Chris Kraus

Enkel von NS-Opfern machten Witze

Chris Kraus. Foto: Piffl Medien Filmverleih

Ein Titel wie ein Haiku, ein Drama mit langem komödiantischen Anlauf: Mit „Die Blumen von gestern“ will Regisseur Chris Kraus die Nachfahren von Tätern und Opfern miteinander versöhnen. Dazu inspirierte ihn seine Familiengeschichte, erzählt er im Interview.

Herr Kraus, was bedeutet der rätselhafte Titel „Die Blumen von gestern“?

 

Manchmal mache ich ein Gedicht wie ein Haiku. Es geht um eine Familiengeschichte und das Gestern, das ins Heute kommt. Mehr kann ich dazu nicht sagen; die Formulierung spielt natürlich mit Freiräumen und Assoziationen.

 

Ihr Film begibt sich in ein Minenfeld des bundesdeutschen Selbstverständnisses: den Umgang mit der NS-Vergangenheit. Was hat Sie motiviert, dieses Thema aufzugreifen?

 

Info

 

Die Blumen von gestern

 

Regie: Chris Kraus,

125 Min., Deutschland/ Österreich/ Frankreich 2017;

mit: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Hannah Herzsprung, Jan-Josef Liefers

 

Website zum Film

 

Das hat sehr viel mit persönlichen Interessen zu tun. Ich erfuhr vor 15 Jahren die Geschichte meines Großvaters und habe danach zehn Jahre lang recherchiert. Da taten sich Dinge auf, die in der so genannten Vergangenheitsbewältigung nie gestreift werden: die persönliche Betroffenheit einzelner Menschen. Darüber wollte ich einen Film drehen; in einer Tonlage, die ich in diesem Land so noch nicht erlebt habe.

 

Mikroskopische Detail-Nähe

 

Sehen Sie sich als Betroffener der Enkelgeneration – und macht Sie das nicht etwas befangen?

 

Wer wäre das nicht? Eine gewisse Betroffenheit oder auch Befangenheit ist eine Voraussetzung für künstlerische Tätigkeit: Die Distanz sollte nicht allzu groß sein. Mir hat gerade solche Nähe die Möglichkeit eröffnet, mikroskopisch bis ins Detail zu gehen. Einen solchen Film kann man nur machen, wenn man sich in der Thematik auskennt. So kam ich auf die Idee, ihn teilweise komödiantisch zu erzählen, weil ich das in der Realität erlebt habe.

 

Als Enkel eines Täters traf ich in Archiven Enkel von Opfern; sie kamen auf mich zu und haben sofort Witze gemacht. Die Tatsache, dass ich später nachdachte, ob ich darüber hätte lachen dürfen, gab die Tonlage dieses Films vor. Ich hatte das Gefühl, sie würde mir persönlich gut tun – und vielleicht auch anderen.

Auszüge des Interviews mit Chris Kraus


 

Pragmatisch wie ein Chirurg

 

Ihr Film bleibt auf der privaten Ebene. Die öffentliche fehlt: Jene ritualisierten Gedenktage mit Ansprachen und Kranzniederlegungen, die oft wie ein Staatskult wirken. Oder die endlosen Feuilleton-Debatten über Sprachregelungen und Tabus: Warum kommt diese Form der Vergangenheitsbewältigung nicht vor?

 

Weil sie auch in der professionellen Beschäftigung mit dem Thema völlig fehlt. Historiker und Holocaust-Forschern interessiert das öffentliche Gedenken nicht; sie gehen damit sehr pragmatisch um, ähnlich wie ein Chirurg mit menschlichen Körpern. Ich finde das richtig, und es fasziniert mich.

 

Ich wollte mit dem Film nichts abarbeiten oder zeigen, dass ich es berücksichtigt habe – dann wäre ich in die allgegenwärtige Falle der Gretchenfrage getappt: Darf man dies oder jenes sagen oder tun? Ich versuche nur, wenige Figuren so genau wie möglich zu beschreiben. Allerdings fragen sich beide Hauptfiguren ständig, was richtig oder falsch ist. Gerade der Holocaust-Forscher Totila Blumen fordert oft politische Korrektheit ein.

 

Erlösung durch Konfrontation mit Gegenseite

 

Die Hauptfiguren sind völlig gegensätzlich: Totila ist ein Täter-Nachfahre mit dunkler Vergangenheit, seine Praktikantin hat als Opfer-Nachkomme fünf Selbstmordversuche hinter sich. Anfangs geraten beide laufend in komische Situationen, später entdecken sie eine tragische persönliche Verbindung. Ist das nicht etwas konstruiert?

 

Es soll Fährten legen hin zum Kern der Geschichte: Ich wollte Nachfahren von Tätern und Opfern miteinander versöhnen. Jemand, der selbst belastet ist, will sich durch seine Taten reinwaschen, scheitert an den eigenen Affekten – und wird in gewisser Form erlöst durch die Gegenseite. Diese Konfrontation habe ich gesucht. Durch den langen komödiantischen Anlauf soll der Film in Fahrt kommen, und mit ihm der Zuschauer. Es ist aber keine Komödie, sondern ein Drama mit komödiantischen Mitteln – die man sonst mit diesem Thema nicht verbindet.

 

Zwei Wochen Glück sind schon sehr viel

 

Warum währt die Versöhnung, die Ihnen so wichtig ist, nur kurz?

 

Goethe hat einmal gesagt: Zähle ich alle glücklichen Momente meines Lebens zusammen, komme ich auf zwei Wochen – das ist schon sehr viel. Warum sollte eine glückliche Sekunde länger dauern? Das ist die große Lüge des happy end: Man denkt, es bleibe stabil, wenn der Vorhang fällt; das funktioniert im Leben nicht. Die Figuren haben ihren Glücksmoment; was sie daraus machen, bleibt ihnen und dem Zuschauer überlassen. Ich als Autor weiß es nicht.

 

Sich die eigene Familiengeschichte ansehen

 

Der Film spielt unter Mitarbeitern eines Holocaust-Forschungsinstituts: ein sehr kleines Milieu mit ganz speziellen Eitelkeiten und Konflikten. Fürchten Sie nicht, dass ein großer Teil des Publikums wenig damit anfangen kann?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Blumen von gestern“

 

und hier eine Besprechung des Films „Er ist wieder da“ – brillant sarkastische Satire über Hitlers Rückkehr von David Wnendt

 

und hier eine Kritik des Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – Biopic über den Staatsanwalt, der Adolf Eichmann aufspürte, von Lars Kraume mit Burkhart Klaußner

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Schüler der Madame Anne“ – französisches Pädagogik- Drama über NS-Aufklärung im Unterricht von Marie-Castille Mention-Schaar

 

und hier einen Bericht über den Film „Iron Sky“ – Nazi-Science-Fiction-Trash-Komödie von Timo Vuorensola mit Udo Kier als Hitler-Nachfolger.

 

Als ich an den Film heranging, wollte ich das Erstaunen und die Befreiung, die ich bei der Beschäftigung mit der Geschichte meiner Familie empfand, auf die Zuschauer übertragen. Der betroffene Personenkreis ist viel größer als das Akademiker-Milieu, in dem der Film spielt. Ich greife das Thema auf, weil ich spüre, dass all die Leute, die zu den üblichen Gedenkritualen pflichteifrig nicken, sich nie fragen, was zur NS-Zeit in ihrer eigenen Familie passiert ist. Es geht um einzelne Schicksale in diesem Land; vor allem in der Generation zwischen 40 und 60 Jahren.

 

Filme über die NS-Zeit sind politisch gewollt und daher leicht zu finanzieren. Doch viele dieser Filme werden aus Überdruss gar nicht mehr wahrgenommen; sie erreichen kaum noch jemanden. Dabei geht das Thema uns immer noch an, weil es nie verarbeitet wurde. Es wurde verdrängt oder auf eine Institutionalisierung des Schmerzes verschoben. Das versucht der Film ironisch aufzuheben, indem er Einzelpersonen in den Blick nimmt. Mein Vorschlag ist: Die Leute sollten sich ihre eigene Familiengeschichte ansehen.

 

Aktueller als vor fünf Jahren

 

Noch vor wenigen Jahren war die Debatte um den richtigen Umgang mit NS-Vergangenheit und Rechtsextremismus sehr lebhaft. Inzwischen stehen andere Themen und Konflikte wie Islamismus und Terrorismus im Vordergrund. Kommt Ihr Film zu spät?

 

Keineswegs. Haben Sie schon einmal einen deutschen Film gesehen, der sich diesem Thema auf diese Weise nähert? Ich auch nicht. Als ich vor fünf Jahren begann, das Drehbuch zu schreiben, war nicht absehbar, dass es solch eine Aktualität erhalten würde. Ich versuche zu schildern, dass jederzeit Ähnliches wieder passieren könnte wie dasjenige, was die Vorfahren der Filmhelden erfahren haben. Das deutet sich nun an, was mich erschüttert: bei internationalen Konflikten, aber auch bei der rechtspopulistischen Bewegung hierzulande. Dadurch wird der Film leider viel aktueller als vor fünf Jahren.


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