Laura Israel

Don’t blink – Robert Frank

Schattenspiele mit Robert Frank. Foto: Grandfilm Verleih

(Kinostart: 13.4.) Nicht blinzeln, nicht wackeln: So einfach kann Kunst sein. Laura Israel porträtiert den Fotografen und Filmemacher Robert Frank, der Beatnik-Lakonie mit kritischem Blick auf die Welt verknüpft – gelungene Dokumentation über einen Exzentriker.

Was macht gute Fotografie aus? „Normalerweise“, sagt der heute 92-jährige Robert Frank, „ist das erste Foto das beste. Wenn sich die Leute erst der Kamera bewusst sind, wird es ein anderes Bild. Die Menschen verändern sich.“ Mit dieser Idee reiste der 1924 in Zürich als Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer Schweizer Mutter geborene Frank mit einem Guggenheim-Stipendium Mitte der 1950er-Jahre quer durch die USA. Er fotografierte für den weltberühmten Fotoband „The Americans“ (1958) den Alltag von Menschen am Rande der Gesellschaft.

 

Info

 

Don`t blink –
Robert Frank

 

Regie: Laura Israel,

82 Min., USA/Frankreich/Kanada 2015;

mit: Robert Frank

 

Engl. Website zum Film

 

Franks Vorbild waren die Wochenschauen der „Fox Movietone News“ im Kino. Sein Anspruch war, dem Charakter der Menschen in seinen Fotos nahe zu kommen. Dazu verband er Fotojournalismus in der Tradition von Walker Evans mit der Attitüde der beat generation um den Schriftsteller Jack Kerouac („On the Road“, 1957), der auch das Vorwort zu „The Americans“ verfasste.

 

Keine Ahnung wohin, aber vorwärts

 

„Dank dieser Reise begann ich, Amerika zu mögen“, sagt Frank, der 1947 in die USA emigriert war, im Dokumentarfilm „Don’t Blink“: „Für einen aus Europa kommenden Menschen war es ein fantastisches Land. Es war sehr offen.“ Zwar hielten zeitgenössische Kritiker den Fotografen  eher für einen USA-Hasser, doch den Erfolg des Bildbands konnten sie nicht verhindern. Dem literarischen beatnik-Zirkel um Kerouac und Allen Ginsberg blieb Frank stets verbunden: „Sie wussten vielleicht nicht, wohin sie gehen, aber sie bewegten sich stets vorwärts.“ Still sitzen kann auch Robert Frank nicht.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Ich hasse Interviews

 

Der Film von Franks langjähriger Mitarbeiterin Laura Israel porträtiert den Fotografen und Filmemacher, sein Leben und seine Werke in einer Filmcollage, die dessen späteren Arbeiten ähnelt: Alles scheint unentwegt in Bewegung zu sein. Die fehlende Distanz zwischen der Filmemacherin und ihrem Sujet ist dabei von Vorteil. Querdenker Frank ist offenbar nicht einfach im Umgang.

 

„Ich hasse diese beschissenen Interviews“, sagte der Künstler schon zu Beginn des Films. In einem alten Fernsehausschnitt herrscht er einen Interviewer an, ob der denn vielleicht auch mal was Neues fragen könnte. Das bedeutet übrigens nicht, dass er dann nicht doch ganz gern über sich und sein Werk Auskunft gibt.

 

Fehler fördern Kreativität

 

„Ich liebe Fehler, oft funktionieren sie gut“, lautet ein Motto des Fotografen, dem er auch treu blieb, als er seine künstlerischen Ambitionen auf Filme ausweitete. Große 35-Millimeter-Kameras mochte Frank allerdings nie, selbst Ton war ihm oft schon zu viel Aufwand: „Deshalb liebte ich Super-8. Das machte es einfacher.“ Viel Geld verdient hat Robert Frank mit seiner Kunst lange Zeit nicht; den Lebensstandard für sich und seine Familie beschreibt er als „zeitweilig sehr niedrig“. Doch dafür hätte er eben auch große künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit gehabt.

 

In späteren Jahren kreisten viele seiner Filme um die Familie und funktionieren wie eine dokumentierte Autobiographie: Da geht es etwa um den Verlust seiner Tochter Andrea, die 1974 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, und seines Sohnes Pablo, der an Schizophrenie litt und 1994 verstarb.

 

Den Menschen zugewandt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mapplethorpe: Look at the Pictures“ – Doku über den New Yorker Skandal-Fotografen von Fenton Bailey + Randy Barbato

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Richard Avedon – Wandbilder und Porträts“ – Werkschau des US-Fotografen (1923-2004) im Museum Brandhorst, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Walker Evans – Ein Lebenswerk“ – große Retrospektive des US-Fotografen im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „True Stories – Amerikanische Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst“ in der Pinakothek der Moderne, München.

 

Doch Frank drehte beispielsweise auch einen Film über die lange und von widrigen Witterungsbedingungen geprägte tour des Zeitungszustellers der Gemeinde Mabou in Nova Scotia, Kanada; dort hatte Frank 1971 mit seiner zweiten Frau, der Künstlerin June Leaf, eine einfache Fischerhütte bezogen. Verstanden hätten seine Nachbarn die Wahl eines vermeintlich so simplen und wenig aufregenden Filmthemas allerdings nicht. Das ist typisch für den Künstler: Auch wenn er sich selbst mit den Jahren immer mehr zurückgezogen hat, bleibt er den Menschen („viel interessanter als Landschaften“) stets neugierig zugewandt.

 

Sein wohl berühmtester Film „Cocksucker Blues“ (1972), die Dokumentation einer USA-tour der Rolling Stones, für die er auch das cover des Albumklassiker „Exile on Main Street“ geschaffen hat, erlebte aber nur eine sehr begrenzte Verbreitung: Weil Frank das sex-drugs-and-rock’n’roll-Image der Band auf allzu drastische Weise illustrierte, verhindern die Stones bis heute eine kommerzielle Auswertung des Films.

 

Im Clinch mit den Stones

 

Legendär wurde „Cocksucker Blues“ trotzdem: weil nach einigen unautorisierten Vorführungen so manches vom kontroversen Inhalt durchsickerte. Zudem endete ein jahrelanger, medial ausführlich begleiteter Rechtsstreit erst Ende 1977 mit einem Vergleich. Heute darf der Film offiziell bis zu vier Mal im Jahr bei Retrospektiven vorgeführt werden.

 

Robert Franks künstlerischem Ruf tat die Auseinandersetzung mit den Stones keinen Abbruch. Und wie man ein gutes Foto macht, weiß er ja sowieso. Es ist ganz einfach: „Öffne deine Augen, wackle nicht und blinzle nicht.“


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