Mahmoud Sabbagh

Barakah meets Barakah

Bibi (Fatima Al Banawi) und Barakah (Hisham Fageeh) treffen sich heimlich auf einer Schaukel Strand. Fotoquelle: Arsenal Film
(Kinostart: 9.3.) Romeo und Julia in Saudi-Arabien: Dass die Liebenden zueinander kommen, verhindern keine verfeindeten Familien, sondern die Religionspolizei. Die feinsinnige Sittenkomödie von Regisseur Mahmoud Sabbagh blickt in eine absurd abgeschottete Welt.

Boy meets girl – so beginnt ganz selbstverständlich jede romantic comedy, sollte man meinen. Nicht in Saudi-Arabien: Hier verhindern unzählige Vorschriften zur Trennung der Geschlechter, dass ein Junge sein Mädchen überhaupt erst einmal treffen und kennenlernen kann. Darum geht es in”Barakah meets Barakah”: Das Debüt von Regisseur Mahmoud Sabbagh avancierte auf der Berlinale 2016 zum Geheimtipp und kommt nun regulär ins Kino – als zweiter saudischer Spielfilm hierzulande nach “Das Mädchen Wadjda”.

 

Info

 

Barakah meets Barakah

 

Regie: Mahmoud Sabbagh,

88 Min., Saudi-Arabien 2016;

mit: Hisham Fageeh, Fatima Al Banawi, Sami Hifny 

 

Weitere Informationen

 

Im Wahabiten-Islam des Königreichs herrscht eigentlich striktes Bilderverbot; es galt lange auch für Fotografie. Dem unterlägen Filme aber nicht, wird argumentiert, weil deren Bilder flüchtig und vergänglich seien – mit solchen Spitzfindigkeiten versuchen reformorientierte Saudis, die strengen Glaubensregeln an die Moderne anzupassen. Regisseur Sabbagh führt dafür genüsslich weitere Beispiele vor.

 

Im videoblog kein Gesicht zeigen

 

So betreibt die junge Frau Bibi (Fatima Al Banawi), die eigentlich Barakah heißt, einen sehr erfolgreichen videoblog, mit dem sie ihrer riesigen follower-Schar Ausgeh- oder Mode-Tipps und Lektionen in bewusster Lebensführung gibt. Allerdings nur mit dem Mund: Ihr ganzes Antlitz darf nie zu sehen sein. Was zur dramatischen Gewissensfrage wird, als ihr ein Kosmetikkonzern einen hochdotierten Werbevertrag anbietet – ausgerechnet für Gesichtscreme.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Kein Freizeitpark-Zutritt für Singles

 

Solche Luxusprobleme hat Barakah (Hisham Fageeh) nicht. Der junge Mann mit wilden Locken lebt mit Tante und Onkel zusammen, zwei rustikalen Alten, und arbeitet fürs kommunale Ordnungsamt im Außendienst. Er kümmert sich um falsch gelagerte Baustoffe oder Kaffeehäuser ohne Lizenz: stets korrekt, aber ohne Übereifer, schon gar keinen religiösen. Als er bei einem illegalen outdoor fashion photo shooting die blonde Bibi erspäht, ist es um ihn geschehen. Als er ihr in eine Kunstgalerie nachstellt, sie auch an ihm Gefallen findet und ihm ihre Mobilnummer gibt, fangen ihre Probleme erst an.

 

Wie unverfänglich zueinander kommen? Im Restaurant, am Strand oder andernorts in der Öffentlichkeit droht stets Ärger mit der Religionspolizei. Selbst in einem neu eröffneten Freizeitpark hat er keinen Zutritt: Einzelmänner ohne Familienanhang werden nicht eingelassen. Zwar gäbe es alt bewährte Schlupflöcher, doch die emanzipiert auftretende Bibi will sich auf keine Heimlichkeiten einlassen. Und für ein honeymoon weekend in Dubai hat Barakah weder Geld noch freie Urlaubstage.

 

Keine Partnerwahl für reiche Tochter

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films  „Das Mädchen Wadjda“ – Kinderfilm über die Unterdrückung der Frau in Saudi-Arabien von Haifaa Al Mansour

 

und hier einen Bericht über den Film  „Ein Hologramm für den König“ – sarkastisches Globalisierungs-Sittengemälde in Saudi-Arabien von Tom Tykwer mit Tom Hanks

 

und hier einen Besprechung der Ausstellung "Lawrence von Arabien – Genese eines Mythos" - im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

 

und hier einen kultiversum-Bericht über die Ausstellung "Grey Borders / Grey Frontiers" – erste Überblicks-Schau über Gegenwarts-Kunst aus Saudi-Arabien bei Edge of Arabia, Berlin.

 

Darüber verfügt seine Bibi als Adoptivtochter aus begütertem Hause reichlich; nur nicht über Selbstbestimmung. Sie darf zwar freizügige Mode ihrer Adoptivmutter lasziv präsentieren und wohnt in verschwenderisch ausgestatteten Gemächern – aber in Sachen Partnerwahl könnten ihre Erziehungsberechtigten kaum konservativer sein. Einfache Leute wie Barakah kommen ihnen höchstens für Mittlerdienste ins Haus.

 

Wie viele arabische Regisseure hat auch Mahmoud Sabbagh sein Handwerk bei TV-soap operas gelernt. Das merkt man seinem Spielfilmdebüt an, doch er kitzelt aus den Beschränkungen des Genres – wenig Handlung und viele Dialoge an überschaubaren Schauplätzen – das Maximum heraus.

 

Keine Lebensart in Luxushölle

 

Fast jede Einstellung enthält mehr oder weniger eindeutige Hinweise auf das aberwitzig enge Verhaltenskorsett, in das Religion und Gesetz die Untertanen pressen; und wie manche es mit ausgefeilter Doppelmoral zu ihren Gunsten zu nutzen wissen. Vermutlich ist für das saudische Publikum vieles davon selbstverständlich, gar banal – für hiesige Zuschauer sind diese Alltagsszenen aus einer weitgehend abgeschotteten Gesellschaft sehr aufschlussreich.

 

Mit trockenem Humor und feinsinniger Situationskomik zeichnet Regisseur Sabbagh das Bild einer Nation, die zwar im Geld schwimmt, aber jeden Sinn für Lebensart abseits von shopping malls verloren hat. Für diesen Nachweis genügt ihm, alte Fotos aus den 1960/70er Jahren einzublenden: Da war von Reichtum noch wenig zu sehen, doch urban westlich gekleidete Saudis gingen zu Konzerten oder geselligen Kinoabenden. “So war es damals, und so ist es heute”, sagt dazu Barakah lakonisch und blickt nach draußen. Mehr Systemkritik geht nicht.


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