Radu Jude

Scarred Hearts – Vernarbte Herzen

Copyright: Silviu Ghetie. Fotoquelle: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 9.2.) Zauberberg am Schwarzen Meer: Im Rumänien der Zwischenkriegszeit zwingt seine Krankheit einen jungen Intellektuellen, jahrelang im Bett zu bleiben. Max Blechers autobiographischen Roman von 1937 verfilmt Regisseur Radu Jude passend statisch.

Kino kann eine klaustrophobische Angelegenheit sein: wenn das Kammerspiel zum Gefängnis wird, aus dem die Kamera nicht hinauskommt. Wie in Radu Judes vorletztem Film, „Everybody In Our Family“, der 2012 bei der Berlinale beeindruckte. Regisseur Jude zählt zum neorealistischen „Neuen Rumänischen Kino“, wie etwa auch Cristian Mungiu, der mit „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ in Cannes 2007 die Goldene Palme gewann, oder „Der Tod des Herrn Lazarescu“ (2005) von Cristi Puiu.

 

Info

 

Scarred Hearts – Vernarbte Herzen

 

Regie: Radu Jude,

141 Min., Rumänien/ Deutschland 2016;

mit: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Ilinca Hărnuț

 

Weitere Informationen

 

In „Everybody In Our Family“ ging es um ein geschiedenes Elternpaar, das darum kämpft, das gemeinsame Kind aus der Wohnung herauszubekommen beziehungsweise dort zu behalten. Wie der Konflikt zwischen den beiden immer unwahrscheinlichere Eskalationsstufen nahm, hatte eine unglaubliche, überraschende Energie.

 

Roman über Zeit in Heilanstalt

 

Radu Judes neuer Film „Scarred Hearts“ spielt in einem rumänischen Sanatorium am Schwarzen Meer in den 1930er Jahren. Er beruht auf dem gleichnamigen, autobiographischen Roman von Max Blecher, der erstmals 1937 erschienen ist, und erzählt von der Zeit, die der Dichter in einer Heilanstalt verbringt.

Offizieller Filmtrailer


 

Kein Entrinnen aus Anstalts-Fluren

 

Zu Beginn wird er dort eingeliefert, am Ende stirbt er. Dazwischen sind in meist unbewegten Totalen die Säle und Flure des Krankenhauses zu sehen, die medizinischen Maßnahmen – und Schmerzensschreie zu hören. Es gibt ein paar Ablenkungen bei Feiern mit anderen Patienten, einige Liebschaften, eine große Liebe. Ansonsten aber: Medizin. Krankheit. Ruhe. Beklemmung. Ein extremes Beispiel von Klaustrophobie im Kino. Kein Entrinnen. Die Energie aus „Everybody In Our Family“ verhallt irgendwo auf den Fluren der Anstalt. 

 

Und das, obwohl Hauptdarsteller Lucian Rus der Figur des Dichters Emanuel wirklich Charme verleiht. Es gehört ja auch einiges dazu, selbst mit vollständig eingegipster Brust noch als Verführer zu reüssieren. Wären da nicht seine vielen Scherze mit dem Vater, dem Klinikpersonal, anderen Patienten und vor allem mit den Frauen, seine Rede- und Verführungskünste – man könnte „Scarred Hearts“ für ein düsteres Drama mit dokumentarischem Anspruch halten.

 

Eingeblendete Gedichtzeilen

 

Das ist aber offensichtlich nicht die Absicht des Films. Er versucht, die beklemmende Szenerie zu öffnen, doch ein einziger Ausflug ans Meer mit Emanuels Geliebter Solange (Ivana Mladenovic) kann die klaustrophobische Stimmung nicht vertreiben. Zusätzlich wird die Handlung immer wieder durch Auszüge aus Blechers Gedichten unterbrochen, die rezitiert und zugleich auf der Leinwand eingeblendet werden. Das ist bei einem Film, der auch ein Dichterporträt sein will, natürlich nachvollziehbar, es erschwert jedoch zusätzlich, sich in die Filmfiguren einzufühlen – vor allem, wenn man auf die Untertitel angewiesen ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Schatz“ – gelungene Postkommunismus-Parabel von Corneliu Porumboiu

 

und hier eine Besprechung des Films „Jenseits der Hügel – După dealuri“ – vielschichtiges Exorzismus-Drama im orthodoxen Kloster von Cristian Mungiu, dreifacher Cannes-Preisträger 2012

 

und hier einen Bericht über den Film “Ehrenmedaille” – satirische Tragikomödie über einen rumänischen Hochstapler-Rentner von Peter Călin Netzer

 

und hier einen Beitrag über den Film „Periferic – Outbound“ – packendes Mutter-Kind-Drama in Bukarest von Bogdan George Apetri.

 

Könnte diese Distanz, die auch durch die Filmästhetik bedingt ist, Absicht sein? Geht es dem Regisseur womöglich nicht um Einfühlung, sondern vielleicht um genau jene Atmosphäre, die hier schon einmal klaustrophobisch genannt wurde? Entrückt, sehr speziell, somnambul ist sie auch noch – und tatsächlich nicht ohne Reiz.

 

Still gestellter Held + Kamera

 

„Ich wusste erst nicht recht, wie ich den Film drehen sollte“, sagt Radu Jude in einem Interview: „Schließlich bestehen Filme normalerweise aus Bewegung, und hier geht es um jemanden, der sich kaum bewegen kann.“ Nach und nach sei so die Idee entstanden, dass auch die Kamera sich möglichst wenig bewegen sollen, um dieser Figur gerecht zu werden.

 

Der Regisseur verfolgt mit „Scarred Hearts“ weiter sein Interesse an historischen Stoffen; wie schon mit seinem letzten Film „Aferim!“ über die Suche nach einem Sklaven in der Walachei vor 200 Jahren, der 2015 im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war. Sein eigener, tendenziell verfremdender Zugriff auf geschichtliche Themen fasziniert schon allein ob seiner Seltenheit; er hat so gar nichts mit braven Kostümfilmen gemein.

 

Film für Medizinhistoriker

 

Um sich aber von den fast zweieinhalb Stunden seines neuen Werks in den Bann gezogen zu fühlen, muss man wahrscheinlich Medizinhistoriker oder Blecher-Experte sein. „Scarred Hearts“ ist ein ehrgeiziger und ehrenwerter Film – einer, von dem man gerne begeistert wäre. Bei dem man sich jedoch viel zu oft gelangweilt hat, um das verheimlichen zu können.


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