Martin Scorsese

Silence

Ist der berühmte Missionar Cristóvão Ferreira (Liam Neeson, li.) vom christlichen Glauben abgefallen? Foto: © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart 2.3.) Wenn Gott schweigt: Im neuen Historien-Epos von Martin Scorsese folgen zwei portugiesische Pfarrer einem gescheiterten Missionar ins christenfeindliche Japan des 17. Jahrhunderts. Statt auf Gott treffen sie auf brutale Inquisitoren.

Der neue Film von Martin Scorsese beginnt in Grautönen und mit grausigen Bildern: Christliche Missionare werden von japanischen Inquisitoren gekreuzigt und mit kochendem Wasser aus heißen Quellen gepeinigt. Ein Vorgeschmack auf einen heißen und nassen Tod, der ihnen droht, wenn sie nicht abschwören. Auch der angeblich gescheiterte Missionar Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) wird Zeuge dieser Folter – und gibt auf. Zwei seiner Zöglinge, die portugiesischen Pfarrer Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) wollen das nicht glauben. Sie machen sich auf den Weg nach Japan, um Ferreira zu finden und sein Werk fortzusetzen.

 

Info

 

Silence

 

Regie: Martin Scorsese,

161 Min., Taiwan/ Mexiko/ USA 2015;

mit: Adam Driver, Andrew Garfield, Liam Neeson

 

Website zum Film

 

Dort verstecken sie sich bei Fischern, die insgeheim den importierten Glauben ausüben und sehnsüchtig auf spirituelle Führung warten. Aber die Padres werden verraten und gefasst. Sebastião kommt in eine Art buddhistischen Umerziehungstempel; es beginnt ein Duell des Glaubens zwischen ihm und dem brutalen Gouverneur Inoue Masashige (Issey Ogata). Doch anstelle des starrsinnigen Jesuiten Sebastião werden zahlreiche japanische Christen gefoltert oder getötet, um den Willen des Europäers zu brechen.

 

Christentum wurde verboten

 

Mitte des 16. Jahrhunderts begannen Portugiesen und Spanier, Japan zu missionieren.  Viele Landesherren übernahmen die neue Religion, doch dann gerieten die Missionare zwischen die Fronten der politischen Auseinandersetzungen. Als die Sieger feststanden, belegten diese katholische Händler und Missionare mit einem Bann, der bis ins 19. Jahrhundert andauerte.

Offizieller Filmtrailer


 

Kein DiCaprio, kein rock’n’roll

 

Die christliche Religion wurde verboten; nur die protestantischen Niederländer durften auf der Insel Hirado weiter Handel treiben. Getaufte Japaner, die bei der heimlichen Ausübung ihres Glaubens erwischt wurden und sich weigerten, eine Abbildung Christi mit den Füßen zu treten, wurden mit dem Tod bestraft.

 

Ein neuer Scorsese-Film ist für Cineasten normalerweise ein Anlass, die Korken knallen zu lassen. Das fällt jedoch bei dieser Verfilmung des gleichnamigen Romans von Shūsaku Endō schwer: Kein Leo DiCaprio, kein rock’n’roll, keine Gangster, keine Schießereien, keine Liebesgeschichte – womit schon fast alle Zutaten wegfallen, mit denen der Regisseur die Massen bisher ins Kino lockte.

 

Kein Oscar-Kandidat

 

Stattdessen zeigt der Film ein düsteres, abweisendes Japan: Elend und Armut, dreckige Füße und etliche Folterszenen. „Silence“ steht damit so quer zum Zeitgeist, dass er bei der Oscar-Verleihung kaum eine Rolle spielte. Premiere feierte er folglich auch nicht auf einem der einschlägigen Filmfestivals, sondern im „Päpstlichen Orientalischen Institut“ in Rom. Es ist ein Film für Leute, die glauben wollen. An Jesus. Oder an Martin Scorsese.

 

Doch bei aller Kritik hat seine stilistische Kehrtwende auch Vorteile. Offensichtlich kommt der Regisseur, dessen letzte Filmerfolge sich vor allem durch ein Abrattern historischer Stationen im Leben irgendwelcher Übermenschen auszeichneten, hier zur Ruhe. Scorsese hat sich  wieder einmal einem Projekt gewidmet, das ihm besonders am Herzen liegt: 20 Jahre Vorbereitungszeit sind dem Film anzusehen. Dazu haben der Regisseur und sein Kameramann Rodrigo Prieto („The Wolf of Wall Street“) stringente, großartige Bilder geschaffen: für ein authentisch wirkendes Japan zur Zeit der selbstverordneten Isolation.

 

Vielschichtige Nemesis

 

Für Padre Sebastião, der zu dieser Zeit nach Japan kommt, sieht es also düster aus; schon bald muss er einige seiner Gewissheiten hinterfragen. Der Gouverneur und Chefinquisitor Masashige ist kein Abgesandter des Teufels, sondern ein pragmatischer, kluger Beamter, dem der ganze Schrecken, den er verbreitet, eigentlich auf die Nerven geht. Die historisch verbürgte Figur spielt Issei Ogata hervorragend – als vielschichtige Nemesis für den zwischen Verbissenheit und Verzweiflung hin- und hergerissenen Padre von Andrew Garfields.

 

Der realisiert im Moment seiner schwersten Prüfung, dass er mit seinen Entscheidungen allein ist. Die Stille im Titel ist das Schweigen Gottes. Die Zeichen, die Sebastião zu lesen meint, führen in die Irre. Sein japanischer Führer, der seinen Glauben drei Mal verrät, ist kein Petrus – sondern einfach ein Fischer, der nicht sterben will.

 

Unzugänglicher als „Taxi Driver“

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Wolf of Wall Street“  – von Martin Scorsese mit Matthew McConaughey

 

und hier einen Bericht über den Film „Hugo Cabret“ – zauberhafte Kinderbuch-Verfilmung von Martin Scorsese

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Martin Scorsese“ – zum Gesamtwerk des Regisseurs in der Deutschen Kinomathek, Berlin

 

Sebastião ist ein seltsamer Filmheld, unzugänglicher noch als Travis Bickle in Scorseses „Taxi Driver“. Dass der Regisseur, dessen Katholizismus sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk zieht, sich mit dieser Figur identifiziert, steht außer Zweifel. Nur wird ihm dorthin kaum jemand folgen wollen.

 

Denn dafür müsste man historisch weit zurückzugehen: Missionierung ist als Agent der Kolonialisierung im Westen kein Ideal mehr. Und der Film vermeidet es, historische Prozesse durch die postmoderne Brille neu zu deuten und in aktuelle Bezüge zu setzen; etwa den Umstand, dass die christliche Rechte das Wort Christenverfolgung wieder vermehrt als Kampfbegriff verwendet.

 

Keine postmoderne Deutung

 

Japan ist längst nicht mehr ein exotisches Land, in dem sich der Westen spiegelt und narzisstisch seiner selbst versichert. Derart entrückt schließt „Silence“, außer an die Perspektive der TV-Serien „Shogun“ oder „Die Brücke am Kwai“, an kaum etwas anderes an als an Scorseses eigene filmisch-religiöse Meditationen: „The Last Temptation of the Christ“ (1988) und „Kundun“ (1997). Am Ende steht keine Hoffnung auf Versöhnung, aber auf Erlösung. Aber wer glaubt schon noch daran?


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