Juho Kuosmanen

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki

Vor dem Boxkampf muss sich Olli Mäki (Jarkko Lahti) wiegen lassen. Foto: Kuokkasen Kuvaamoȃ, © Camino Filmverleih

(Kinostart: 5.1.) Schöner scheitern: Der finnische Boxer Olli Mäki wird 1962 von seinem überambitionierten Manager in einem WM-Kampf verheizt, gewinnt aber seine große Liebe – entschleunigtes Sportlerdrama in Schwarzweiß von Regisseur Juho Kuosmanen.

Fast „Wie ein wilder Stier“: Aus diesem Stoff hätte auch eine krachledernde Variation des Films „Raging Bull“ (1980) von Martin Scorsese werden können. Der unscheinbare Bäcker Olli Mäki (Jarkko Lahti) boxt und gewinnt diverse Kämpfe. Sein Manager Elis (Eero Milonoff) will ihn zum ersten finnischen Weltmeister machen und verspricht der Presse ein Spektakel ungeahnten Ausmaßes – die Geschichte der Niederlage des „Bäckers aus Kokkola“ ist vielen Finnen bis heute geläufig.

 

Info

 

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki

 

Regie: Juho Kuosmanen,

92 Min., Finnland/ Schweden/ Deutschland 2016;

mit: Jarkko Lahti, Oona Airola, Eero Milonoff

 

Website zum Film

 

Im Sommer 1962 tritt Olli in Helsinki gegen den Box-Weltmeister Davey Moore an. Doch der gemächliche Olli ist inzwischen sehr in Raija (Oona Airola) verliebt und am Erfolg akut noch weniger interessiert als ohnehin schon. Also wird er von Moore in einem kurzen Kampf zusammengedroschen. Ob es an der Ablenkung durch die Liebe oder an der panischen Hybris seines Trainers liegt, der Olli in einer ungünstigen Gewichtsklasse verortet, bleibt offen.

 

Kein suspense

 

Viel mehr als die Vorbereitung auf den Kampf und sein Ablauf passiert auf der plot-Ebene nicht. Auf suspense setzt Regisseur Juho Kuosmanen in seinem Langfilm-Debüt „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ überhaupt nicht. Zumal es hier ohnehin nicht ums Gewinnen geht, eigentlich nicht einmal ums Boxen. Seine unaufgeregte Kraft bezieht der Film vor allem aus seinen Bildern: Alles geschieht mit einer in sich ruhenden Selbstverständlichkeit.

Offizieller Filmtrailer


 

Retro, aber dezent

 

Gedreht wurde in Schwarzweiß auf 16-Millimeter-Material, was einen sehr dezenten und tatsächlich immersiven, also vereinnahmenden retro-Effekt erzeugt. Musik wird weitgehend ausgespart, oder abstrahierend eingesetzt, von Emotionslenkung keine Spur. Die Wahl des Bildausschnitts korrespondiert in beiläufig wirkender Präzision mit dem Erzählten.

 

Beim Training bleibt die Kamera nah am Körper. Wenn Olli, von seinem zunehmend nervös werdenden Manager gedrängt, macht, was er machen muss, ziehen sich die Räume zusammen. In der Begegnung mit dem geliebten Menschen hingegen kehrt Frieden ein und der Bildraum wird tendenziell weit. Regisseur Kuosmanen gelingt damit eine interessante Verschaltung von Künstlichkeit und Realismus.

 

Entschleunigter Rhythmus

 

Beiläufig und genau sind auch die Schlüsselszenen gesetzt; etwa der Moment, der klarstellt, dass diese Liebe eine ernsthafte ist: Olli Mäki liegt in der unteren Ebene eines Hochbetts, oben Raija. Kurz vor dem Einschlafen legt er die Hand von unten an ihre Matratze, mehr nicht – ein Aufschub und ein Versprechen auf Intimität.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview zum Film mit Regisseur Juho Kuosmanen

 

und hier eine Rezension des Films „Zeit für Legenden – Race“ – gelungener Sport-Historienfilm über Jesse Owen + die Olympiade 1936 in Berlin von Stephen Hopkins

 

und hier einen Bericht über den Film „Härte“ – Biopic-Drama über einen Karate-Weltmeister von Rosa von Praunheim

 

und hier eine Besprechung des Films „Die Kinder des Fechters“ – originelles Drama über estnischen Fechter in der Stalin-Ära von Klaus Härö

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Mythos Olympia – Kult und Spiele in der Antike“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Wenn Raija auf dem Weg zum großen Kampf ihres Verlobten mit eher unbewegter Miene im Gehen noch schnell ein sandwich verdrückt, wird klar, wie Ruhm und Ehre und das eigene – von außen offenbar unberührbare – Glück hier gewichtet werden.

 

Keine Kaurismäki-Kopie

 

Man kann diesen Film in seinem langsamen Rhythmus und der forciert wirkenden Vermeidung jedweder Dramatik fade finden. Wenn er einen aber im richtigen Moment erwischt, gibt es unverhoffte Schönheit zu entdecken. Sie räumt dann auch den sich aufdrängenden Anfangsverdacht aus, man habe es hier mit einer klischeehaft „finnischen“ Kopie des renommierten Autorenfilmers Aki Kaurismäki zu tun.

 

Kuosmanens Film erschöpft sich nicht in seiner lakonischen Atmosphäre, sondern erzählt stringent und pointiert von einer heilsamen Indifferenz gegenüber allen Versuchen, sich größer zu machen, als man ist.

 

Scheitern, aber gewinnen

 

Während der Pressekonferenz im Vorfeld des Kampfes erklärt Olli Mäki als Anwärter auf den Weltmeistertitel den Journalisten und seinem zunehmend entnervten Manager, dass er sich freue, gegen einen Gegner wie Davey Moore anzutreten: „So verliere ich wenigstens nicht gegen einen schlechten Boxer.“

 

In dieser entspannten Haltung gegenüber der Möglichkeit des Scheiterns, die der Film mit seinem Helden teilt, widerspricht „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ den gängigen Konventionen seines Genres vehement. Kein Film über kämpfende Männer, sondern einer, dem es gelingt, von einer schließlich geglückten Verbindung zweier Menschen zu erzählen, ohne einen falschen Ton anzuschlagen.


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