Nicola Graef

Neo Rauch – Gefährten und Begleiter

Neo Rauch vor einem Werk. Foto: © Uwe Walter. Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 2.3.) Viel Rauch um Nichts? In einem Dokumentarfilm blickt Nicola Graef dem berühmten deutschen Maler Neo Rauch über die Schulter. Doch statt die künstlerischen Motive zu erklären, erweist sich der Film als unkritische Huldigung.

Neo Rauch ist einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartskünstler. Als Schöpfer mythischer Bildwelten ist er eine Galionsfigur der Neuen Leipziger Schule, seine Werke werden weltweit zu Spitzenpreisen verkauft. Bislang war der Künstler im Umgang mit den Medien sehr zurückhaltend. Der Journalistin Nicola Graef gelang es, ihn von einem dokumentarischen Filmprojekt zu überzeugen.

 

Info

 

Neo Rauch –
Gefährten und Begleiter

 

Regie: Nicola Graef,

101 Min., Deutschland 2016;

mit: Neo Rauch, Rosa Loy, Judy Lybke, David Zwirner

 

Website zum Film

 

„Neo Rauch – Gefährten und Begleiter“ schaut dem Maler bei seiner Arbeit mit sehr langen, beobachtenden Einstellungen über die Schulter. Oft ist die Kamera statisch auf ein Bild gerichtet. Rauchs Stimme, die das Geschehen auf der Leinwand mit wohlgesetzten Worten kommentiert, hat etwas Zögerndes, Tastendes. Für ihn werde „das Unbegangene langsam rar“. Er habe einen „Wiederholungsekel“ und viele Gestalten seiner Bilder würden ihm nachts im Traum begegnen.   

 

Der aus der Kälte kam

 

Die Szenen im Atelier wechseln sich ab mit Besuchen bei Sammlern. Mera und Donald Rubell aus Miami sind vor allem vom Rätselhaften der Bilder fasziniert, während ein italienischer Sammler Rauch angesichts der Tiefe und Vielfalt der angedeuteten Geschichten in seinen Bildern mit Shakespeare vergleicht. Die „New York Times“ nannte Rauch einst den „Maler, der aus der Kälte kam“ und beflügelte damit seinen großen Erfolg in den USA. Vielleicht löst der einstige real existierende Sozialismus dort noch immer ein gewisses Schauergefühl aus. 

Offizieller Filmtrailer


 

Raketen im Kunsthimmel

 

Hin und wieder ist Neo Rauch bei verschiedenen Ausstellungseröffnungen zwischen New York und Aschersleben zu erleben, wo er nach dem frühen Tod seiner Eltern bei seinen Großeltern aufwuchs. Hier wie dort kommen allerlei Weggefährten mit kurzen statements zu Wort. Doch wie bei den Sammlern, über die man außer von ihrer Vorliebe für den Leipziger nichts weiter erfährt, sind die Aussagen redundant.

 

Etwas ausführlicher lässt die Regisseurin Rauchs Frau, die Malerin Rosa Loy, zu Wort kommen. Loys und Rauchs Lebens- und Arbeitsalltag ist seit Jahrzehnten eng verwoben. Sein Galerist Gerd Harry Lybke erzählt hingegen nur die Anekdote, wie er Rosa und Neo in den 1980er Jahren kennengelernt hat. Unerwähnt bleibt, dass es vor allem Lybkes unternehmerischem Wagemut zu verdanken war, dass die Leipziger Maler und allen voran Neo Rauch raketenhaft in den Kunsthimmel schossen.

 

Kein Talent für Zahlen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension über „Neo Rauch“ – seine Buchvorstellung zum Gesamtwerk 2010 und ein Video-Interview mit Wolfgang Büscher

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Norbert Bisky – Zentrifuge“ – mit Hauptwerken der Neuen Leipziger Schule in der Kunsthalle Rostock

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung  „Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der Verwandlung“ – mit Werken von Neo Rauch im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

Außen vor bleibt auch eine Einordnung von Rauchs Werk in aktuellen künstlerischen Debatten und sein Stellenwert auf dem internationalen Kunstmarkt. Auf die Frage, wie es für ihn sei, wenn Leute Millionen für seine Bilder zahlen, reagiert er ausweichend: für Zahlen hätte er kein Talent.

 

Das wirkt befremdlich in einer Stadt, die sich selbst gerne als Freiraum-Mekka sieht und in der das Künstler- und Kreativ-Prekariat trotz des erfolgreichen labels „Neue Leipziger Schule“ wächst. Der Leipziger Westen, wo sich die legendäre Baumwollspinnerei mit Rauchs Atelier befindet, erfuhr in den letzten Jahren einen raschen Gentrifizierungsschub.

 

Klassischer Künstler-Habitus 

 

Da ist der Film viel langsamer; er fließt mit dem Tempo eines gemächlichen Galerierundgangs dahin. Was im realen Leben kontemplativ wirken mag, funktioniert jedoch nur bedingt auf der Leinwand. Zudem wirkt Neo Rauch, der sich mit seinem klassischen Künstler-Habitus vor der Kamera nie so recht wohl zu fühlen scheint, stets sehr kontrolliert.

 

Erst, als es um den tragischen Unfalltod seiner Eltern bei einem Eisenbahnunglück geht, kommt der Maler mehr aus sich heraus. Schade, dass aus dem spannenden Phänomen ein wenig fesselnder Film geworden ist.


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