August Diehl

Der junge Karl Marx

Karl Marx (August Diehl, re.) freundet sich 1844 im Pariser Exil mit Friedrich Engels (Stefan Konarske) an. Foto: © Kris Dewitte. Fotoquelle: Neue Visionen

(Kinostart: 2.3.) Sozialisten haben Marx nur beschrieben, es kommt aber darauf an, ihn in Bewegung zu filmen: Regisseur Raoul Peck macht anschaulich, wie er seine radikale Kapitalismus-Kritik entwickelte – epochale Philosophie als mitreißendes Historiendrama.

Ein biopic über Karl Marx, den Theoretiker des Kommunismus? Das könnte unzeitgemäßer kaum sein, scheint es – stößt aber auf überraschend großes Interesse: Auf der Berlinale waren alle Vorstellungen überlaufen, kurzfristig wurden Zusatztermine anberaumt. Zuvor hatte Festival-Direktor Dieter Kosslick im Programm-Grußwort den Film von Raoul Peck Film explizit als Inspirationsquelle für Auswege aus aktuellen Sackgassen gewürdigt.

 

Info

 

Der junge Karl Marx

 

Regie: Raoul Peck,

118 Min., Deutschland/ Frankreich/ Belgien 2016;

mit: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps

 

Website zum Film

 

Man mag das als nostalgische Anwandlung eines ergrauten Kulturfunktionärs abtun, der seiner rebellischen Studienzeit nachsinnt – doch in den Vorführungen saßen lauter junge Leute. Offenbar motivierte sie Unbehagen an der Gegenwart: Sie wollten mehr über einen Denker erfahren, der ins mythisch Ungefähre entrückt ist, während seine Utopie einer klassenlosen Gesellschaft auf dem Müllhaufen der Geschichte landete. Seit dem Ende des real existierenden Sowjet-Kommunismus vor einem Vierteljahrhundert wirkte wenig gestriger als Marx‘ Lehre.

 

Kein Marx-Film im Ostblock

 

Genaueres war nicht zu erfahren: Bislang gab es keinen Spielfilm über Karl Marx. Nicht einmal dort, wo man ihn als geistigen Übervater verehrte: Weder in der DDR noch anderen Ostblock-Staaten wurde einer gedreht. Womöglich galt das als zu riskant: Um die orthodoxe Auslegung seiner Klassiker kümmerten sich Institute für Marxismus-Leninismus – häretische Lesarten wurden unterdrückt. Laien sollten die Schriften des vermeintlichen Wegbereiters der KP-Herrschaft gar nicht so gründlich studieren: Wie auch die katholische Kirche das Neue Testament im Wortlaut 1500 Jahre lang ihren Schäfchen vorenthalten hat.

Offizieller Filmtrailer


 

Keine biopics über Philosophen

 

Andererseits: Über epochale Philosophen wie Platon, Kant oder Hegel gibt es ebenso wenig Filmbiographien. Ihre Lebensläufe sind meist eher eintönig, und abstrakte Gedankengebäude entziehen sich anschaulicher Umsetzung – sie lassen sich schlecht in zwei Stunden Film-Handlung packen. Um so verdienstvoller ist, wenn es dennoch gelingt: wie Raoul Peck in „Der junge Karl Marx“.

 

Der Regisseur aus Haiti studierte Anfang der 1980er Jahre in Westberlin, als marxistische Strömungen an westlichen Unis weit verbreitet waren. Seine Filme kreisen meist um postkoloniale Verwerfungen und das Machtgefälle zwischen Erster und Dritter Welt. Den leicht hölzern-didaktischen Ton, den sie oft anschlagen, hat Peck diesmal vermieden: Er macht aus den Sturm-und-Drang-Jahren von Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) einen mitreißenden Historienfilm.

 

Engels als schlechtes Gewissen in Person

 

Der beschränkt sich auf den kurzen Zeitraum zwischen 1842, als Marx nach seinem Jura- und Philosophie-Studium als Redakteur bei der „Rheinischen Zeitung“ in Köln arbeitet, bis zum Erscheinen des „Kommunistischen Manifests“ 1848. In diesen sechs Jahren wandelt sich Marx, glänzend verkörpert von August Diehl, vom genialischen Heißsporn zum systematischen Analytiker der kapitalistischen Wirtschaftsform. Und er schließt eine enge Freundschaft mit Engels: Dieser wird ihn sein Leben lang sponsern und wichtige Beiträge zur Theorie leisten.

 

Dem reichen Fabrikantensohn (glaubwürdig: Stefan Konarske) räumt der Film als dem personifizierten schlechten Gewissen der Kapitalisten-Klasse viel Platz ein. Er klagt ihre Ausbeutungs-Praxis 1845 in seiner Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ so fundiert wie flammend an. Dabei ist Engels kein drop out: Bis 1869 arbeitet er in der Firma seines Vaters mit, dem sein politisierender Bekanntenkreis sehr missfällt – soviel zur Einheit von Theorie und Praxis.

 

Die Hochadlige + der Revoluzzer

 

Auch Marx‘ Gattin Jenny (1814-1881) kommt ausführlich zu Wort. Ihr verleiht Vicky Krieps Profil: als einer geborenen von Westphalen, die sich lieber mit ihrem mittellosen Revoluzzer in ein turbulentes Dasein voller Umzüge und Krisen stürzt, als in hochadligen Kreisen vor ennui zu vergehen – politische Romantik als Ehemodell. Dieses Trio umringt ein Schwarm von Filmfiguren: Literaten und Verleger, Arbeiter und Unternehmer, Gewerkschafter und Feuerköpfe – das ganze Spektrum der Frühsozialisten, mit Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) als wichtigstem Vordenker.

 

Deutlich führt Regisseur Peck vor, dass diese Streiter für soziale Gerechtigkeit anfangs völlig isoliert und über halb Europa versprengt sind – und meist untereinander ebenso zerstritten, ein altes Laster der theorieseligen Linken. Zugleich präpariert er anschaulich heraus, worum es ihnen geht: wie ganz unterschiedliche Ideen und Konzepte in rascher Folge entstehen und verworfen werden, bis Marx‘ Kapitalismus-Kritik sie allesamt an rationaler Radikalität übertrifft. Sie setzt sich durch, weil er allein die ökonomischen Machtverhältnisse betrachtet – und nicht wolkig ausbreitet, das Menschengeschlecht möge sich bessern.

 

Missionarisch zur Oktoberrevolution

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films Mord in Pacot – Meurtre à Pacot – über die Mesalliance zwischen Entwicklungshelfer + Haitianerin von Raoul Peck

 

und hier einen Bericht über den Film „The Big Short“ – brillant vielschichtige Analyse der Finanzkrise 2007/8 von Adam McKay mit Christian Bale und Ryan Gosling

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Essays Das Gespenst des KapitalsAnalyse der heutigen Finanzwelt vom Kulturwissenschaftler Joseph Vogl

 

Welch wichtige Rolle solche Wünsche dennoch spielten, unterschlägt der Film nicht. 1847 wird ein kleiner Arbeiter-Klub namens „Bund der Gerechten“ von Marx und Engels gleichsam gekapert. Sie erreichen die Umbenennung in „Bund der Kommunisten“; so bringen sie erstmals eine Organisation hinter sich. Damit werden zugleich Wilhelm Weitling (Alexander Scheer) und seine Anhänger ausgeschaltet; er hatte zuvor im Stil eines Erweckungspredigers in blumigen Worten dem Proletariat eine goldene Zukunft prophezeit.

 

Diese missionarischen Wurzeln sollte die kommunistische Bewegung nie ganz kappen – und gerade deshalb 1917 ausgerechnet im agrarisch-rückständigen Russland erfolgreich werden, dessen christlich-orthodoxe Bauernschaft für simple Erlösungsversprechen sehr empfänglich war. Solche Einsichten in geistesgeschichtliche Zusammenhänge bietet der Film zuhauf; als Bildungs-Kino im besten Sinne.

 

Wie ein Abend im gentleman’s club

 

Natürlich wird dabei viel geredet: Was denn sonst, wenn es um Theorien zur Weltveränderung geht? Meist treffen Herren in Zylindern zusammen und unterhalten sich in wohlgesetzten Worten. Doch Regisseur Peck vermag es, den unabdingbaren rhetorischen Aufwand so in lebendige Szenen zu überführen, dass er das Geschehen nicht erstickt

 

Zwar ist sein Film etwas statisch, etwa wie ein Abend im gentleman’s club – doch ebenso geistvoll, und dabei keine Sekunde langweilig. Denn worüber diese Herren sprechen, beherrscht die Welt bis heute: entfremdete Arbeit, krasse Ausbeutung und schwindelerregende Machtkonzentration bei einer kleinen Schar von Akteuren – nur nicht mehr in Manchester, sondern im Silicon Valley und chinesischen Shenzen.


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