Berlin

Hieronymus Bosch und seine Bildwelt im 16. und 17. Jahrhundert

Lucas Cranach d. Ä.: Flügelaltar mit dem Jüngsten Gericht (Detail), Kopie nach Hieronymus Bosch, um 1524. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Spätes Ständchen: Zum 500. Todestag widmet die Gemäldegalerie dem Maler der Monster eine Studio-Ausstellung. Kopien seiner Original-Triptychen sind erst-, Bilder seiner Nachfolger eher zweitklassig – und echte Bosch-Zeichnungen nur kurz zu sehen.

Ein Weltstar aus Nordbrabant: Hieronymus Bosch (ca. 1450-1516) ist neben Rembrandt wohl der berühmteste Maler der Niederlande – doch wer möglichst viele echte Arbeiten von ihm sehen will, muss nach Spanien reisen. Dort, wo man ihn „El Bosco“ nennt, werden die meisten seiner Werke aufbewahrt: Die Habsburger, allen voran König Philipp II. (1527-1598), waren große Bewunderer und eifrige Sammler des Künstlers. Deshalb fand auch die größte Gedenkschau zu seinem 500. Todesjahr 2016 im Madrider Prado statt.

 

Info

 

Hieronymus Bosch und seine Bildwelt im 16. und 17. Jahrhundert

 

11.11.2016 – 19.02.2017

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Katalog 19,95 €

 

Weitere Informationen

 

Wem das zu weit ist, um möglichst viele Bosch-Motive kennenzulernen, der braucht nur nach Berlin zu fahren: Die Gemäldegalerie widmet ihm derzeit eine Studio-Ausstellung. Sie enthält zwar in zwei Sälen nur ein einziges Original-Gemälde und eine Handvoll Zeichnungen – gibt aber trotzdem einen umfassenden Überblick über seinen Bildkosmos.

 

Dutzende von Motiv-Varianten

 

Bosch hat seine Heimatstadt s‘-Hertogenbosch nie verlassen; dennoch war er schon zu Lebzeiten international bekannt und geschätzt. Seine gut organisierte Werkstatt belieferte Fürsten und andere solvente Abnehmer in ganz Europa serienweise mit Fassungen seiner Bilder. Nach Boschs Tod wurden seine Werke hundertfach kopiert und abgewandelt; von seinen beliebtesten Motiven kursierten mehrere Dutzend Varianten.

Interview mit Kuratorin Ina Dinter + Impressionen der Ausstellung


 

Cranach kopierte Bosch-Weltgericht

 

Boschs Name wurde zum Markenzeichen für Monströses aller Art; er stand Pate für ein eigenes genre, die so genannten „Diablerien“. Noch heute sind mehr als 300 Bilder bekannt, die ihm um 1550 zugeschrieben wurden; damals war wohl ein Mehrfaches davon in Umlauf. Neben allerlei dürftigen Nachahmungen gibt es auch etliche hochwertige Kopien – einige davon in Berliner Besitz sind in der Schau versammelt.

 

Prunkstück ist die detailgetreue Kopie, die Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553) um 1520/5 von Boschs „Weltgerichts-Triptychon“ anfertigte; es befindet sich heute in der Wiener Akademie der Künste. Obwohl Cranachs Version die gleichen Maße und die Farbgebung der Vorlage aufweist, ist ungeklärt, ob er beim Arbeiten das Original vor Augen hatte. Zwar weichen viele der unzähligen Figuren, welche die drei Holztafeln bevölkern, in der Gestaltung etwas voneinander ab – nichtsdestoweniger veranschaulicht diese Fassung hervorragend die Komposition.

 

Grusel-Lust überwog Höllenfurcht

 

Wie die einzige Leihgabe der Ausstellung: die Mitteltafel des „Gartens der Lüste“. Das Original-Triptychon, die größte und berühmteste Bildschöpfung von Bosch, gehört dem Prado. Die hier gezeigte Kopie gibt sie in allen Einzelheiten exakt wieder: Der Betrachter kann eingehend die bizarren Konstellationen, die der Maler für seine nackten Paradies-Bewohner erfand, aus der Nähe studieren.

 

Ähnlich wie beim Triptychon der „Versuchung des Hl. Antonius“: Zwar ist diese Kopie von 1560/70 etwas kleiner als das Vorbild in Lissabon, aber ebenso detailverliebt und fantasievoll. Mit einem Unterschied: Christusfiguren im Zentrum fehlen – der Akzent liegt nicht auf der Heilsbotschaft, sondern auf allerlei Abnormitäten. Lust am Gruseln überwog Ende des 16. Jahrhunderts offenbar die Furcht vor der Hölle.

 

Wenig beeindruckende Versuchungen

 

Doch wäre falsch, in Bosch nur einen Lieferanten von Augenkitzel zu sehen – auch wenn seine Nachfolger ihn oft darauf reduzierten. Das zeigt das einzige Original-Gemälde in der Schau. Sein „Johannes von Patmos“ ist ein realistisch dargestellter Renaissance-Heiliger in symbolisch aufgeladenem Kontext; nur ein kleines bebrilltes Teufelchen in der Bildecke erinnert an typische Bosch-Figuren. Auch solche konventionellen sujets des Malers waren sehr gefragt, wie eine Kopie der „Anbetung der Könige“ aus dem Prado vorführt.

 

Dass seine skurrilen Bildideen im 16. und 17. Jahrhundert von zahlreichen Malern aufgegriffen wurden, versteht sich. Besonders gut eignete sich dafür das Thema der „Versuchung des Hl. Antonius“: Seine Visionen ließen sich drastisch als Parade infernalischer Gestalten darstellen. Von fünf kleinformatigen Beispielen in der Ausstellung beeindruckt jedoch allein die Arbeit von Frans Francken d. J. (1581-1642); er lässt die Höllenbrut sogar den Holzrahmen bevölkern. Gibt das riesige Depot der Staatlichen Museen (SMB) nicht mehr her?

 

Nur zwei Bosch-Zeichnungen zugleich

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Verkehrte Welt – Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch“  mit Werken von Schülern + Nachahmern im Bucerius Kunstforum, Hamburg

 

und hier eine Besprechung des Films „Hieronymus Busch – Schöpfer der Teufel“ – Dokumentation von Pieter van Huystee

 

und hier ein Bericht über die Ausstellung „Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä.“ mit Wimmelbildern seines Vaters Pieter Bruegel d. Ä. in der Alten Pinakothek, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Bild und Botschaft – Cranach im Dienst von Hof und Reformation“ – große Doppelausstellung zu Lucas Cranach d. Ä. + d. J. in Gotha, Kassel + Weimar

 

und hier ein Beitrag über den Film „Belladonna of Sadness“ – einzigartig psychedelischer Animationsfilm aus Japan von Eiichi Yamamoto mit Motiven von Hieronymus Bosch.

 

Ähnlich mager wirkt die Auswahl, die das Kupferstichkabinett zur Schau beisteuert. Es besitzt einen Großteil der erhaltenen Zeichnungen von Bosch – nämlich sechs von zehn bis 20, die ihm zugeschrieben werden. Dazu kommen einige Arbeiten aus seiner Werkstatt; die meisten Blätter tragen Motive auf Vorder- und Rückseiten.

 

Da sie sehr empfindlich sind, werden sie nach jeweils zwei Wochen ausgewechselt; so sind stets nur zwei Zeichnungen gleichzeitig zu sehen. Arg wenig für eine Werkschau: Bei einem der meistkopierten Künstler aller Zeiten könnten die Kuratoren durchaus Faksimiles aller seiner Zeichnungen präsentieren – zumal diese Kleinformate Erstaunliches preisgeben.

 

Pieter Bruegel als neuer Bosch

 

Etwa das Meisterblatt „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren“ (1500/5): In einem ausgehöhlten Baumstamm beobachtet eine stille Eule aufmerksam, darüber flattern aufgeregt Vögel. Davor ist das Gras mit Menschenaugen gespickt, zwischen Bäumen lauern riesige Ohren. Diese seltsame Bildmetapher mahnt nicht nur vor unerwünschten Mitwissern, sondern bildet auch ein Rebus zu Boschs Heimatstadt: „ogen“ heißt „Auge“, „bosch“ bedeutet „Gehölz“.

 

Ein genauso betitelter Holzschnitt von 1546 formuliert die moralische Botschaft aus. Andere Künstler knüpften vor allem an Boschs Hybridwesen an. So Pieter Bruegel d. Ä. (1526/30-1569), der von seinem Antwerpener Verleger Hieronymus Cock als „neuer Bosch“ etabliert wurde: Drucke seiner Zeichnungen trugen anfangs die Signatur „Bos“, bis Bruegel bekannt genug war, um selbst signieren zu dürfen.

 

Ohne Bosch keine fantasy-Filme

 

Vier solcher Kupferstiche von 1556/65 sind zu sehen. Der religiöse Gehalt tritt zurück, stattdessen spinnt Bruegel das Bosch-Bestiarium weiter; etwa mit Riesen-Fischen oder -Köpfen. Für diese freihändige Weiterentwicklung fantastischer Kreaturen bietet die Schau noch zehn weitere Belege aus dem 16./17. Jahrhundert auf – und bricht dann unvermittelt mit zwei Klassikern von Goya und James Ensor ab. Wer Boschs immense Wirkung bis in die Gegenwart verfolgen will, sieht sich am besten fantasy-Filme an; die meisten wären ohne seine bahnbrechenden Bilderfindungen nicht denkbar.


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