Isabelle Huppert

Elle

Michèle (Isabelle Huppert) im Büro ihrer Videospiel-Firma. Foto: © 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion

(Kinostart: 16.2.) Selbst ist die Power-Frau: Im neuen Film von „Basic Instinct“-Regisseur Paul Verhoeven sucht Isabelle Huppert allein nach ihrem Vergewaltiger – in einem so verstörenden wie intelligenten Psychodrama über das Verhältnis von Macht und Gewalt.

Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven ist vor allem für seine genre-Filme aus den 1990er-Jahren bekannt: Vom experimentierfreudiger science fiction wie „Total Recall – Die totale Erinnerung“ (1990) bis zu action trash wie „Starship Troopers“ (1997). 2005 kehrte Verhoeven nach Europa zurück. Seinen neuen Film „Elle“ dreht er erstmals in Frankreich, mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

 

Info

 

Elle

 

Regie: Paul Verhoeven,

130 Min., Frankreich/ Deutschland/ Belgien 2016;

mit: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny

 

Weitere Informationen

 

Sie, also „Elle“, heißt Michèle (Isabelle Huppert) und ist Chefin einer erfolgreichen Videospielfirma. Ihre jungen männlichen Mitarbeiter hat sie im Griff; genauso wie ihren Ex-Mann Richard (Charles Berling), der nun ihr bester Freund ist, sowie ihren Geliebten Robert (Christian Berkel). Der ist pikanterweise zugleich der Gatte ihrer besten Freundin und Geschäftspartnerin (Anne Consigny). Auch in ihrer Familie hat Michèle das Heft in der Hand. Ihre Mutter ist auf ihre alten Tage mit Selbstverwirklichung und einem vierzig Jahre jüngeren lover beschäftigt, während ihr Sohn Vincent sich von seiner Freundin ein Kind unterschieben lässt.

 

Nichts anmerken lassen

 

Michèle wohnt allein mit Katze in einem großen Haus im Vorort mit netten Nachbarn. Ein wohlgeordnetes bürgerliches Leben, das jedoch – wie sich später zeigen wird – hart erkämpft ist. Eines Tages steht ein Mann mit Maske vor der Tür, drängt sie ins Haus und vergewaltigt sie. Danach macht sie zunächst weiter wie bisher. Ihren Freunden und ihrer Familie gegenüber erwähnt sie die Tat erst Tage später, wie nebenbei.

Offizieller Filmtrailer


 

Stabiles Leben wankt

 

Dass sie sich weigert, die Polizei einzuschalten, liegt an ihrer verdrängten Vergangenheit, die vom Überfall eingeholt wird. Als sie zehn Jahre alt war, ermordete ihr Vater scheinbar unmotiviert mehrere Nachbarn; er sitzt die Strafe dafür immer noch ab. Ihr Bild war damals in allen Medien und verfolgt sie bis heute. Zudem kursiert seit kurzem in ihrer Firma ein Videoclip, in dem ihr Gesicht auf eine Videospiel-Figur montiert ist, die von einem Tentakel-Monster geschändet wird. Michèles wohlgeordnetes Leben gerät ins Wanken. Doch als Kämpferin nimmt sie die Suche nach dem Urheber des Videos sowie dem Vergewaltiger selbst in die Hand.

 

„Elle“ ist ein Film zwischen thriller und bürgerlichem Psychodrama. Die gelegentlichen komischen Elementen resultieren aus der emotionalen Kälte in Michéles Familie: Jedes noch so kurze Treffen endet im Streit, der sich an Kleinigkeiten hochschaukelt. Aber eigentlich geht es immer nur ums Geld; ihr Geld. Man giftet sich an, um sich wieder zu versöhnen und macht kein Drama draus, wenn die Oma beim Familienessen einen Schwächeanfall hat und bald darauf stirbt. Dennoch halten am Ende alle wieder zusammen.

 

Rache ist schmerzhaft

 

Das ist eher zweitrangig, illustriert aber gut, warum Michèle so kalkuliert und planmäßig an Dinge herangeht, die sie bedrohen. Es geht um Kontrolle, die sie schon einmal über ihr Leben verloren hat: als Kind nach den Morden ihres Vaters. Es geht aber auch um Rache an ihm und dem Vergewaltiger. Als sie ihn stellt, informiert sie nicht die Polizei, sondern beginnt einen riskanten Schlagabtausch zwischen Dominanz und Unterwerfung sowie Neugier und Rache.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Alles was kommt – L’Avenir“ – Drama einer Philosophie-Lehrerin von Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert

 

und hier einen Bericht über den Film „Mein liebster Alptraum“ – sozialutopische Liebeskomödie von Anne Fontaine mit Isabelle Huppert

 

und hier einen Beitrag über den Film „Nocturnal Animals“ – perfekt inszenierter Vergewaltigungs-Rache-Thriller von Tom Ford mit Amy Adams + Jake Gyllenhaal.

 

Das Verhältnis von Sex und Macht hat Verhoeven bereits in „Basic Instinct“ (1992) mit Sharon Stone skandalträchtig durchexerziert. „Elle“ geht aber weit darüber hinaus, ist vielschichtiger, verstörender und wahrscheinlich sein bester Film. Der Regisseur mutet dem Zuschauer mit der naturalistischen Darstellung der Vergewaltigung nicht nur viel zu, sondern macht auch die zahlreichen Ausprägungen von Macht und Gewalt spürbar, die auf allen Ebenen zu finden sind: in der Firma, in der Familie und Partnerschaften.

 

Schöne Bilder, verstörende Szenen

 

Regisseur Verhoeven inszeniert das alles in schönen Bildern, die in krassem Gegensatz zum verstörenden Geschehen stehen. Die Geschichte basiert auf Philipp Dijans Roman „Oh…“ von 2012, dessen Titel den Film besser träfe – bietet der Ausruf doch eine Folie diverser emotionaler Zustände an: Überraschung, Enttäuschung, Schmerz oder Lust.

 

Das alles verkörpert Isabelle Huppert so wahrhaftig, dass es einen schaudert. Michèle ist eine ambivalente Figur, die schwer zu fassen ist und einen noch lange beschäftigt. Manchmal scheint bei ihr Verletzlichkeit auf; etwa ein plötzliches emotionales Geständnis, wenn sie lächelnd einer Krankenschwester von der Geburt ihres Sohnes erzählt. Das macht sie sympathisch, bedauern muss man sie aber nie. Denn schon bald wird sie die Herrschaft über ihr Leben wiedererlangen, mit der besten Freundin an der Seite – die ihr am Ende sogar das Verhälntnis mit ihrem Ehemann verzeiht. Das ist tröstlich und beruhigend, wie im echten Leben.


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