Mannheim

Barock – Nur schöner Schein?

Orazio Lomi Gentileschi: Büßende Maria Magdalena um 1626/1628, Öl auf Leinwand, Kunsthistorisches Museum Wien. Foto: © KHM–Museumsverband Wien

Die Reiss-Engelhorn-Museen nehmen sich viel vor: 200 Jahre europäischer Kulturgeschichte in einer Ausstellung umfassend darzustellen. Ein Vorhaben von geradezu barocker Vermessenheit – es präsentiert 300 Exponate, aber nicht den Geist der Epoche.

Eine Ausstellungstitel als Frage– darauf muss man erst einmal kommen! Natürlich ist diese Frage rhetorisch gemeint und beantwortet sich von selbst: Das Barock-Zeitalter war keineswegs nur schöner Schein, sondern wesentlich mehr. Aber was genau?

 

Info

 

Barock –
Nur schöner Schein?

 

11.09.2016 – 19.02.2017

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zeughaus C5, Mannheim

 

Begleitband 28 €

 

Weitere Informationen

 

Um diese Anschlussfrage zu beantworten, holt Kuratorin Uta Coburger sehr weit aus. Sowohl zeitlich: Sie will die gesamte Epoche von 1580 bis 1770 beleuchten, also knapp 200 Jahre. Als auch inhaltlich: Die Ausstellung ist in sechs Abteilungen mit so knappen wie summarischen Überschriften gegliedert – Raum, Körper, Wissen, Glaube, Ordnung und Zeit. Also praktisch alles, was menschliches Leben ausmacht und bestimmt.

 

Von Politik bis Tischsitten

 

Entsprechend umfassend ist der Anspruch dieser Schau. Es geht nicht nur um Kunst, sondern um die ganze europäische Kulturgeschichte in zwei Jahrhunderten – inklusive Politik, Wirtschaft, Religion und Wissenschaft, ebenso Medizin, Mode, Umgangsformen oder Tischsitten. An einem derart ehrgeizigen Vorhaben kann man eigentlich nur scheitern; selbst wenn man rund 300 Exponate auf 1200 Quadratmetern Fläche ausbreitet.

Impressionen der Ausstellung


 

Schönheitsideale auf drei Gemälden

 

Zumal Kuratorin Coburger überdies neueste Forschungsergebnisse vorstellen, Legenden widerlegen und mit Klischees aufräumen will. Angefangen mit dem barocken Schönheitsideal üppiger Rubensfrauen; es wird in der Schau durch das Bild einer drallen „Suzanna und die Alten“ (1640/5) von Jacob Jordaens verkörpert. Viel zu einseitig, heißt es: Daneben hängen eine wohlproportionierte „Maria Magdalena“ (1626/8) von Orazio Gentileschi und ein hagerer „Heiliger Sebastian“ von Guido Reni.

 

Dass Barock-Maler nicht nur korpulente Damen porträtierten, versteht sich – aber sind drei Gemälde ein schlagender Beweis für oder gegen ein Körperideal? Rubens hätte seine Massenproduktion kaum absetzen können, wenn die Kundschaft Magere bevorzugt hätte. Wohlgenährt zu sein, ist insbesondere in Zeiten von Krisen und Mangel wie dem 17. und 18. Jahrhundert attraktiv; diesen simplen Zusammenhang ignoriert die Ausstellung.

 

Unnötige Definitionsprobleme

 

Stattdessen verwendet sie viel Mühe auf den Nachweis, wie schwierig es sei, Barock von der vorangehenden Renaissance und der folgenden Aufklärung samt Klassizismus abzugrenzen. Kein Wunder: Nicht einmal Herkunft und Bedeutung des Wortes sind geklärt. In der Malerei beginnt der Barockstil um 1580 mit Werken von Caravaggio und Annibale Caracci; um 1720 wird er vom Rokoko abgelöst, das eine neuartige Ästhetik kultiviert.

 

In der Architektur, Literatur und Musik verschiebt sich diese Periodisierung. Zudem breitet sich der Barock von Italien aus unterschiedlich rasch aus und erreicht manche Teile Europas erst deutlich später oder gar nicht. Indem sich die Ausstellung den größtmöglichen Zeitraum und den ganzen Kontinent – de facto: nur seine westliche Hälfte – vornimmt, bürdet sie sich unnötige Definitionsprobleme auf.

 

Wasser schadet der Gesundheit

 

So entsteht ein potpourri von allerlei Dingen und Phänomenen, die in 200 Jahren irgendwo auftraten. Globen, Porzellan und Gewürze stehen für florierenden Überseehandel. Korsetts, Plateausohlen-Schuhe und Schweißtücher vertreten Kleidung und Körperhygiene des Adels; auch eine Flohfalle aus Elfenbein darf nicht fehlen, die man in Gewändern und Haaren trug. Vom Waschen oder Baden rieten Ärzte ab: Wasser schade der Gesundheit.

 

1675 beobachtete Antoni van Leeuwenhoek mit einem selbst gebauten Mikroskop erstmals Bakterien und Einzeller in Teich- und Regenwasser; einer seiner Original-Apparate zählt zu den Prunkstücken der Schau. Viele weitere Entdeckungen und Erfindungen höhlten allmählich die von der Kirche verkündeten Lehren aus. Die Heilsgewissheit der Zeitgenossen war ohnehin durch die Spaltung des Christentums in Katholiken und Protestanten erschüttert.

 

Die Natur dem Souverän unterwerfen

 

All das erwähnt die Schau ebenso wie barocke Hofhaltung oder die Gründung neuer Städte mit geometrischem Straßenraster, etwa Karlsruhe oder Mannheim. Doch es gelingt ihr nicht, diese verschiedenen Aspekte zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzuführen – also das Selbstverständnis des barocken Zeitalters zu beschreiben.

 

Es steckt in Symptomen wie der allgegenwärtigen Symmetrie: von Allonge-Perücken über Tapetenmuster und Möbel bis zu Parks und Stadtplänen. Symmetrie hatte schon die Renaissance geprägt, aber in geometrischen Formen; nun wurde sie organisch. Darin steckt nicht nur ein „Prinzip der Ordnung“, wie die Schau bemerkt, sondern mehr: Indem der barocke Bauherr sogar Gärten und florales Dekor etwa an Fassaden symmetrisch anlegen lässt, unterwirft er auch die Natur seinem Gestaltungswillen – wie der Monarch als Souverän sein ganzes Reich.

 

Alleinherrscher als Friedensstifter

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „El Siglo de Oro – Die Ära Velázquez“ – brillanter Überblick über Barock in Spaniens Goldenem Zeitalter in Berlin + München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Peter Paul Rubens“ – gelungene Themenschau über den Barock- als politischen Künstler im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Jordaens und die Antike“ – erste deutsche Retrospektive des Barock-Malers im Museum Fridericianum, Kassel

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Schloss Bau Meister – Andreas Schlüter und das barocke Berlin“ – Gedenkschau zum 300. Todesjahr des Barock-Bildhauers im Bode Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Das Potosí-Prinzip“ – faszinierende Einführung in Barock-Malerei aus Bolivien im Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

 

Den Absolutismus als maßgebliche Regierungsform der Epoche missversteht die Schau als bloße Verfestigung der mittelalterlichen Ständeordnung. Dabei war er eher das Gegenteil: Das Mittelalter begriff den König als Sachwalter einer Sozialordnung, in der alle Menschen ihren von Gott bestimmten Platz samt Rechten haben. Dagegen postulierten politische Theoretiker des Barock absolute Verfügungsgewalt für einen Alleinherrscher. Dass sich das in der Praxis nur zum Teil durchsetzen ließ, ändert nichts am unterschiedlichen Denkmodell.

 

Wie kam es dazu? Seit der Reformation verwüsteten ständige Religionskriege ganze Landstriche. Diese könne nur ein absoluter weltlicher Souverän befrieden, argumentierte Thomas Hobbes 1651 in seinem „Leviathan“. Die Forderung nach einem Alleinherrscher entsprang also einer Verlusterfahrung: Den idealerweise von allen Christen anerkannten Stellvertreter Gottes gab es nicht mehr. Das geschlossene Weltbild des Mittelalters war zerbrochen.

 

Man geht nicht mehr; man schreitet

 

Dieses spirituelle Defizit erklärt am ehesten den Wesenskern des Barock: sein theatralisches Pathos. Das brachte der Kulturhistoriker Egon Friedell 1927 auf die Formel: „Man geht nicht mehr; man schreitet“. Wenn Bedeutung nicht mehr durch einen Heilsplan fraglos garantiert ist, muss man sie durch gravitätisches Auftreten selbst herstellen: Alles wird übertrieben aufwändig, gespreizt, outriert und pompös. Da die Ausstellung leider damit beschäftigt ist, dem Barock seinen „schönen Schein“ auszutreiben, hat sie für die prunkvolle bis latent megalomane Selbstdarstellung von Barockmenschen keinen Sinn.

 

Nur am Ende blitzt sie kurz auf: bei der Film-Projektion einer performance in ausladenden Kostümen der Designerin Vivienne Westwood zu Musik von Georg Händel. Sowie in der Farbgestaltung der Schau, die durchgängig in stechendem Magenta und giftigem Gelbgrün gehalten ist – zweifellos eine barocke Extravaganz. Wie das ganze Konzept: Sich 200 Jahre Totalgeschichte vorzunehmen, davon nur eine Handvoll Fragmente zu realisieren und alles Übrige mit Definitions-Debatten zu eskamotieren – das ist barockes Fürstengebaren par excellence.


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