Paolo Virzì

Die Überglücklichen

Ausreißerinnen, Furien, Freundinnen: Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi, li.) und Donatella (Micaela Ramazzotti) bringen einiges durcheinander. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 29.12.) Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert: Zwei Psychiatrie-Patientinnen büxen aus und kreuzen durch die Toskana. Lustvoll nerviges Road Movie des Wahnsinns von Regisseur Paolo Virzì mit entfesselten Hauptdarstellerinnen.

License to freak out: Scham und Anstand halten meist die Leute davon ab, ihre Wut oder Jähzorn schrankenlos auszutoben. Sind Realität und Eigenwahrnehmung nicht in Einklang, verschieben sich die Grenzen zwischen dem Möglichen und Unmöglichen; oft auf sehr skurrile Weise. Wer ganz offiziell für „verrückt“ erklärt wird, genießt außerdem gewisse Narrenfreiheiten – warum also nicht bei Gelegenheit ein bisschen davon profitieren?

 

Info

 

Die Überglücklichen

 

Regie: Paolo Virzì,

116 Min., Italien/ Frankreich 2016;

mit: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti

 

Website zum Film

 

Genau das passiert in „Die Überglücklichen“: Zwei Patientinnen einer psychiatrischen Klinik nutzen die Gunst der Stunde und büxen aus. Ihr wilder road trip durch die sommerliche Toskana findet schließlich trotz allerlei Kummer und schmerzlicher Bewältigung der Vergangenheit ein recht versöhnliches happy end.

 

Bipolar gestörte Gräfin

 

Gräfin Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) kann kaum noch tiefer sinken. Nachdem sich die high society lady in einen Kriminellen verliebt und ihr Familien-Vermögen veruntreut hatte, musste sie ihr Leben in Saus und Braus gegen einen Platz im Therapiezentrum Villa Biondi eintauschen. Sie wurde per Gerichtsbeschluss wegen Betrugs, Körperverletzung und Wutausbrüchen unter Arrest gestellt – Diagnose: bipolare Störung, auch als manisch-depressiv bekannt.

Offizieller Filmtrailer


 

Tätowiert, vernarbt + depressiv

 

Fortan ist Beatrice aus der Welt der Reichen und Schönen verbannt: Schluss mit exklusiven dinner partys in ihrer Villa am Meer, wo schon die Clintons oder George Clooney zu Gast waren. Doch die lebenshungrige Adlige ignoriert alles, was sie nicht wahrhaben möchte; sie platzt schier vor Energie. Dabei plappert sie sich ohne Punkt und Komma durch einen undurchsichtigen Wortschwall aus Anekdoten, Wunschdenken und Lebensweisheiten.

 

Donatella Morelli (Micaela Ramazotti) ist das komplette Gegenteil: Der jungen Frau sieht man ihre wüste Vergangenheit schon äußerlich an vielen tattoos und Narben an. Sie schweigt meist und brütet vor sich hin: Donatella leidet an schweren Depressionen und darunter, dass man ihren Sohn zu Pflegeeltern weggegeben hat. Stark sediert und kraftlos wird sie in die Villa Biondi eingeliefert.

 

Nach Pseudo-Diagnose ein Paar

 

Als Donatella ankommt, gibt sich Beatrice in der eindruckvollsten Szene des Filmes als Ärztin der Einrichtung aus. Sie befragt die neue Patientin so professionell, dass schnell klar wird, wie viel Erfahrung sie mit Psychopharmaka sowie deren Wechselwirkungen haben muss – und vor allem im Lügen. Dabei erfährt der Zuschauer quasi durch eine Pseudo-Diagnose alles über beide Protagonistinnen.

 

Von nun an sind sie gemeinsam unterwegs: Beatrice stets zwei Schritte voraus, Donatella schweigend hinterher. Als sich ihnen zufällig die Chance bietet, ihren Aufsehern zu entwischen, landen beide in einem Einkaufszentrum. Eigentlich wollen sie sich nur einmal etwas „normal“ fühlen; aber dann wird der Ausflug zur chaotischen Flucht, der beide Frauen zu Stationen und Menschen aus ihrer Vergangenheit führt.

 

Viel Mut zur Grenzüberschreitung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die süße Gier – Il Capitale Umano“ – Familien-Drama + Sittengemälde von Paolo Virzì mit Valeria Bruni Tedeschi

 

und hier eine Besprechung des Films „Anni Felici – Barfuß durchs Leben“ – Familien-Drama + Anfänge des Feminismus im Italien der 1970er Jahre von Daniele Luchetti mit Micaela Ramazzotti

 

und hier einen Beitrag über den Film „Missverstanden – Incompresa“ – Kindheits-Drama eines vernachlässigten Mädchens in Rom von Asia Argento.

 

Beatrices aristokratisches Auftreten, ihre Begabung zur Hochstapelei und Donatellas existentielle Verzweiflung stürzen sie in Verwicklungen, aus denen sie sich schlitzohrig wieder herauswinden können. Ihre gute Laune geht allerdings bald flöten: Die Begegnungen mit früheren Vertrauten verlaufen arg enttäuschend. Am Ende erscheint ihnen die Villa Biondi als sicherer Zufluchtsort vor einer verrückten Außenwelt.

 

Valeria Bruni Tedeschi und Micaela Ramazzotti, beide Star-Schauspielerinnen in Italien, verkörpern ihre Hauptfiguren mit unbändiger Energie und Mut zur Grenzüberschreitung. Sie schonen weder sich noch den Zuschauer – ebenso lustvoll wie nervig. Manchmal wünscht man sich einfach einen Drehregler, um die hyperaktiven Ausreißerinnen und ihre Seelenqualen, die sie überspielen, herunterzuschalten: Trotz sonniger Heiterkeit geht es vor allem um Lebenstragödien und eine Kritik am italienischen Gesundheitssystem.

 

Furien faszinieren

 

Bleibt die Frage, warum Regisseur Paolo Virzí seinen Film über zwei leidgeprüfte Wesen im Original „La pazza gioia“ betitelt hat – also etwa „Die irre Freude“? Vielleicht, weil manische Frauen, die von einem rauschhaften Zustand in den nächsten fallen, seit den Furien der antiken Mythologie faszinieren: Ihre emotionalen Extremzustände wirken äußerst lebendig. Und in der dekadenten Oberschicht, der Beatrice entstammt, ist der Unterschied zwischen Exzentrik und Verrücktheit ohnehin nur schwer auszumachen.


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