67. Berlinale

Expansionskurs in der Sackgasse

Goldener Bär für den besten Film: Testről és lélekről (On Body and Soul) aus Ungarn. V.l.n.r.: Produzent Ernő Mesterházy, Regisseurin Ildikó Enyedi, Produzentin Monika Mécs und Produzent András Muhi. Fotoquelle: Berlinale.de

Nach dem Berlinale-Boom: Das Festival war deutlich schlechter besucht als in den Vorjahren. Überteuerter Eintritt für Mittelmaß im Wettbewerb und Strippenzieher-Steckenpferde in den Sektionen schreckt Publikum ab – doch Leiter Kosslick will sich ein Denkmal setzen.

Das Beste zuerst: Für ihre diesjährige Werbung nutzte die Berlinale Bilder, die gängige Berlin-Klischees witzig variieren. Auf Reklameplakaten steckt ein Bär per Photomontage den Kopf in einen Passbild-Automaten oder fährt mit dem Paternoster. Das beliebteste Motiv zeigt Meister Petz, wie er sich stehend an eine gekachelte Unterführungs-Säule in grellem 1970er-Jahre-Orange schmiegt.

 

Info

 

67. Berlinale

 

09. – 19.02.2016
in diversen Spielstätten, Berlin

 

Website des Festivals

 

Solche heiter souveräne Selbstdarstellung sucht man ansonsten vergebens. Den Filmfestspielen fehlte der Biss der letzten Jahre: aggressive Kommerzialisierung – verpackt in vollmundiges Sendungsbewusstsein, mit engagierten Filmen Wege in eine bessere Welt zu weisen. Offensichtlich ist der schrankenlose Expansionskurs, den Direktor Dieter Kosslick seit 16 Jahren fährt, in der Sackgasse gelandet.

 

Ruhe wie an festivalfreien Tagen

 

Obwohl die Berlinale besser organisiert ist als je zuvor: Alles war rechtzeitig an Ort und Stelle. Während in vergangenen Jahren die Infrastruktur aus allen Nähten platzte, herrschte diesmal auf dem zentralen Gelände am Potsdamer Platz eher gelassenes Treiben. Da entstand kaum fiebrige Festival-Atmosphäre; manchmal war es so ruhig wie an den 355 festspielfreien Tagen.

Offizieller Trailer des Siegerfilms "On Body and Soul"/ "Testről és lélekről" von Ildikó Enyedi


 

Aus Vorjahres-Frustration fernbleiben

 

Sogar der Kartenverkauf, jahrelang ein permanentes Ärgernis, hat sich regularisiert. Wie viele tickets über welche Kanäle abgesetzt werden, bleibt ein streng gehütetes Geschäftsgeheimnis. Doch inzwischen sind die Kontingente für online shopping, reguläre Schalter, bundesweite Vorverkaufsstellen und Abendkassen so austariert, dass Engpässe ausbleiben. Stundenlanges Anstehen in Warteschlangen ist passé – bislang war es die Regel.

 

Was erklären mag, warum der Andrang nachlässt: Zu viele Schaulustige gingen in den Vorjahren leer aus – und verzichten darauf, diese frustrierende Erfahrung zu wiederholen. Zumal die Berlinale die Kartenpreise hemmungslos hochgeschraubt hat: Inzwischen kostet jede reguläre Vorstellung elf Euro Einheitstarif, selbst beim wilden Mix aus Kurzfilmen in home video look. Samt Vorverkaufsgebühr summiert sich das leicht auf 15 Euro oder mehr – dafür bekommt man schon günstige Theaterkarten.

 

Wie Fehlkalkulation von „Apple“

 

Anstatt überzogene Preise zu senken, betreibt der Veranstalter penetrante Eigenwerbung: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien lässt neuerdings vor jedem Film einblenden, dass sie das Festival-budget bestimmt. Womit sie ihm einen Bärendienst erweist: Es ist wie beim IT-Konzern „Apple“, der millionenfach smartphones zu Mondpreises absetzte, jedes Modell teurer als das vorige – und sich nun wundert, warum er auf kostspieligen smart watches sitzenbleibt.

 

Zudem profitierte das Festival in Kosslicks Amtszeit vom Berlin-hype: Immer mehr Kulturtouristen strömten hierher und verbanden das mit einem Berlinale-Kinoerlebnis. Doch der räudige Charme der früheren Mauerstadt weicht zusehends Metropolen-Hektik; wer ersteres schätzte, kommt seltener oder bleibt ganz weg.

 

Steinalte Führungsriege

 

Berlin verliert an Attraktivität, die Berlinale ebenso. Zeitfüllende Bewegtbilder-Angebote gibt es überall: Video on Demand-Portale, TV-Serien auf DVD-Staffeln, Kleinfilmfestivals in jeder Kreisstadt und komplette Autorenfilme auf „Youtube“, die ihre Regisseure hochladen, um weltweit Zuschauer zu erreichen. Warum sich noch aufwändig um Berlinale-Karten bemühen, deren Erlebniswert unklar ist? Diesmal wurden wohl weit weniger als rund 330.000 tickets wie in den Vorjahren abgesetzt; in vielen Vorstellungen blieben etliche Sitzreihen leer.

 

Dem könnten die Festspiele begegnen, indem sie ihr ausuferndes Programm mit rund 400 Filmen in einem Dutzend Sektionen verschlanken und qualitativ verdichten würden. Wozu die jetzige Führungsriege so unwillig wie -fähig sein dürfte: Sie amtiert länger als die meisten Regierungschefs. Christoph Terhechte, der mit dem „Internationales Forum des jungen Films“ die größte Sektion leitet, ist seit 20 Jahren dabei; sein „Panorama“-Kollege Wieland Speck gar seit 35 Jahren.

 

Pressekonferenz wie beim Politbüro

 

Jeder pflegt unbeirrbar seine Steckenpferde: Für revolutionary chic sorgt Terhechte mit obskuren Dokus über Rebellen einst und jetzt, diesmal etwa im Libanon und Guinea-Bissau der 1970er Jahre. Wieland schaufelt en gros Aspiranten für den von ihm 1987 erfundenen schwullesbischen Teddy-Filmpreis herbei: Hauptsache, irgendwie queer und schräg.

 

Diese Veteranen lassen Kritik oder Änderungs-Vorschläge ungerührt an sich abtropfen. So ähnelt die alljährliche Auftakt-Pressekonferenz den Kommuniqués sowjetischer Politbüros: Wenn ergraute Apparatschiks in blumigen Worten neue Trends und Innovationen beschwören, die sie im Weltkino aufgetan hätten, klingt das so plausibel wie ein weiterer Fünfjahres-Plan.


Diesen Artikel drucken