Juho Kuosmanen

Filmemachen ist wie Profi-Boxen

Regisseur Juho Kuosmanen. Foto: Kuokkasen Kuvaamoȃ, © Camino Filmverleih

Mit „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ hat Regisseur Juho Kuosmanen ein etwas anderes Sportler-Drama gedreht: Der Held macht aus der Niederlage einen Privat-Sieg. Ein Gespräch über Finnlands erstes großes Sport-Event mit schüchternem Anti-Star.

Herr Kuosmanen, Ihr Boxer-Film erscheint mit seiner Schwarzweiß-Ästhetik wie aus der Zeit gefallen. Wann haben Sie sich dafür entschieden, auf altmodischem 16-Millimeter-Material zu drehen?

 

Anfangs war ich von der Idee, ein biopic zu drehen, nicht begeistert. Aber wenn ich das tue, soll es sich auch alt anfühlen und die damalige Epoche visuell aufgreifen. Wir testeten verschiedene Varianten und landeten schließlich bei einem sehr alten Schwarzweiß-Film, dem Kodak Tri-X in 16 Millimeter Breite. Wir dachten sogar darüber nach, im 4:3-Format zu drehen. 

 

Warum wollten Sie ursprünglich kein Biopic drehen?

 

Info

 

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki

 

Regie: Juho Kuosmanen,

92 Min., Finnland/ Schweden/ Deutschland 2016;

mit: Jarkko Lahti, Oona Airola, Eero Milonoff

 

Website zum Film

 

Wegen der Produktionsbedingungen: Man muss jedes set bauen, und das kostet Flexibilität. Bei meinen früheren Filmen sind wir immer losgezogen, haben nach passenden Orten gesucht und dort direkt gedreht. Ich mag es, wenn ich die Kamera frei bewegen kann. In gebauten Kulissen gibt es immer Ansichten, die man nicht zeigen kann. Arbeit am set ist teurer, aber oft sehen die Filme weniger lebendig aus.

 

Erstmals Werbung + sponsoring

 

War der Kampf um den Weltmeistertitel im Federgewicht 1962, Olli Mäkis einmalige Chance, eines der ersten großen Sport-events in Finnland?

 

Wir hatten zuvor die Olympiade und andere wichtige Wettkämpfe, aber als singuläres Sport-event war es eine Premiere für Finnland. Heute sind Olympiade-Teilnehmer hochprofessionell, damals war das noch anders: Kein Athlet hatte Sponsoren. Bei diesem Kampf gab es erstmals Werbung, sponsoring und ein Rahmenprogramm. An diesem Abend fanden insgesamt sechs oder sieben Kämpfe statt; der von Olli Mäki war der abschließende Höhepunkt. Manche Leute fuhren sehr weit, um diesen fight zu sehen, der am Ende nur wenige Minuten dauerte.


Offizieller Filmtrailer


 

Auf Personenkult nicht vorbereitet

 

Der Olli Mäki ihres Films ist zwar Boxer, aber andere Dinge sind ihm genauso wichtig, vielleicht sogar wichtiger. Könnte er heute Profi sein?

 

Er steht an einem Kreuzweg des Lebens und muss entscheiden, was für ihn wirklich wichtig ist. Obwohl er ein toller Boxer war, fehlte es ihm am ganz großen Ehrgeiz. Es fiel ihm sehr schwer, diese Profi-Welt zu betreten. Er war ein Linker; die dachten in den 1960er Jahren noch, im Sport gehe es darum, sich selbst herauszufordern.

 

Es ging ihm nicht um Geld; es passte nicht zu seinem Weltbild, im Mittelpunkt eines solchen Brimboriums zu stehen. Mit Personenkult hatte er nichts am Hut. Olli war der erste finnische Sportler, der zum Star hochgejubelt wurde. Das ist nicht lustig, wenn man nicht darauf vorbereitet wird, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein.

 

Je größer der Geldbedarf, desto mehr handshakes

 

Wollte er einfach nur boxen?

 

Er liebte das Boxen – aber nicht die ganzen „Fliegen“, wie er sie nannte: all die Figuren, die sich im Sport tummeln und durch Werbung usw. ein Spektakel daraus machen. Olli war etwas schüchtern. 

 

Gibt es Parallelen zwischen ihm und Ihnen?

 

Sehr viele: zwischen ihm und mir, aber auch zwischen dem Boxen und dem Filmemachen. Für ein Box-event braucht man – genau wie für einen Film – eine Menge Geld. Um da ranzukommen, muss man in die Öffentlichkeit gehen: Je mehr Geld man braucht, desto mehr Hände muss man schütteln. 2010 gewann ich mit meinem Abschlussfilm „The Painting Sellers“ beim Festival in Cannes den Cinefondation Award: Dadurch wird man mit dem nächsten Film in den Wettbewerb eingeladen. Das kann die Chance deines Lebens sein!

 

Gleichzeitig macht einem das Angst; schließlich kann man auch scheitern. Ich schleppte meine eigenen Erwartungen, aber auch die des finnischen Publikums, jahrelang mit mir herum. Alles, was ich schrieb, kam mir nicht gut genug vor. Dann fand ich Ollis Geschichte und konnte gut damit umgehen: Sein Porträt ist eine Allegorie auf mich.

 

Glückwünsche vom Präsidenten

 

Olli Mäki ist in Finnland eine bekannte Persönlichkeit. Wie waren die Reaktionen auf den Film?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“

 

und hier eine Besprechung des Films „Zeit für Legenden – Race“ – gelungener Sport-Historienfilm über Jesse Owen + die Olympiade 1936 in Berlin von Stephen Hopkins

 

und hier einen Bericht über den Film „Härte“ – Biopic-Drama über einen Karate-Weltmeister von Rosa von Praunheim

 

und hier eine Besprechung des Films „Die Kinder des Fechters“ – originelles Drama über estnischen Fechter in der Stalin-Ära von Klaus Härö

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Mythos Olympia – Kult und Spiele in der Antike“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

In der Generation meiner Eltern kennt ihn jeder, bei den Jüngeren nicht unbedingt. Die ersten heimischen Reaktionen waren überwältigend: Sogar der Präsident ließ mir Glückwünsche ausrichten.

 

Half es Ihnen, dass Sie mit Ihrem Hauptdarsteller Jarkko Lahti zusammen aufgewachsen sind?

 

Es war schön, ihn während der sehr langen Vorbereitungszeit an meiner Seite zu wissen; er spielt sonst meistens Theater. Dabei musste er mit ganzem Körpereinsatz trainieren, um glaubwürdig einen Boxer spielen zu können. Wenn es Teil des eigenen Alltags wird, spielt man den Boxer nicht mehr, sondern ist einer. Er liebt Boxen und macht es immer noch. An Details sieht man aber, dass er kein Profi ist: Er hält seine Handschuhe etwas zu hoch und deckt ein wenig zu kurz.

 

Olli Mäki leidet an Alzheimer

 

Der Abspann zeigt den realen Olli Mäki und seine Frau Raija als flanierendes altes Paar. Wie kam es zu dieser liebenswerten Begegnung von Filmfigur und Vorbild?

 

Die stand nicht im Drehbuch. Beide waren anfangs öfter beim Dreh dabei; also beschlossen wir, es wäre nett, sie mit in den Film aufzunehmen. Wir verzichteten aber darauf, die Gesichter zu zeigen: Das hätte sicher irritiert und auch die Fiktion verwässert. Sie haben uns viele Einzelheiten erzählt; etwa, wie Olli den Verlobungsring für seine Raija gekauft hat. Wenn sie meine Nachfragen nicht beantworten wollte, sagte sie immer: ‚Daran kann ich mich nicht erinnern.‘

 

Olli Mäki leidet heute an Alzheimer. Weckt dieser Film bei ihm wieder Erinnerungen an diese Zeit?

 

Er erinnert sich gut an diese Jahre. Aber er wiederholt sich sehr häufig und stellt nach fünf Minuten die gleichen Fragen noch einmal. Trotzdem war es toll, ihn bei den Dreharbeiten dabei zu haben: Man bekommt ein Gespür für seinen Humor und dafür, wie nett er ist.


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