Lars Eidinger

Die Blumen von gestern

Die französische Assistentin Zazie Lindeau (Adèle Haenel) und der Holocaust-Forscher Totila Blumen (Lars Eidinger). Foto: Piffl Medien Filmverleih

(Kinostart: 12.1.) There is no business like shoah business: In der eigenartigen Welt der Holocaust-Forscher siedelt Regisseur Chris Kraus eine Tragikomödie an. Gegen den Strich, abseits aller Rituale und aberwitzig grotesk – ein Experiment mit vollem Risiko.

Als im Oktober 2015 die Filmsatire „Er ist wieder da“ über Hitlers vermeintliche Rückkehr im Kino anlief, druckte der Berliner „Tagesspiegel“ auf seiner Titelseite ein Szenenfoto mit der Hauptfigur; der Kurztext stellte klar, dass es sich um einen Spielfilm handelte. Darunter lautete die Aufmacher-Schlagzeile: „Flüchtlingskrise wird Chefsache“; der Artikel beschäftigte sich mit Kanzlerin Merkel. Beides trennte ein dicker schwarzer Strich.

 

Info

 

Die Blumen von gestern

 

Regie: Chris Kraus,

125 Min., Deutschland/ Österreich/ Frankreich 2017;

mit: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Hannah Herzsprung, Jan-Josef Liefers

 

Website zum Film

 

Anderntags rauschte es laut im Blätter- und Medienwald: Fettnäpfchen, Fauxpas, Geschmacklosigkeit – Chefredakteur Lorenz Maroldt musste sich vielmals entschuldigen. Seiner linksliberalen Tageszeitung warf natürlich keiner vor, sie wünsche sich Hitler als Regierungschef. Doch die Kritiker unterstellten, manche Leser könnten die Bild-Text-Kombination missverstehen – oder sich zumindest peinlich berührt fühlen.

 

Faschismus-Keule kreist seltener

 

Was für den heutigen Stand der Debatte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit bezeichnend ist: Die Faschismus-Keule wird nur noch selten geschwungen. Jemandem vorzuhalten, er verharmlose Nazi-Praktiken, gilt als absolut ehrverletzend; das ist Konsens. Umso empfindlicher reagieren viele, wenn der Comment des öffentlich Sagbaren scheinbar verletzt wird.

Offizieller Filmtrailer


 

Im Spiegelkabinett der Beobachtung zweiten Grades

 

Andere könnten sich irritiert oder gekränkt fühlen, lautet das volkspädagogische Standard-Argument. Es geht nicht mehr um die Sache selbst oder ihre Darstellung, sondern um mögliche Reaktionen auf vermeintliche Abweichungen von kanonisierten Sprachregelungen – Systemtheoretiker würden sagen: um Beobachtung von Beobachtung. In diesem Spiegelkabinett verliert man leicht die Übersicht.

 

Regisseur Chris Kraus weiß genau, in welche Gemengelage er sich begibt: eine nationale Obsession, zu der alles gesagt ist und dennoch gebetsmühlenartig wiederholt wird. Dagegen sucht Kraus einen archimedischen Punkt jenseits politischer Korrektheit und ihrer parodistischen Verballhornung. Er setzt seinen Film aus lauter Elementen zusammen, die unvereinbar scheinen: Schräge Akteure mit bizarren Macken an bleischwer belasteten Schauplätzen hantieren mit Versatzstücken verschiedenster genres – vor allem der Sittenkomödie.

 

Endlich: ein neuer Film über die NS-Zeit

 

Am komischsten ist der Kino-Trailer. Schrifttafeln blenden ein: „Nach ‚Der Untergang‘, ‚Mein Führer‘, ‚Napola’…“ – es folgt ein halbes Dutzend weiterer Spielfilme über die NS-Zeit – „… endlich: ein neuer Film über den Nationalsozialismus“. Dann erzählt eine Shoah-Überlebende, sie wolle kein „Opfer-Gejammer absondern“, sondern lieber über ihr face lifting sprechen. Ihr Gegenüber lauscht zähneknirschend: Totila Blumen (Lars Eidinger) soll die betagte Dame als Gastrednerin für einen Gedenk-Kongress gewinnen.

 

Andere burleske Einlagen driften ins Krawallige ab. Zu Anfang vermöbelt Holocaust-Forscher Totila seinen künftigen Vorgesetzten (Jan Josef Liefers) derart, dass dieser fortan Halskrause und Nasenschienen tragen muss. Nach so einem Ausraster würde jeder Andere zwangstherapiert: Wer solche Kollegen hat, braucht keine Neonazi-Schläger mehr. Dieses Historiker-team begnügt sich mit galligen Nickeligkeiten.

 

Muse mit fünf Selbstmordversuchen

 

Ihr Institut gleicht der „Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen“ in Ludwigsburg, an der Regisseur Kraus ausgiebig recherchiert hat: eine Parallelwelt aus Aktenbergen und Langzeit-Forschung. Ihre staubige Routine wirbelt die französische Praktikantin Zazie Lindeau (Adèle Haenel) auf, um die sich Totila kümmern muss. Bis sich die Rollen umkehren und sie seinen Charakterpanzer knackt – ein klarer Fall von Identifikation mit dem Aggressor.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Chris Kraus über „Die Blumen von gestern“

 

und hier eine Besprechung des Films „Er ist wieder da“ – brillant sarkastische Satire über Hitlers Rückkehr von David Wnendt

 

und hier eine Kritik des Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – Biopic über den Staatsanwalt, der Adolf Eichmann aufspürte, von Lars Kraume mit Burkhart Klaußner

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Schüler der Madame Anne“ – französisches Pädagogik- Drama über NS-Aufklärung im Unterricht von Marie-Castille Mention-Schaar

 

und hier einen Bericht über den Film „Iron Sky“ – Nazi-Science-Fiction-Trash-Komödie von Timo Vuorensola mit Udo Kier als Hitler-Nachfolger.

 

Denn beide Hauptakteure sind durch ihre Herkunft schwer versehrt. Lars Eidinger spielt seinen Totila mit vollem Körpereinsatz, lässt ihn mit allem hadern und vor Schuldkomplexen, Geltungsdrang und Selbstzweifeln schier zerfließen. Dagegen glänzt Adèle Haenel mit gut getimter Chuzpe: Von der kratzbürstigen Klette wird sie im Nu zur herzensklugen Muse – der man allerdings ihre Opferrolle mit fünf Selbstmordversuchen kaum abnimmt.

 

Von Aha-Erlebnissen bis Fremdschämen

 

So mäandert der Film zwischen extremen Gegensätzen munter hin und her. Manche Passagen sind präzise dem akademischen Alltag abgelauscht, andere aberwitzig grotesk. Alle paar Minuten ändert sich die Tonlage; etliche Szenen krempeln das bisherige Geschehen um und rücken es in anderes Licht. Ein Wechselbad der Eindrücke von Aha-Momenten bis zu Fremdschämen – wenn etwa Totilas Frau (Hannah Herzsprung) mit Zustimmung ihres impotenten Gatten andere Männer vögelt, während er vor Eifersucht vergeht. What the fuck?

 

Regisseur Kraus lässt nichts aus. Dass er diesen Film mit viel Herzblut gedreht hat, merkt man ihm jederzeit an. Dabei bleibt er konsequent bei seinen Figuren: Abgesehen von zwei kurzen Abstechern nach Wien und Riga kommt die Welt außerhalb des Kleinkosmos Ludwigsburg nicht vor – schon gar nicht die geläufigen Gedenk-Rituale der holocaust industry.

 

Auf unsicherem terrain

 

Mit „Vier Minuten“ (2007) über eine Knast-Pianistin und „Poll“ (2010) über den Untergang des deutschen Adels im Baltikum hat Kraus zwei so originelle wie ergreifende Kinodramen geschaffen. Diesmal wagt sich der Regisseur an eine Tragikomödie über die deutsche NS-Aufarbeitung: Wie mutig er ausgetretene Pfade verlässt, ist beeindruckend. Damit wechselt er auf unsicheres terrain und tappt auch mal daneben; fragt sich, ob ihm das Publikum dorthin folgen will.


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