Wim Wenders

Die schönen Tage von Aranjuez (3D)

Der Mann (Reda Kateb) und die Frau (Sophie Semin) im Garten. Foto: © 2015 Alfama Films Production. Fotoquelle: Warner Bros. Pictures Germany

(Kinostart: 26.1.) Altherren-Sommeridylle: Ein Paar sitzt in einem Garten bei Paris und schwadroniert über dies und das. Seine Verfilmung eines Theaterstücks von Peter Handke gerät Regisseur Wim Wenders zur bemüht tiefgründigen Lebensweisheits-Lektion.

Ohne Geschichten gäbe es keine Menschen. Und ohne Menschen keine Geschichten: Über sie erschließen wir uns die Welt. Meist sind es kleine Episoden über Liebe, Glück oder Leid, die Orientierung in einer kontingenten Welt bieten – oder als Bausteine für persönliche Biographie dienen. Weil das eigene Leben manchmal wie ein Gefängnis ist, ermöglichen Erzählungen auch eine Flucht aus dem Ich: Damit es sein kann, was es will, anstatt sein zu müssen, was es ist. Indem es Dinge hinzudichtet, Unschönes verschweigt und vor allem: vermeintlich Unwichtiges in den Mittelpunkt stellt.

 

Info

 

Die schönen Tage von Aranjuez (3D)

 

Regie: Wim Wenders,

97 Min., Frankreich/ Deutschland 2016;

mit: Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer

 

Website zum Film

 

Von solchen Nebensächlichkeiten, die eigentlich keine sind, weil sie bei näherem Hinsehen zentral werden, handelt der neue Film von Regisseur Wim Wenders. Eine Frau Mitte 40 (Sophie Semin) und ein Mann Ende 30 (Reda Kateb) sitzen im idyllischen Garten einer Villa unweit von Paris. Es ist Sommer, die Sonne scheint, hin und wieder singen Vögel – und der leise wehende Wind liefert das Grundrauschen für einen Dialog, der nie zu enden scheint.

 

Angestrengte Aphorismen

 

Das ist auch schon alles. Während des ganzen Films, der auf dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Handke basiert, beschränken sich die beiden namenlosen Protagonisten darauf, zu erzählen. Keine unterhaltsamen Alltagsepisoden, sondern zähflüssige, in Metaphern gekleidete Fragmente, verschwommene Erinnerungen und angestrengt herbeizitierte Aphorismen.

Offizieller Filmtrailer


 

Wie Lyrik auf Altgriechisch im Uni-Seminar

 

Die Frau schwadroniert vorwiegend über die Liebe, das Lodern und Verglühen der Leidenschaften oder die Dialektik der Gefühle. Der eher zurückhaltende Mann spricht von seiner Reise in die spanische Stadt Aranjuez südlich von Madrid und den Pflanzen, die er dort in einem Park bewunderte. Das klingt bisweilen so holzschnittartig und altbacken, als säße man in einem nicht enden wollenden Uni-Seminar über antike Geschichte, in dem ein Professor auf Altgriechisch Lyrik rezitiert.

 

Für ein Kammerspiel mit stark reduziertem setting, das sich auf die Macht des Erzählens verlassen möchte, ist das keine gute Voraussetzung. Zwar spiegeln die vagen Worte die sedierte Wahrnehmung eines heißen Sommertags angemessen wider. Doch willkürlich aneinander gereihte Sätze über die letzten Dinge wie „Es gibt keine glückliche Liebe“ sorgen nicht für poetischen Genuss, sondern für Verdruss.

 

Alles entspringt Schriftsteller-Kopf

 

Auf der visuellen Ebene sehen die statischen, in 3D gedrehten Bilder recht gut aus – wobei ihre Dreidimensionalität angesichts geringer Tiefe und Dynamik allzu effekthascherisch erscheint. Auf der Tonspur entfaltet der ungewöhnlich laut gemischte Wind, der gelegentlich mehr zu erzählen scheint als Sprache, durchaus meditative Wirkung; seine unmittelbare Intensität wird geradezu physisch spürbar. Erzählerisch geraten „Die schönen Tage von Aranjuez“ jedoch ab der Hälfte in eine Sackgasse.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Every Thing Will Be Fine“ – Schuld-und-Sühne-Drama von Wim Wenders mit James Franco + Charlotte Gainsbourg

 

und hier ein Interview mit Wim Wenders über seinen Film „Every Thing Will Be Fine“

 

und hier eine Besprechung des Dokumentarfilms „Das Salz der Erde“ – fabelhaftes Porträt des Fotografen Sebastião Salgado von Wim Wenders

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Wim Wenders. Landschaften. Photographien“ – Retrospektive des fotografischen Werks im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

und hier einen Beitrag über den Dokumentarfilm „Kathedralen der Kultur (3D)“ von fünf Regisseuren + Wim Wenders über sechs Kultur-Institutionen.

 

Auch der Umstand, dass die Außen-Szenen in dieser allzu perfekten Garten-Idylle mit der unergründlichen Mimik von Wenders‘ Ehefrau Sophie Semins fast traumartig unheimlich wirken, ändert daran nichts. Oder die Tatsache, dass sie fiktional sind, weil sie dem Kopf eines ebenfalls namenlos bleibenden Schriftstellers (Jens Harzer) entspringen.

 

Jukebox ist Akteuren überlegen

 

Dieser Autor ist gelegentlich im Inneren der Villa an einem Schreibtisch zu sehen; dort schaut er in Denker-Pose mit leicht belämmerten Blick in den Garten. Anschließend tippt er auf einer alten Schreibmaschine herum oder bedient eine antiquierte jukebox. Selbst diese Maschine ist als Protagonist – ähnlich wie der Wind – narrativ den sprechenden Personen überlegen.

 

Sie markiert den Übergang zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Erfindung. So wie der Garten dem Autor als Erzählrahmen dient, so wechselt die Musik aus der jukeboxsongs von Lou Reed oder Nick Cave – immer wieder von der Handlung im Film zur Begleitung des Films.

 

Erlösende schwarze Wolken

 

Dass die postpunk-Ikone Cave, der wie Handke ein Freund des Regisseurs ist, plötzlich auftritt und seinen song ab dem zweiten refrain persönlich an einem Flügel in der Villa vorträgt, ist allerdings so kitschig wie überflüssig. Selten hatten schwarze Wolken, die zum Schluss am Horizont heraufziehen und eine Art Apokalypse ankündigen, solch erlösende Kraft.


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