Stuttgart

Francis Bacon – Unsichtbare Räume

Francis Bacon: Porträt Isabel Rawsthorne, auf einer Straße in Soho (Detail), 1967, 198 x 147,4 cm, SMB, Nationalgalerie. © The Estate of Francis Bacon/VG Bild-Kunst 2016. Fotoquelle: Staatsgalerie Stuttgart
Mit Sinnbildern der gequälten Kreatur wurde Francis Bacon berühmt. Seine Stilmittel waren sehr ökonomisch; darunter flüchtig skizzierte Raumlinien. Ihnen ist erstmals eine fulminante Ausstellung in der Staatsgalerie gewidmet – ein echter Augenöffner.

The elephant in the room nennt man im Englischen einen Sachverhalt, über den keiner spricht, obwohl er offensichtlich ist. Wenn Francis Bacon (1909-1992) Tiere malte, dann meist Affen, zuweilen Vögel. Doch in seinem Werk hat nun die Stuttgarter Staatsgalerie gemeinsam mit der Tate Liverpool, in der diese Schau im Sommer zu sehen war, bislang übersehene Elefanten ausgemacht: die seltsamen Raum-Gebilde, mit denen Bacon seine Figuren zu umgeben pflegte.

 

Info

 

Francis Bacon - Unsichtbare Räume

 

07.10.2016 - 08.01.2017

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Staatsgalerie, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart

 

Katalog 24,90 €

 

Website zur Ausstellung

 

Den "unsichtbaren Räumen" ist laut Kuratoren erstmals eine Ausstellung gewidmet: mit 40 klug ausgewählten Gemälden und selten gezeigten Zeichnungen. Dass zuvor niemand auf diese Idee kam, lässt sich angesichts ihrer Allgegenwart in Bacons Bildwelt wohl nur durch die Fixierung auf seine Figuren erklären. Diese verzerrten, verkrüppelten und halb verwischten Leiber und Gesichter, anatomisch unmöglich und zugleich von beklemmender Präsenz, wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Sinnbildern der gequälten Kreatur. Und ihr Schöpfer zum kanonischen Klassiker der modernen Malerei, zeitweise so berühmt wie Picasso – ohne jede professionelle Ausbildung.

 

Durchbruch mit drei Kreuzigungs-Wesen

 

Der in Dublin geborene Sohn britischer Eltern war als 16-Jähriger wegen seiner Homosexualität vom Vater aus dem Haus geworfen worden. Er hatte in Berlin und Paris sein coming out, kehrte 1928 nach London zurück und versuchte sich glücklos als Maler und designer. Bis er 1945 bei einer Galerie-Schau seinen Durchbruch erlebte: Das Triptychon "Drei Studien zu Figuren am Fuß einer Kreuzigung" mit unförmig kauernden, blinden und schreienden Wesen vor grellorangem Hintergrund erregte großes Aufsehen. Eine ähnliche, kurz danach entstandene Studie ist in Stuttgart zu sehen.

Impressionen der Ausstellung


 

In guter Gesellschaft der School of London

 

Von nun an mehrt jede Bilderserie und Ausstellung Bacons Ruhm. Er ist schon Ende der 1950er Jahre einer der bekanntesten stars des damaligen Kulturbetriebs – gerade weil er sich dem herrschenden Abstraktions-Dogma widersetzt. Bacon hält wenig von abstrakter Kunst; sie erscheint ihm wie beliebige Dekorationsware. Stattdessen schwebt ihm eine Malerei vor, deren emotionale Verdichtung "direkt auf das Nervensystem" zielt. Sie kommt nicht ohne menschliches Antlitz aus; allerdings in stark verfremdeter Form.

 

Mit diesem Ansatz ist Bacon im England der Nachkriegszeit nicht allein: Sein langjähriger Freund Lucian Freud porträtiert fast nur Zeitgenossen, von neusachlich kühl bis krass naturalistisch. Frank Auerbach und Leon Kossoff spachteln fingerdicke Farb-Landschaften auf die Leinwände. Richard Hamilton, David Hockney und R.B. Kitaj erfinden die britische Variante der Pop Art – Kitaj wird später den Begriff School of London für diese figurativen Maler prägen.

 

Lautlose Schreie passen zum Lebensgefühl

 

Doch keiner der Künstler-Kollegen ist in den 1950er Jahren so erfolgreich wie Bacon. Seine deformierten, auf düsteren Bildflächen ausgesetzten Figuren passen zum Menschenbild des Existentialismus – ähnlich wie die Skulpturen von Alberto Giacometti. Während dessen spirrlige Bronze-Strichmännchen aber schrundig und spröde daher kommen, fesseln Bacons Gestalten durch latent aggressive Ausstrahlung. Ihre lautlosen Schreie entsprechen einem Lebensgefühl, das von Kriegstraumata, Angestellten-Konformismus und Angst vor atomarer Vernichtung geprägt ist – der conditio humana im cold war age.

 

Ein Jahrzehnt lang grundiert der Maler seine Bilder nahezu immer stockdunkel oder monochrom schwarz – selbst bei den zahlreichen Variationen von Papst-Bildnissen nach dem Vorbild von Velázquez' Porträt des sitzenden Innozenz X. von 1650. Darin platzierte Einzelpersonen wirken zwangsläufig isoliert und verloren. Diesen Eindruck steigern noch Schraffuren im Hintergrund, die an Vorhänge oder Jalousien erinnern – und manchmal die Figuren durchdringen, als sei deren Gewebe durchlässig.

 

Perspektiven-Zeichnung als Verwirrspiel

 

Dagegen haben Konstruktionslinien, die seine Gestalten umgeben, verschiedene Effekte. Häufig skizziert Bacon luftige Kästen oder Kuben, die sie wie durchsichtige Käfige oder Särge einschließen. Zugleich werden dadurch die Figuren visuell betont; dem dienen auch diverse Sockel oder Podeste, auf denen sie quasi wie auf einem Präsentierteller hocken. Damit wolle er sie optisch dem Betrachter entgegenrücken, hat der Künstler mehrfach erklärt.

 

Allerdings schert er sich bei seinen Bildräumen nicht um korrekten Aufbau, im Gegenteil: Es gibt mehrere Fluchtpunkte oder gar keinen. Ebenen sind logisch widersprüchlich, Linien verschwinden im Nichts – als benutze Bacon künstlerische Mittel für die Illusion von Perspektive nur, um das Publikum zu foppen. Sein Verwirrspiel lässt durchblicken: Dem Maler geht es nicht um naturgetreue Nachahmung der Wirklichkeit, sondern um Darstellung von Kopfgeburten in Menschengestalt.

 

Kunstgenuss als peep show

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere“ über „Malerei in London 1950-80" mit Werken von Francis Bacon im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "R.B. Kitaj (1932 – 2007) Obsessionen" – große Retrospektive des Erfinders der "School of London" in Berlin + Hamburg

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Alberto Giacometti: Der Ursprung des Raumes“ – Retrospektive des reifen Werkes im Kunstmuseum Wolfsburg.

 

Das wird noch deutlicher, als Bacon ab den 1960er Jahren zu stark farbigen Hintergründen wechselt. Er möbliert sie sparsam, aber entschieden mit Betten und Sesseln, Teppichen und Geländern – meist kreisrund gebogen, so dass sie wie Drehbühnen erscheinen. Auf ihnen drapiert er humanoide Mischwesen und Torsi wie Schaustücke – gern in sexuell anzüglichen bis eindeutigen Posen. Kein Wunder, dass Spiegel im Bild die Szenen verdoppeln und mit Kameras bewehrte Voyeure um die Ecke lugen: Kunstgenuss als kaum kaschierte peep show.

 

Auch darin findet sich der Zeitgeist wieder, diesmal der 1960/70er Jahre. Der offen schwul lebende Bacon kostet den experimentierfreudigen Hedonismus der Epoche aus; er erlebt mit mehreren Partnern existentielle Dramen. Bis er in den 1980ern zu nüchterner Sachlichkeit zurückkehrt und sein repertoire erweitert – etwa auf Elementares wie Sanddünen und Wasserstrahlen.

 

In Max Webers stahlhartem Gehäuse

 

Fast 25 Jahre nach seinem Tod wirkt paradoxerweise einer seiner frühesten Werkkomplexe am aktuellsten: die Figurenstudien von Geschäftsleuten von Anfang der 1950er Jahre, bei denen anonyme Anzugträger in sterilen interieurs thronen.

 

Ihre Gebärdensprache changiert zwischen souverän und irritiert, ihre Mimik zwischen eisiger Überlegenheit und namenlosem Entsetzen – als perfekte Allegorien der "mechanisierten Versteinerung mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtignehmen", die der Soziologe Max Weber schon 1904/5 in seiner epochalen Studie über "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" als künftige Mentalität von Entscheidungsträgern in modernen Industriegesellschaften voraussagte.

 

Das "stahlharte Gehäuse" eines restlos durchkommerzialisierten Rationalismus, den Weber beschrieb, hat Bacon genial visualisiert  –  indem er es einfach als flüchtig linierte Kuben den Akteuren seiner Bilder überstülpt: Man möchte Reproduktionen davon jedem CEO eines internet start-up zu Weihnachten schenken.


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