „Casablanca“ für das 21. Jahrhundert: Regisseur Robert Zemeckis versucht sich an einer Neufassung des Melodram-Klassikers. Sein Remake krankt trotz opulenter Ausstattung und einer hinreißenden Marion Cotillard am abstrusen Plot.

„Ich seh‘ Dir in die Augen, Kleines“, sagt Humphrey Bogart alias Rick Blaine, während er zu Ingrid Bergman alias Ilsa Lund hinunterblickt. Dieser Satz aus „Casablanca“ (1942) ist eines der berühmtesten Zitate der Kinogeschichte – und wahrscheinlich viel mehr Leuten vertraut, als jemals den Film gesehen haben. Dass Bogart bei dieser Szene auf eine Kiste stand, weil er fünf Zentimeter kleiner war als seine Partnerin, ist weniger bekannt.

 

Info

 

Allied –
Vertraute Fremde

 

Regie: Robert Zemeckis,

124 Min., Großbritannien/ USA 2016;

mit: Brad Pitt, Marion Cotillard, Jared Harris

 

Website zum Film

 

Ihr Größenunterschied kratzt am Mythos der wohl berühmtesten Hollywood-Romanze aller Zeiten – und wer will das schon? Eine geplante Fortsetzung wurde nie gedreht. Es gibt zwar eine kolorierte Version; ebenso eine geänderte Schnittfassung von 1987, in der sich Ilsa am Ende für Rick entscheidet, und zwei TV-Serien zur Vorgeschichte des plot von „Casablanca“, aber bislang keine Neuverfilmung. 1974 lehnte der französische Autorenfilmer François Truffaut es ab, ein remake zu drehen.

 

Vom „Forrest Gump“-Regisseur

 

Offenbar hat Robert Zemeckis weniger Skrupel. Dem US-Regisseur gelangen mit „Zurück in die Zukunft“ (1985) und „Forrest Gump“ (1994) zwei legendäre Kassenschlager mit Anspruch; daneben drehte oder produzierte er in vier Jahrzehnten zwei Dutzend weitere Filme. Nun knöpft Zemeckis sich „Casablanca“ vor – oder eher: Er vergreift sich daran.

Offizieller Filmtrailer


 

Metzel-Orgie zur Freude von Tarantino

 

Zwar wird der Bezug zum Klassiker von Regisseur Michael Curtiz nicht explizit ausgesprochen, aber zahlreiche Parallelen sind offensichtlich. Der kanadische Offizier und Pilot Max Vatan (Brad Pitt) wird vom britischen Geheimdienst 1942 in die marokkanische Metropole entsandt: Er soll gemeinsam mit der résistance-Kämpferin Marianne Beausejour (Marion Cotillard) den nazideutschen Botschafter in der französischen Kolonie ermorden.

 

Was historisch ziemlicher Unsinn ist: Kriegsparteien bringen nicht Botschafter des Feindes in Drittländern um – von diplomatischer Immunität mal abgesehen: Mit wem sollten sie sonst verhandeln? Da der Auftrag ohnehin hanebüchen ist, inszeniert Regisseur Zemeckis ihn auch als comic-hafte Groteske: Die undercover-Agenten lassen sich zu einem Botschafts-Empfang einladen, bei dem sie alle Anwesenden mit Maschinengewehren niedermähen. An dieser Metzel-Orgie hätte Quentin Tarantino seine helle Freude.

 

Offizier soll Verräter-Gattin erschießen

 

Um nicht enttarnt zu werden, treten beide schon vorher als Ehepaar auf. Natürlich dauert es nur wenige Szenen, bis aus der Simulation unsterbliche Liebe wird. Nach London entronnen, gründen sie flugs eine Familie samt Nachwuchs. Ihr trautes Glück wird selbst von deutschen Luftangriffen auf die britische Hauptstadt nicht erschüttert – dabei brummen die Wehrmachts-Bomber so niedrig über den Nachthimmel, dass man sie fast mit der Hand herunterpflücken könnte.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Shanghai“ – grandioser Spionage-Thriller alter Schule in China 1941 von Mikael Hafström mit Gong Li + Franka Potente

 

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und hier eine Kritik des Films „The Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ über Kunst-Rettung am Ende des Zweiten Weltkriegs von + mit George Clooney

 

und hier einen Beitrag über den Film „Macbeth“ – brillante Verfilmung der Shakespeare-Tragödie von Justin Kurzel mit Marion Cotillard

 

und hier einen Bericht über den Film „The Big Short“ – bestechende Analyse der Finanzkrise 2007/8 von Adam McKay mit Brad Pitt.

 

Bis Vatans Vorgesetzte ihm eröffnen, dass seine Frau vermutlich deutsche Spionin sei; zur Tarnung habe sie die Identität einer längst hingerichteten Französin angenommen. Ob das zutrifft, darf der düpierte Gatte selbst klären; falls ja, muss er sie eigenhändig erschießen. Versteht sich, dass dem tollkühnen Piloten kein Hindernis zu schwierig und kein Frontwechsel zu gefährlich ist, um den schrecklichen Verdacht aus der Welt zu schaffen.

 

Alles mit Hakenkreuzen pflastern

 

Während der Film ihm hinterher jagt, versäumt er völlig, Charakter und Motivation von Madame Beausejour zu beleuchten. Marion Cotillard spielt all ihre Reize hinreißend aus, um sie als vor Zuneigung und Hingabe glühendes Wesen darzustellen. Allerdings fragt man sich, ob sie sich nicht an den Falschen verschwendet: Brad Pitt gibt seinen Geheimdienst-Hasardeur so hölzern und unnahbar, als stecke ihm noch sein privater Rosenkrieg mit Angelina Jolie in den Knochen.

 

Das Missverhältnis der Hauptdarsteller spiegelt sich bei Nebenfiguren und opulenter Ausstattung wider: Stockssteife secret service agents, die stiff upper lip in düsteren Büros hocken, werden auf einer party plötzlich zu koksenden und herumhurenden Satyrn. Und damit jeder sofort kapiert, wer und wo die Bösen sind, ist alles (Un-)Mögliche mit Hakenkreuzen gepflastert: von Spielkarten bis zu Flugzeugen. Ähnlich freihändig ging auch George Clooney 2014 in „The Monuments Men“ mit NS-Insignien um. Bloß: Sein Film über Kunst-Rettung am Ende des Zweiten Weltkriegs war eine überdrehte Komödie.

 

Don’t play it again, Sam!

 

Da nahm es das „Casablanca“-Original mit dem Zeitkolorit doch wesentlich genauer. Kein Wunder: Der Film wurde kurz nach Kriegseintritt der USA gedreht. Auch Kinogeschichte wiederholt sich – erst als Tragödie, dann als Farce: Don’t play it again, Sam!


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