München

Friedrich Wilhelm Murnau – Eine Hommage

Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens, Regie: F. W. Murnau, (D 1922), Foto: Deutsche Kinemathek, Berlin. Fotoquelle: Lenbachhaus, München

Eine Symphonie des Grauens: Mit „Nosferatu“, „Sunrise“ und „Tabu“ schuf Murnau in den 1920er Jahren Meilensteine der Filmgeschichte. An sein Gesamtwerk erinnert eine Ausstellung im Lenbachhaus – und begräbt es unter beliebigem Bildersalat.

Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) war neben Fritz Lang (1890-1976) der wohl bedeutendste deutsche Stummfilm-Regisseur. Beide haben quasi im Alleingang ein ganzes Film-genre geschaffen: Mit „Metropolis“ begründete Lang 1927 science fiction als Ausstattungsorgie für Gesellschaftskritik. Fünf Jahre zuvor schuf Murnau mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ den Ahnherrn aller Vampir- und Horrorfilme. Durch seinen frühen Tod blieb ihm – anders als Lang – erspart, mit einem dubiosen Spätwerk das eigene Denkmal zu unterhöhlen: Murnau starb mit 42 Jahren in Kalifornien bei einem Autounfall.

 

Info

 

Friedrich Wilhelm Murnau – Eine Hommage

 

25.10.2016 – 09.04.2017

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Städtischen Galerie
im Lenbachhaus,
Luisenstraße 33, München

 

Weitere Informationen

 

Zuvor hatte er von 1919 bis 1930, also in nur elf Jahren, 21 Spielfilme gedreht. Als Quereinsteiger: Geboren als F.W. Plumpe in Bielefeld, ging der Fabrikantensohn in Kassel zur Schule und studierte ab 1907 Philologie und Kunstgeschichte in Berlin und Heidelberg. Dort wurde er vom berühmten Theaterregisseur Max Reinhardt entdeckt; er führte ihn in Schauspieler- und Künstler-Kreise ein. Nach einem Sommeraufenthalt bei expressionistischen Malern des künftigen „Blauen Reiter“ im oberbayrischen Murnau nahm er 1910 diesen Orts- als Künstlernamen an.

 

Neun Filme sind verschollen

 

Den Ersten Weltkrieg überstand Murnau als Soldat unverletzt. Ab 1919 lebte er in einer Villa, die ihm die Familie seines gefallenen Busenfreundes überlassen hatte, in Berlin-Grunewald zusammen mit dem Maler und Musiker Walter Spies. Zur gleichen Zeit begann Murnau, Filme zu drehen; die ersten sechs – sowie drei spätere – gelten als verschollen. Sein frühester erhaltener Film ist „Der Gang in die Nacht“ (1920): ein Dreiecks-Melodram zwischen Augenarzt, Tänzerin und blindem Maler.

Impressionen der Ausstellung


 

Mit zwei der allerersten Oscars prämiert

 

Mit „Nosferatu“ schrieb Murnau Filmgeschichte. Nun folgte ein Erfolg dem anderen: etwa „Phantom“ (1922) nach dem Roman von Gerhart Hauptmann; das Kammerspiel „Der letzte Mann“ (1924) mit Emil Jannings als Hotelportier, der zum Toilettenwärter degradiert wird; oder „Faust – Eine deutsche Volkssage“ (1926) wieder mit Emil Jannings, diesmal als Mephisto.

 

Auf den kunsthistorisch versierten Regisseur, der für jedes Werk sehr kreativ eine neue Bildsprache fand, wurde der US-Produzent William Fox aufmerksam; er lud Murnau nach Hollywood ein. Dort drehte er 1927 mit riesigem budget und allen Freiheiten „Sunrise – A Song of Two Humans“. Das aufwändige Liebesdrama erhielt bei der Oscar-Verleihung 1929, der ersten überhaupt, zwei Preise; die Hauptdarstellerin Janet Gaynor einen weiteren. Dennoch wurde der Film an der Kinokasse ein flop.

 

Unfalltod vor letzter Filmpremiere

 

Daher erhielt Murnau für seine nächsten beiden Filmen keine künstlerische Vollmacht mehr. Vom Studiosystem enttäuscht, reiste er nach Tahiti und realisierte dort auf eigene Kosten seinen letzten Film „Tabu“. Dessen Premiere erlebte er durch seinen Unfall am 11. März 1931 nicht mehr; sein Leichnam wurde auf dem Prominenten-Friedhof Stahnsdorf bei Berlin beigesetzt.

 

Murnau hat die technische und künstlerische Entwicklung des Stummfilms vorangetrieben wie kein zweiter Regisseur. Obwohl seine größten Erfolge weiterhin auf diversen Besten-Listen stehen, ist sein Gesamtwerk 85 Jahre nach seinem Tod doch etwas in Vergessenheit geraten; umso begrüßenswerter, dass diese Ausstellung im Münchener Lenbachhaus daran erinnert.

 

Subjektive + entfesselte Kamera

 

Wobei sie es sich arg einfach macht: Zu Murnaus Biographie präsentiert sie nur eine Reihe von Schnappschüssen, die er selbst geknipst hatte. Nur fünf seiner Filme von „Nosferatu“ bis „Tabu“ werden ausführlicher vorgestellt, alle übrigen mit verwaschenen Standfotos abgefertigt. Was genau die Raffinesse von Murnaus Regie ausmachte, deutet die Schau allenfalls an. Etwa die Neuerung der „subjektiven Kamera“ in „Der letzte Mann“: Das Geschehen wird aus der Sicht eines Akteurs gezeigt.

 

Oder, dass bei diesem Film erstmals die „entfesselte“ oder „fliegende Kamera“ benutzt wurde, um bewegten Objekten zu folgen. Mit einfachsten Mitteln: Man band die Kamera an eine Feuerleiter und trug diese dann weiter. Solche bahnbrechenden Erfindungen werden nur kurz erwähnt, aber nirgends vor Augen geführt – etwa durch passende Filmausschnitte.

 

Hommage der üblichen Verdächtigen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ – raffinierte Hommage von Miguel Gomes an den gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von Friedrich Wilhelm Murnau

 

und hier eine Besprechung des Films „Von Caligari zu Hitler – Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen“ – Essayfilm über die Stummfilm-Ära der Weimarer Republik von Rüdiger Suchsland

 

und hier eine Kritik des Films „The Forbidden Room“ – Remake-Potpourri aus Fake-Stummfilmen von Guy Maddin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Ulrike Ottinger: Floating Food“ – große Retrospektive der Filmemacherin im Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

 

Stattdessen nimmt die Schau ihren Untertitel „Eine Hommage“ sehr ernst – wobei die Ehrenbezeugungen erstaunen. Man könnte sich eine kleine Geschichte des Vampirfilms vorstellen, die aufzeigt, wie Murnaus Pioniertat das genre geprägt hat. Oder Filme, deren Regisseure sich explizit auf sein Vorbild beziehen: So übertrug Miguel Gomes 2012 die Struktur von Murnaus „Tabu“ auf die Endphase des portugiesischen Kolonialreichs – seine kühne Adaption erhielt den Berlinale-Preis für „neue Perspektiven der Filmkunst“.

 

Doch nein: Eingeladen wurden übliche Verdächtige der bundesdeutschen Subventionskultur, die zu jedem beliebigen Thema etwas zusammenschustern oder aus ihrem Fundus kramen. Der mittlerweile 84-jährige Alexander Kluge, der seit 28 Jahren private TV-Kanäle stundenweise mit Intellektuellen-interviews füllt, hat wirre Notizen und einen Bildersalat aus zwei „Faust“-Opern eingereicht.

 

Murnau-Werke besser im Kino sehen

 

Seine zehn Jahre jüngere Kollegin Ulrike Ottinger verschneidet Szenen aus „Tabu“ mit solchen aus eigenen Filmen, vor allem „Madame X – eine absolute Herrscherin“ (1978), zur collage. Darin trat Hauptdarstellerin Tabea Blumenschein an südlichen Stränden auf, in freizügige Baströckchen-Kostüme gewandet – passt doch irgendwie zu den Südsee-Insulanern, mit denen Murnau einst gedreht hatte.

 

Der hyperproduktive Kanadier Guy Maddin, der seit 1985 rund 60 Pseudo-Stummfilme im fake antique look fabriziert hat, steuert ebenfalls beliebige Schnipsel bei: Hauptsache, das Bild flackert und die Tonspur knistert. Auf den Ausstellungs-Anlass beziehen sich noch am ehesten Kurzfilme von vier Studenten, auch wenn ihre Nosferatu-Variationen so reiz- wie witzlos ausfallen. Das Beste an dieser lieblosen mash up-Schau ist ein halbes Dutzend Monitore, auf denen man Murnaus Meisterwerke ansehen kann. Bloß: Das wäre im Kino bequemer.


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