Berlin

Things to Come – Science · Fiction · Film

Panorama-Entwurf: „Elysium Interior“ von Mitchell Stuart für den Film "Elysium", USA 2013, Regie: Neill Blomkamp, © Tristar Pictures. Fotoquelle: Deutsche Kinemathek, Berlin

Soziologie der Zukunftsfantasien: Kino-Visionen des Künftigen sind so vielgestaltig wie der Sternenhimmel, doch meist eng an ihre Entstehungszeit gebunden. Das zeigt eine vergnügliche Überblicks-Schau der Deutschen Kinemathek im Museum für Film und Fernsehen.

„Das Weltall – unendliche Weiten“: Der Anfangssatz der TV-Serie „Raumschiff Enterprise“ gilt genauso für das genre der science fiction-Filme. Seit der Franzose Georges Méliès 1902 erstmals Stummfilm-Schauspieler auf eine „Reise zum Mond“ schickte, haben Regisseure so ziemlich alle Himmelkörper angepeilt und fremde Lebensformen aufgespürt, die sich denken lassen.

 

Info

 

Things to Come –
Science · Fiction · Film

 

30.06.2016 – 14.05.2017

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Dabei unterliegt diese Filmgattung sehr irdischen Konjunktur-Schwankungen. In den 1960/70er Jahren, als sich USA und UdSSR einen Wettlauf zum Mond lieferten und ehrgeizige Forschungsprogramme verfolgten, erlebte auch SciFi einen Höhenflug. Damals entstanden bis heute bewunderte Klassiker wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick oder „Solaris“ (1972) von Andrej Tarkowski.

 

Aufschwung seit Terroranschlägen

 

Spektakuläre Raumfahrt-Erfolge blieben in den 1980/90er Jahren aus; das Ende der bipolaren Weltordnung war aufregender. Science fiction wandelte sich zur Materialschlacht-fantasy wie in der „Star Wars“-Saga, oder zu familientauglichen Märchen wie „E.T.“ (1982) von Steven Spielberg. Seit den Terroranschlägen von 2001 wirkt die Erde wieder ungemütlicher – und das genre erfährt abermals einen rasanten Aufschwung.

Impressionen der Ausstellung


 

Paketversand als postnukleare Seelsorge

 

In jüngster Zeit spielen vermehrt Großproduktionen diverse Aspekte der conditio humana durch, mit hohem Anspruch auf Plausibilität. „Interstellar“ (2013) von Christopher Nolan reist mithilfe von cutting edge-Astrophysik zu Schwarzen Löchern. Alfonso Cuarón malt in „Gravity“ (2013) drastisch die Bedrohung durch Weltraum-Schrott aus. „Arrival“ (2016) von Denis Villeneuve fasziniert mit linguistischen Gedankenspielen über Kommunikation mit Außerirdischen.

 

Dagegen inspiriert offenbar die immer stärker miniaturisierte Digitaltechnik einen gegenläufigen trend: Unaufwändige Kammerspiele verlegen science fiction in künftigen Alltag. In „Ex Machina“ (2015) von Alex Garland soll der Held herausfinden, ob ein Roboter menschliches Bewusstsein besitzt – Google-Entwicklungslabore lassen grüßen. Und in „The Whispering Star“ (2015) inszeniert der Japaner Sion Sono mit einfachsten Mitteln einen interplanetarischen Paketversand-Dienst – als postnukleare Seelsorge.

 

Weltall, Zukunfts-Gesellschaft + das Fremde

 

Da liegt der Gedanke an eine Überblicks-Schau nahe: Was sagt science fiction über kollektive Vorstellungen von Machern und Publikum aus? Obwohl auf die Zukunft fixiert, ist sie meist eng an ihre Entstehungszeit gebunden: Die Riesen-Kanone, mit der Georges Méliès seine Figuren ins All schoss, ähnelt einer „Dicken Bertha“ – Raketen waren noch unbekannt. Im britischen Film „Things to Come“ („Was kommen wird“, 1936), dessen Titel diese Ausstellung übernimmt, prophezeit Drehbuchautor H.G. Wells einen großen Krieg: mit exakt dem Waffenarsenal, das drei Jahre später zum Einsatz kam.

 

Um sich nicht in den Weiten des Kino-Kosmos zu verlieren, beschränken sich die Kuratoren auf drei Bereiche: das Weltall, die Gesellschaft der Zukunft und das Fremde. In denen filtern sie aus etlichen Filmen Typisches heraus, das ihnen gemeinsam ist. Für ihre vergleichende Soziologie der Zukunftsfantasien betrachten sie auch löblich viele Beispiele aus der DDR, Polen und der Sowjetunion: SciFi war im Ostblock beliebt, weil das zur technikgläubigen KP-Ideologie passte –  und sich zugleich kaum verhüllte Systemkritik üben ließ.

 

Fritz Lang erfand NASA-countdown

 

Manchmal beeinflusst das genre tatsächlich die Wirklichkeit: Der countdown, mit dem US-Weltraumflüge starten, wurde 1929 von Regisseur Fritz Lang für den Film „Die Frau im Mond“ erfunden – und später von der NASA übernommen. Einige schwungvolle Stahlbeton-Bauten der 1960/70er Jahre waren erkennbar von SciFi-Kulissen inspiriert. Zuweilen zeichnet science fiction reale Entwicklungen vor. Etwa bei „Hyperschlafräumen“, in denen Astronauten jahrzehntelang vor sich hin schlummern, um extrem weite Reisen zu überstehen. Diese so genannte Kryonik wird mittlerweile systematisch erforscht.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Arrival“ – faszinierend intelligenter SciFi-Psychothriller über Kommunikation mit Außerirdischen von Denis Villeneuve mit Amy Adams

 

und hier eine Besprechung des Films „The Whispering Star“ – wunderbar elegisches SciFi-Kammerspiel über einen interstellaren Paketdienst von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ex Machina“ – raffiniertes SciFi-Kammerspiel um künstliche Intelligenz von Alex Garland

 

und hier einen Bericht über den Film „Interstellar“ – visuell überwältigendes SciFi-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan.

 

Die meisten Szenarien für künftige Gesellschaften fallen aber sehr pessimistisch aus. Keine epochale Katastrophe, skrupellose Unterdrückungs-Praxis oder Endkampf-Apokalypse, die nicht schon in allen scheußlichen Details auf der Leinwand ausgebreitet worden wäre. Einerseits nicht überraschend: Bereits die ältesten Mythen der Menschheit sind kontrafaktische Lehrfabeln – sie warnen davor, die Weltordnung zu missachten. Andererseits scheint die Zuversicht, technischer Fortschritt ermögliche eine humanere Zukunft, recht gering zu sein.

 

Aliens aus dem irdischen Tierreich

 

Beim „Fremden“ muss die Ausstellung in Anbetracht einer unübersehbaren Vielfalt passen; sie bietet nur ein paar beispielhafte Szenenbilder, Modelle und Kostüme auf. Die meisten set designer lassen bei der Gestaltung von Außerirdischen ihrer Fantasie freien Lauf – angelehnt an Vertrautes, etwa Formen der irdischen Fauna und Flora. Angefangen mit Mammut-Pilzen und -Schwämmen auf dem Mond von Méliès über die Känguru-Menschen von „Avatar“ (2009) bis zu siebenfüßigen Tintenfischen in „Arrival“.

 

Angelegt als labyrinthischer Rundgang durch galaktische Zonen auf drei Etagen, bietet diese Schau von jedem etwas: den trekkies und andern SciFi fans, die sich für memorabilia begeistern, etwa einen Original-„Phaser“ mit der Unterschrift von „Raumschiff Enterprise“-Kommandeur William Shatner alias „Captain Kirk“.

 

Immer bessere SFX

 

Dagegen können Normalsterbliche in Kompilationen kurzer Filmschnipsel mitverfolgen, wie sich Geschlechterverhältnisse an Bord, der Umgang mit cyborgs oder auch in der Atmosphäre verglühende Trümmer im Lauf der Zeit verändert haben. Mag auch die Vision von der Auswanderung ins All ausgeträumt sein – die special effects haben sich stetig verbessert.


Diesen Artikel drucken