Jennifer Lawrence

Passengers

Lost in Space Junk: Jim (Chris Pratt)und und Aurora (Jennifer Lawrence) versuchen vergeblich, in den Kommando-Raum des Raumschiffs zu gelangen. Foto: © 2016 Sony Pictures

(Kinostart: 5.1.) Robinsonade im Luxus-Raumschiff: Chris Pratt und Jennifer Lawrence leben wie Adam und Eva im Hightech-Paradies. Bis ein Asteroid die subtile Verhaltens-Studie von Regisseur Morten Tyldum mit bombastischem Spezialeffekte-Getöse pulverisiert.

Ein Mann wacht auf und blickt sich verstört um. Er ist allein, fühlt sich fremd und verloren. Doch mit Geduld und Spucke, Tatkraft und Erfindungsgeist richtet er sich allmählich in seiner neuen Umgebung ein. So beginnt „Robinson Crusoe“ (1717) von Daniel Defoe: Der erste englische Roman buchstabiert das Selbstverständnis moderner Individualität mustergültig aus. So beginnt auch „Passengers“ von Regisseur Morten Tyldum: als science fiction-Robinsonade im Weltraum.

 

Info

 

Passengers

 

Regie: Morten Tyldum,

116 Min., USA 2016;

mit: Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne

 

Website zum Film

 

Aus Defoes Schiffbrüchigem ist ein Opfer unausgereifter Hochtechnologie geworden. Jim (Chris Pratt) zählt zu den 5000 Kolonisten, die an Bord des Raumschiffs „Avalon“ 120 Jahre lang durch die Weiten des Alls fliegen sollen, um den Planeten „Homestead II“ („zweite Heimstätte“) zu besiedeln. Sie verbringen fast die gesamte Reise schlafend in so genannten Stasis-Kammern; erst drei Monate vor Ankunft werden sie geweckt. Doch bei der Kapsel von Jim läuft etwas schief: Sie öffnet sich 90 Jahre zu früh.

 

Pool mit Milchstraßen-Panorama

 

Da trifft sich gut, dass Jim ein pragmatischer Maschinenbau-Ingenieur ist. Nachdem sein Versuch scheitert, die Schlaf-Kiste mit dem Werkzeugkasten zu reparieren, fügt er sich ins Unvermeidliche und macht das Beste daraus. Die „Avalon“ hat ihm viel zu bieten: Als Mix aus Kreuzfahrtschiff und Freizeitpark von Kleinstadt-Ausmaßen lockt sie mit Attraktionen wie basketball-Platz und swimming pool mit Milchstraßen-Panorama, cinemascope-Kino und disco mit Hologramm-Tänzern.

Offizieller Filmtrailer


 

Jahrzehntelang Gläser putzen

 

In drei Edel-Restaurants servieren Roboter-Kellner Delikatessen; an der art deco-Bar freut sich Android Arthur (Michael Sheen), nach jahrzehntelangem Gläserputzen endlich seinen ersten Gast begrüßen zu können. Sogar kurze Weltraum-Spaziergänge im space suit an der langen Leine sind möglich. Jim kostet alles aus und durchläuft dabei die klassischen Stadien jedes expat in der Fremde: Euphorie, Ernüchterung, Frustration – und aktive Anpassung.

 

Denn über seine kosmische Einsamkeit trösten ihn auch die allabendlichen Theken-Plaudereien mit Arthur nicht hinweg. Defoe gesellte seinem Robinson den Insulaner „Freitag“ als Gefährten bei. 300 Jahre später darf Jim seine Traumfrau aus ihrem Schneewittchen-Winterschlaf holen: Aurora (Jennifer Lawrence) ist Autorin aus New York. Als erster Mensch wollte sie die Rundreise nach „Homestead II“ und zurück machen, um nach 240 Jahren die ultimative space travel story zu veröffentlichen.

 

Kammerspiel im XXL-Format

 

Stattdessen erlebt sie nun die gleichen Phasen wie zuvor ihr Partner, der sie dabei so souverän wie taktvoll begleitet – bis sie ihm ihre Gunst gewährt. Adam und Eva im high tech-Paradies: Pratt und Lawrence spielen das beeindruckend nuanciert, mit allen Zwischentönen von Anziehung und totaler Fixierung – es ist ja kein anderer da – bis zu Abstoßung und radikalem Bruch: Du hast mein Leben ruiniert!

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Arrival“ – faszinierend intelligenter Sci-Fi-Psychothriller über Kommunikation mit Außerirdischen von Denis Villeneuve mit Amy Adams

 

und hier eine Besprechung des Films „The Whispering Star“ – wunderbar elegisches Sci-Fi-Kammerspiel über einen interstellaren Paketdienst von Sion Sono

 

und hier eine Kritik des Films „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ – monumentale Robinsonade auf dem Mars von Ridley Scott mit Matt Damon

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ – brillantes Biopic über das Informatik-Genie Alan Turing im Zweiten Weltkrieg von Morten Tyldum

 

und hier einen Bericht über den Film „Interstellar“ – visuell überwältigendes Sci-Fi-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan.

 

Bis dahin ist der Film eine subtile Studie der Psychodynamik von Ein- und Zweisamkeit – in unfassbar aufwändigen Kulissen, denen man das budget von 120 Millionen US-Dollar jederzeit ansieht. Quasi ein Kammerspiel im XXL-Format. Doch in dieser Preisklasse gilt eine Isolations- Fabel nicht als abendfüllend; es muss etwas passieren.

 

SFX übernehmen das Kommando

 

Defoe zauberte ein englisches Schiff herbei, dessen Besatzung gegen ihren Kapitän meuterte; Robinson besiegte deren Rädelführer, um mit dem Schiff zurück nach England zu segeln. In diesem Film ist der störende Eindringling ein Asteroid, der irgendetwas beschädigt und damit eine Kettenreaktion ausgelöst hat.

 

Nun scheinen die Produzenten gegen Regisseur Morten Tyldum zu meutern; der Norweger drehte 2014 das faszinierende biopic „The Imitation Game“ über den Informatik-Pionier Alan Turing, das für acht Oscars nominiert wurde. Doch in „Passengers“ übernehmen special effects das Kommando: Überall blitzt, lodert und kracht es bombastisch. Das Protagonisten-Paar mutiert flugs zu Superhelden, die mit übermenschlichen Kräften ihre 4997 Mitreisenden vor dem ewigen Kälteschlaf retten.

 

Schwereloses Schwimmbad

 

Selten hat sich ein anfangs absolut stimmiger Film im letzten Drittel derart selbst sabotiert: Daran ändern auch spektakuläre Schauwerte wie ein Schwimmbecken voller Wasser in der Schwerelosigkeit wenig. Drängten vielleicht um ihr Geld bangende Investoren darauf, mit viel Kawumm auch das popcorn-Publikum anzusprechen? Dann wäre ihr Kalkül aufgegangen: Schon zwei Wochen nach dem US-Start hat „Passengers“ die Produktionskosten wieder eingespielt. Die Wirkungsgeschichte von „Robinson Crusoe“ wird der Film allerdings nicht erleben: Jim und Aurora sind keine role models für die Auswanderung ins All.


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