München

Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965

Die ganze Nachkriegszeit soll es sein: Das Haus der Kunst will die Entwicklung aller Künste bis Mitte der 1960er Jahre dokumentieren – weltweit. Trotz etlicher spannender Ausgrabungen kann diese begehbare Enzyklopädie ihren ehrgeizigen Anspruch nicht einlösen.

Diese „Postwar“-Ausstellung kommt im postfaktischen Zeitalter gerade recht: als Bestandsaufnahme der Kunstproduktion in den ersten beiden Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles erfassen und in Beziehung zueinander setzen wollen, was damals weltweit entstand, ungeachtet seiner Herkunft – das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben. Damit wird die übliche Beschränkung auf traditionelle Kunstzentren beiderseits des Atlantiks verabschiedet; zugunsten einer genuin globalen Perspektive.

 

Info

 

Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965

 

14.10.2016 – 26.03.2017

täglich 10 bis 20 Uhr,

donnerstags bis 22 Uhr

im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, München

 

Website zur Ausstellung

 

Wobei im Titel die Wendung „zwischen Pazifik und Atlantik“ irritiert. Egal, ob man in West- oder Ostrichtung rund um den Erdball von einem Weltmeer zum anderen blickt: Stets bleiben mehrere Kontinente ausgespart, was der Absicht der Schau zuwiderläuft. Ebenso wenig dürfte sich die ozeanische Ortsangabe auf die Rede vom „pazifischen Zeitalter“ beziehen, denn sie schließt das alte Europa aus. So dementiert der Titel selbst den universellen Anspruch dieser Ausstellung.

 

Entwicklungshilfe für Deutschland

 

Mit titanischer Anstrengung hat ein achtköpfiges Kuratoren-Team 550 Werke von 218 Künstlern aus 65 Ländern zusammengetragen. Etwa die Hälfte von ihnen sind hierzulande praktisch unbekannt, da ihre Werke selten oder nie gezeigt werden: Zeitgenössische Kunst aus Lateinamerika, Afrika und Asien kommt in deutschen Museen kaum vor. Da leistet diese Schau dringend nötige Entwicklungshilfe – nicht in den Herkunftsländern, sondern hier. Indem sie wichtige Tendenzen, Gruppen und Einzelpersönlichkeiten vorstellt; teils zum ersten Mal im institutionellen Rahmen.

Impressionen der Ausstellung


 

Begehbare Kunst-Enzyklopädie

 

Allerdings strebt sie keine Kunst-UNO oder klassische Biennale mit Länderpavillons an, sondern eine epochale Erzählung: wie die Nachkriegsmoderne entstand, sich in verschiedene, teils einander bekämpfende Strömungen aufspaltete und dabei auf ganz unterschiedliche regionale Bedingungen reagierte. Einschließlich aller Widersprüche und Wechselwirkungen – quasi als begehbare Kunstgeschichts-Enzyklopädie eines Zeitalters.

 

Dazu ist die Schau in acht Abschnitte unterteilt; anfangs überzeugt die Anordnung am meisten. Paradoxerweise schuf gerade der Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki eine kreative Weltgemeinschaft. Überall reagierten Künstler darauf mit ähnlichen Stilmitteln und „Nie wieder!“-Botschaften. Dafür sind beeindruckende Beispiele zu sehen – etwa der wandfüllende, sieben Meter lange Doppelfries „Feuer“ und „Atomare Wüste“ mit monströser Tuschemalerei von Maruki Iri und Maruki Toshi aus Japan.

 

Diffuser Formbedeutungs-Abschnitt

 

Dagegen gerät schon der nächste Abschnitt seltsam diffus. Sein Titel „Form ist bedeutsam“ versteht sich von selbst: ohne Formgebung keine Kunst. Inhaltlich soll er diverse Spielarten der Abstraktion vorstellen, etwa Informel und Abstrakten Expressionismus: als Rebellion gegen den technokratischen Rationalismus, dessen Ethos im nuklearen Fegefeuer verglühte.

 

Doch neben standards wie Wols oder Jackson Pollock und aufregenden Ausgrabungen wie dem fraktal pulsierenden Monumental-Fresko „My Hell“ (1951) der türkisch-jordanischen Prinzessin Fahrelaissa Zaid finden sich auch völlig anders orientierte Künstler. Etwa der pastos, aber figurativ malende Brite Leon Kossoff oder Hélio Oiticicá, Kopf des „Neo-Concretismo“ in Brasilien, mit sinnlich-plastischen Skulpturen.

 

Teenager-Tanz + Tüpfeltechnik-Australien

 

So erweist sich der Aufbau der Ausstellung als merkwürdig unentschieden. Mal argumentiert sie rein formal, wie in der Sektion „Realismus“: Sie versammelt unterschiedslos pompösen Sowjet-Kitsch und Agitprop aus Ägypten und Mexiko, aber auch ein sarkastisches Gruppenbildnis tanzender teenager des Italieners Renato Guttuso – überall sind ja Gestalten abgebildet.

 

Andernorts geht es nur um Bildinhalte, wie in „Formsuchende Nationen“: geläufige Variationen der US-Flagge von Jasper Johns, expressionistisch akzentuierte Palästina-Einwanderer von Ruth Schloss und Mitchell Siporin, oder Australien aus der Vogelschau, wofür Mawalan Marrika die Tüpfeltechnik der Aborigines benutzt.

 

Schlag nach im 300-seitigen Kurzführer

 

Solche Ungereimtheiten ließen sich ausräumen, würde der Zusammenhang zwischen den Exponaten erklärt. Doch die Kuratoren bevorzugen eine puristische Inszenierung; ohne Erläuterungen, die über Namen und Werktitel hinausgingen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Kunst in Europa 1945–1968 – Der Kontinent, den die EU nicht kennt“ – umfassende Überblicks-Schau im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968“ – exzellenter Überblick über die Kunst der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Aufbruch. Malerei und realer Raum“ über experimentelle Kunst der 1950/60er Jahre in Berlin, Würzburg + Rostock

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre“ – große Retrospektive zu Op-Art + kinetischer Kunst im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Wer mehr erfahren will, muss im 300-seitigen Ausstellungs-Führer nachschlagen. Auch dort wird aber jedes Werk nur isoliert betrachtet und sein Entstehungskontext allenfalls angedeutet. Da bleibt der enzyklopädische Ansatz der Schau weitgehend Behauptung – es sei denn, man sieht sie nur als Ausgangspunkt und Anregung für umfangreiches Selbststudium des zweibändigen Katalogs.

 

Viele weiße Flecken auf der Weltkarte

 

Ohne Gewähr, am Ende diese Kunstepoche vollständig zu überblicken. An der Werkauswahl fällt auf, dass etliche Künstler in mehreren Sektionen vertreten sind – sie sollen offenbar diese Themen oder ihre Herkunftsregion pars pro toto repräsentieren. Wobei letztere eigenwillig gewichtet werden: Für Afrika stehen vorwiegend der Maghreb und Nigeria, die Heimat von Direktor Okwui Enwezor; bedeutende Kunst-Nationen wie Südafrika, Senegal und Kenia bleiben mehr oder weniger ausgespart. Ostasien wird vor allem durch Japan und Südkorea vertreten, Lateinamerika durch Mexiko und Brasilien.

 

Ist es beckmesserisch, das Fehlen riesiger Landstriche auf der Kunst-Weltkarte zu bemängeln? Immerhin beansprucht die Ausstellung, die herkömmliche Nabelschau des Westens zu überwinden, indem sie aufzeigt, welche Vielfalt von Nachkriegs-Modernismen in allen Weltteilen erprobt wurden. Doch die Schau bietet eine Auswahl, die zwar nichtwestliche Künstler ausgiebig berücksichtigt, aber mangels konzeptioneller Begründung eher willkürlich anmutet.

 

Schluss mit Mammut-Spektakeln

 

Mehr ist angesichts begrenzter Kapazitäten wohl kaum noch möglich. Vielleicht ist ohnehin die Zeit für solche Mammut-Ausstellungen abgelaufen. Die Biennale in Venedig oder die Kasseler documenta gleichen einem Riesen-Rummel, der allen Beteiligten mehr Prestige und Marktwert, den Besuchern hingegen eher Konfusion und Kopfschmerzen beschert – obwohl beide Spektakel allein beanspruchen, die aktuelle Kunstszene umfassend darzustellen.

 

Wie gigantesk müsste eine Ausstellung ausfallen, die dasselbe für eine ganze Epoche zu leisten imstande wäre! Da bleibt nur die Kunst der klug bemessenen Selbstbeschränkung: smaller is more beautiful.


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