Davy Chou

Diamond Island

Bora (Noun Sobon) umwirbt Asa (Chhem Madeza), die sich nur für sein iPhone interessiert. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 19.1.) Lockruf der globalen Konsumkultur: Auf einer Insel in Kambodscha schuften junge Tagelöhner für ersehnten Wohlstand. Regisseur Davy Chou blendet in seinem Generationen-Porträt Lokales weitgehend aus – zugunsten von iPhones und Youtube.

Alle Welt kennt „The Palm Jumeirah“, zumindest von Fotos: Die vier Kilometer lange Inselgruppe in Form einer Palme wurde ab 2001 an der Küste von Dubai aufgeschüttet. Als spektakulärer Standort für Luxus-Villen mit skyline-Panorama und Symbol für den märchenhaften Reichtum der Emirate, der zwar keine Berge versetzen, aber künstliche Inseln anlegen kann. Doch wer kennt schon „Diamond Island“?

 

Info

 

Diamond Island

 

Regie: Davy Chou,

104 Min., Kambodscha/ Thailand/ Frankreich 2016;

mit: Noun Sobon, Nov Cheanik, Nut Samnang

 

Weitere Informationen

 

Die rund zwei Kilometer lange und 500 Meter breite Insel liegt im Zentrum der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh; dort münden zwei Flüsse in den Mekong-Strom. Auf der zuvor öden Sandbank entsteht seit 2006 ein funkelnagelneues Stadtviertel mit öffentlichen Gebäuden wie Rathaus, Theater und Messehalle. Eine Vergnügungsmeile aus Garküchen und Festzelten sorgt für geschäftiges Treiben. Projektentwickler errichten Wohntürme für Betuchte mit sprechenden Namen wie „La Seine“, „The Riviera“ und „Elite Town“.

 

Glitzernde Wohlstands-Verheißung

 

Kambodscha ist ein armes Land; fremde Geldgeber stehen nicht gerade Schlange, um hier ihre Dollarmilliarden anzulegen. Mit dem futuristischen Anblick von „The Palm“ kann sich „Diamond Island“ nicht messen. Doch für hiesige Verhältnisse ist es ein hot spot aus moderner Bausubstanz und Infrastruktur – und eine glitzernde Verheißung für alle Kambodschaner, dereinst an diesem Wohlstand teilzuhaben.

Offizieller Filmtrailer


 

Bauernsöhne auf Insel-Baustellen

 

In diesem synthetischen Stadtteil hat der 33-jährige Exil-Kambodschaner Davy Chou, dessen Eltern vor der Terror-Herrschaft der Roten Khmer (1975-1979) nach Frankreich geflohen waren, seinen ersten Spielfilm gedreht. Dass es Chou gelingt, dem recht begrenzten Insel-Areal immer neue Ansichten und Einblicke abzugewinnen, ist noch das Beste, was sich über sein Debüt sagen lässt – dortige Investoren werden sich über die kostenlose publicity freuen.

 

Bei Personal und plot hat Regisseur Chou keine glückliche Hand. Der junge Bauernsohn Bora (Nuon Sobon) wandert aus seinem Dorf nach Phnom Penh ab; dort verdingt er sich als Tagelöhner auf den Baustellen von „Diamond Island“. Seine Freizeit schlägt er mit gleichaltrigen Kollegen tot. Eines Tages begegnet Bora zufällig seinem älteren Bruder Solei (Nov Cheanik), der vor Jahren spurlos verschwand. Nun nimmt er Bora in seine clique aus middle class kids auf, die sich Motorroller und smartphones leisten können.

 

Statt nach Amerika in den coffee shop

 

Mehr geschieht nicht; der Rest ist teenager-Getändel. Viel Zeit verbringen Bora und seine Freunde mit der unter Halbstarken existentiellen Frage, wie man an Mädchen rankommt und sie rumkriegt. Wenn sie nicht Anmach-Tipps ausprobieren, stromern sie kreuz und quer durch ihr Eiland-Reservat. In die quirlige Kapitale jenseits der Insel-Brücke mit ihren engen Gassen und niedrigen Kolonial-Häusern entführt sie der Regisseur höchstens für eine Nacht in der Nobel-disco. So erscheint der Film seltsam ortlos; er könnte in jeder Sonderwirtschaftszone eines Schwellenlandes spielen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bonne Nuit Papa“ – Doku über eine deutsch-kambodschanische Familie und Folgen des Terror-Regimes der Roten Khmer von Marina Kem

 

und hier eine Besprechung des Films „Cemetery of Splendour“ – Mystery-Drama über das heutige Thailand von Apichatpong Weerasethakul

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Mythos Goldenes Dreieck“ über buddhistische Bergvölker in Südostasien im Ethnologischen Museum, Berlin.

 

Was auch ein Befund ist: Mit der Vergangenheit hat diese Jugend nichts am Hut; sie sehnt sich nur nach westlicher Konsumkultur. Solei verspricht zwar Bora, sein US-„Sponsor“ könne beide nach Amerika holen, doch stattdessen bringt er ihn nur als Tresenkraft im coffee shop unter. Andere Episoden – der Tod ihrer Mutter oder ein Arbeitsunfall – wirken willkürlich eingestreut; die Akteure gehen rasch und achtlos darüber hinweg.

 

Mit aktuellem iPhone verführen

 

So erfährt man kaum etwas über Kambodschas einzigartige Kultur, tragische Geschichte und problematische Gegenwart: Unter dem Einfluss von Vietnam mutiert es derzeit zum sweatshop-Standort für internationale Konzerne. Regisseur Chou sind Markennamen und „Youtube“- video clips wichtiger. Das dürfte auch an seinen Laien-Darstellern liegen, die er vor Ort und via „Facebook“ engagiert hat: Sie mögen authentisch sein, talentiert sind sie nicht.

 

Nur Boras Kumpel Virak (Nut Samnang) zeigt Rampensau-Qualitäten, die über braves Aufsagen banaler Dialogzeilen hinausgehen. Da bleibt nur die Einsicht, wie globalisiert Verführungskünste mittlerweile sind: Auch in Phnom Penh ist das neueste iPhone-Modell entscheidend.


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