Mannheim

Peter Gowland’s Girls

Modell: Candace Thayer, Silbergelatineprint, 25 x 20 cm, 1968. Foto: © Peter Gowland / Zephyr

Permanent Vacation: Als Pionier der Glamour- und Pin-up-Fotografie strickte Peter Gowland am Mythos vom Traumland Kalifornien mit. Zu seinem 100. Geburtstag zeigen die Reiss-Engelhorn-Museen 170 reizende Aufnahmen – in der ersten Retrospektive weltweit.

Fun in the sun: Am äußersten Rand der westlichen Welt liegt ein irdisches Arkadien. Dort scheint immer die Sonne; ewig rollen Pazifik-Wellen über endlose Sandstrände, an denen sich gebräunte junge Menschen unter Palmen räkeln, beach volleyball spielen oder bunte cocktails schlürfen. Dieser Sehnsuchtsort heißt Kalifornien – und Peter Gowland (1916-2010) war sein Chronist.

 

Info

 

Peter Gowland’s Girls

 

09.10.2016 – 29.01.2017

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im ZEPHYR | Raum für Fotografie, Reiss-Engelhorn-Museen, Bassermannhaus C 4.9, Mannheim

 

Katalog 29,90 €;
Kurzführer kostenlos

 

Weitere Informationen

 

Nicht etwa mit Landschafts- oder street photography: Zwar hat er auch derlei in seiner rund 50-jährigen Berufspraxis abgelichtet – doch das kommt in dieser Schau nicht vor. Nein: Wie Maler bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Leinwand nie die schnöde Realität festhielten, sondern stets das, was ihr Publikum sehen wollte, so auch Peter Gowland. Er hielt den spirit of California in scheinbar intimen Momenten fest: mit Bildern von leicht oder gar nicht bekleideten Körpern schöner Frauen.

 

Lebenslänglich Angeleno

 

Dafür war er prädestiniert. Gowland kam in Los Angeles zur Welt und blieb zeitlebens ein Angeleno. Seine Eltern waren Schauspieler; als junger Mann jobbte er in Filmstudios und machte sich mit allen Finessen der Aufnahme-Technik vertraut. Er war keineswegs ein womanizer: Mit 25 Jahren heiratete er seine Frau Alice schon beim zweiten date.

Impressionen der Ausstellung


 

Peter fotografierte, Alice verkaufte

 

Fortan bildeten beide – ähnlich wie später Helmut Newton und seine Frau June, die unter dem Pseudonym „Alice Springs“ arbeitete – ein eingespieltes team. Peter konzentrierte sich aufs Handwerkliche und entwickelte sogar seinen eigenen Fotoapparat; von dieser „Gowlandflex“ fertigte er mehrere 100 Stück für Kollegen wie Annie Leibowitz an. Alice kümmerte sich ums Geschäftliche: etwa die 25 Fotobücher, die sie publizierten. Oder um den Vertrieb von Muster-Katalogen, deren Motive Privatleute und Verlage bestellen konnten – Magazine und Kalender haben insgesamt mehr als 1000 Aufnahmen von Gowland abgedruckt.

 

Damit hat er drei Jahrzehnte lang die Frauenbilder in Männerköpfen mitgeprägt wie kaum ein anderer: Die „New York Times“ nannte ihn 1954 „America’s No. 1 Pin-Up-Photographer“. Wie sich diese Bilder im Lauf der Zeit wandelten, zeigen anschaulich die Ausstellung von 170 Abzügen, die ihm die Reiss-Engelhorn-Museen zum 100. Geburtstag ausrichten: als weltweit erste Retrospektive seines Gesamtwerks.

 

Unterwasser-Nixen im heimischen pool

 

Ende der 1940er Jahre herrschen noch pomp and circumstances. Da stehen oder sitzen im Studio grell geschminkte Frauen mit festbetonierten Frisuren in unglaublich gezierten Posen herum und lächeln so gequält, als sei ihnen alles sehr peinlich – nur zu verständlich. Zur gleichen Zeit gelingen Gowland unter freiem Himmel an der Küste ungezwungen wirkende Nacktfotos; das ist damals am Strand noch nicht verboten.

 

Was sich Anfang der prüden 1950er Jahre ändert. 1955 leisten sich Peter und Alice ein weitläufiges Eigenheim samt großem pool; er dient künftig als setting für hüllenlose Auftritte. Unterwasser-snap shots tauchender Nixen, umspült von wild wirbelnden Haarsträhnen und Luftbläschen, zählen zu den eigenwilligsten und fantasievollsten Bildern der Auswahl.

 

Allegorien purer Lebensfreude

 

Dazu kaschiert Gowland nackte Tatsachen mit Körperdrehungen und Schatten: „Ich versuche, eine Nackte so aussehen zu lassen, als sei sie bekleidet. Ich bevorzuge es, zu verdecken, zu verschönern und Dinge aufregend werden zu lassen.“ Damit schafft er eine Distanz zwischen Betrachter und Darstellung, die er durch Blickkontakt wieder ausgleicht: Oft sehen seine Fotomodelle direkt in die Kamera. Sie flirten geradezu mit ihr und erzeugen so den Anschein von Intimität: Dieser verführerische Augenaufschlag gilt nur Dir!

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Bettina Rheims: Bonkers – A Fortnight in London“ – glamouröse Foto-Inszenierungen weiblicher Erotik in der Galerie Camera Work, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Queensize – Female Artists from the Olbricht Collection“ über weibliche Körper-Bilder im me Collectors Room, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Alice Springs“ – weltweit erste Retrospektive mit Star- + Glamour-Fotografie der Frau von Helmut Newton im Museum für Fotografie, Berlin

 

und hier einen Besprechung der Ausstellung „Pacific Standard Time“ über Kunst in Kalifornien 1950 bis 1980 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Eine hübsche Illusion, wie fast alles auf Gowlands Fotografien: Sie künden von einem Wunderland ohne jede Mühsal und Gram. Heiter und verspielt, neckisch und schäkernd tummeln sich die girlies vor der Kamera – Allegorien purer Lebensfreude. Alltag oder gar Arbeit kommen allenfalls als ironisches accessoire vor. Da wollen Mädchen in high heels Baseball spielen und im Sand Ski fahren; ihre Kolleginnen servieren in knappen dessous Kaffee oder legen Papierkram ab.

 

Respektvolle Reize-Vermarktung

 

Ab etwa 1970 werden die Damen selbstbewusster; ihre Posen wirken gelöster und zeitlos – manche Aufnahmen könnten vor kurzem entstanden sein. Was allfälliger Kritik an männlicher Ausbeutung weiblicher Körper etwas den Wind aus den Segeln nimmt: Natürlich vermarktete Gowland ihre Reize, aber er stellte sie nicht bloß, sondern ging respektvoll mit ihnen um. Alle Porträtierten sind namentlich bekannt; für manche wie Joan Collins oder Jayne Mansfield waren diese photo sessions der Start in eine erfolgreiche Schauspiel-Karriere.

 

Wie gelang dem Fotografen diese Atmosphäre unbeschwerter Leichtigkeit? Wohl durch drei Faktoren: Bei allen shootings war seine Frau Alice dabei; ihre Anwesenheit verscheuchte jeden Hauch von testosterongeschwängertem Geschlechter-Kampf. Außerdem gab es stets Spiegel, in denen das Modell jederzeit sehen konnte, was die Kamera einfing.

 

Vom sonnyboy zum silicon valley

 

Schließlich wird sein unwiderstehlicher Charme gerühmt: „Jeder Raum, den Peter betrat, schien sich mit Sonnenschein zu füllen.“ Solche sonnyboys sind im glamour business rar geworden: Heutzutage verbindet man mit Kalifornien weniger die Traumfabrik Hollywood als vielmehr die Welteroberungs-Gelüste des silicon valley.


Diesen Artikel drucken