Juliette Binoche

Die feine Gesellschaft

Küste der Gegensätze: Nicht nur die Landschaft begeistert die adelige Isabel van Peteghem (Valeria Bruni Tedeschi), sondern auch die einfachen Muschelsammler der Region. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 26.1.) Vater der Klamotte: Regisseur Bruno Dumont will die Slapstick-Dramaturgie der frühen Stummfilm-Ära wiederbeleben. Seine plump inszenierte Sozial-Satire mit makabren Kannibalismus-Scherzen verendet sinnfrei an den Stränden der Normandie.

Regisseur Bruno Dumont hat sich viel vorgenommen: Neben Krimi, Kostümschinken, Sozialdrama und Satire soll „Die feine Gesellschaft“ vor allem eine hommage an klassischen Stummfilm-slapstick vor rund 100 Jahren sein. Das Konzept geht nicht auf: Allzu grob geschnitzt sind Personen, Konflikte und die angestrengte Komik. Dieser Pleite verleihen nur die authentische Ausstattung und schöne Landschaftsaufnahmen einen hübschen look.

 

Info

 

Die feine Gesellschaft

 

Regie: Bruno Dumont,

122 Min., Deutschland/ Frankreich 2016;

mit: Fabrice Luchini, Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi

 

Website zum Film

 

Ferienzeit 1910: Altadlige und Neureiche finden sich an der Normandie-Küste zur Sommerfrische ein. Zwei Welten prallen aufeinander: Die in ausladende Kleider geschnürten Städterinnen mit Rüschenblusen, Handschuhen und Sonnenschirm staunen über die einfachen Muschelfischer mit ihren wettergegerbten Gesichtern. So herrlich ursprünglich und pittoresk mutet es an, wenn sie in der rauen und weiten Landschaft ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie arbeiten hart – was für ein Schauwert!

 

Transsexueller teenager

 

Auch die adelige Familie van Peteghem versucht, ihre angespannten Nerven in ihrer Villa auf dem Land zu beruhigen. Die stinkreiche und völlig überdrehte Sippe besteht aus Vater André (Fabrice Luchini), Mutter Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi), Tante Aude (Juliette Binoche) und deren verzogenen Kindern. Darunter Billie, der/die sich nicht entscheiden kann, ob er/sie als Mädchen oder Junge auftreten will; mit seinen Kusinen tobt der teenager durch die malerische Landschaft.

Offizieller Filmtrailer


 

Dick + Doof stapfen durch Dünen

 

Unterhalb der Dünen, direkt am Meer, wohnt die Fischerfamilie Rohbrecht: Die Eltern hüten eine Schar dreckiger, ewig hungriger Jungs; allen voran der pubertär pickelige Sohn Lümmel (Brandon Lavieville). Neben Fischfang hat der Vater noch einen zweiten Erwerbsquelle: Er befördert elegante Damen und Herren trockenen Fußes über die Bucht. Merkwürdigerweise kommen nicht alle Kunden auf der anderen Seite an.

 

Ein Urlauber nach dem anderen verschwindet; das ruft die Polizei auf den Plan. Unbeholfen und absurd formell gekleidet, streifen die Kommissare Blading und Böswald durch die Dünen, um den Fall zu lösen; der eine dick, der andere doof, erinnern beide nicht zufällig an Stan Laurel und Oliver Hardy. Eine zarte Romanze zwischen Billie und Lümmel zwingt die beiden Familien, miteinander Tuchfühlung aufzunehmen. Als Billie verschwindet, ergibt sich eine neue Spur – führt sie etwa in den Kochtopf von Familie Rohbrecht?

 

Tonspur wie Applaus aus der Dose

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Überglücklichen“ – quicklebendige Psychatrie-Komödie von Paolo Virzì mit Valeria Bruni

 

und hier eine Besprechung des Films „Anhedonia – Narzissmus als Narkose“ – schräge Therapie-Groteske von Patrick Siegfried Zimmer mit Blixa Bargeld

 

und hier einen Bericht über den Film „In ihrem Haus“ – raffiniert trickreicher Voyeurismus-Thriller von François Ozon mit Fabrice Luchini 

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Wolken von Sils Maria“ – komplexes Reflexions-Drama von Olivier Assayas mit Juliette Binoche.

 

Man merkt schon: Handlung und Figuren werden völlig ins Absurde verzerrt. Die Städter treten total degeneriert und überspannt auf, die Landbevölkerung debil und grobschlächtig. Da bleibt kein Raum für spannende Begegnungen oder Konfrontationen zwischen den Gesellschafts-Schichten. Jede Sozialkritik wird von plump gezeichneten Karikaturen erstickt; akustisch passend untermalt von knarzenden Gelenken oder polternden Stürzen.

 

Das ist enervierend und wirkt so gezwungen wie der aus der Konserve eingespielte Applaus bei US-amerikanischen sitcoms. Ähnlich deplatziert erscheinen die makabren Anspielungen auf Kannibalismus: Derlei hat zwar im französischen Autorenkino eine gewisse Tradition, etwa in dem Überraschungserfolg „Delicatessen“ (1991) von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro – aber selten kam das so unsubtil und geschmacklos daher wie in diesem Film.

 

Drei deplatzierte stars

 

So bleibt Regisseur Bruno Dumont weit hinter seinen Vorbildern im frühen 20. Jahrhundert zurück. Da fragt sich, warum mit Fabrice Luchini, Juliette Binoche und Valeria Bruni Tedeschi gleich drei stars des romanischen Kinos bei diesem platten Klamauk mitwirken: Was als hommage an fast vergessene Anfänge der Filmgeschichte gedacht ist, gerät zum sinnfreien Leinwand-Desaster.


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