Jonathan Teplitzky

Churchill

Winston Churchill (Brian Cox) streitet mit US-General Dwight D. Eisenhower (John Slattery, li.) und Feldmarschall Alan Brooke (Danny Web) über die richtige Kriegsführungs-Strategie. Foto: © SquareOne/ Universum
(Kinostart: 25.5.) Mächtig, launisch, depressiv: Im brillanten Biopic über den britischen Premier Winston Churchill zeichnet Jonathan Teplitzky den hartnäckigsten Kriegsgegner Hitlers als wankelmütigen Feldherrn – er schreckte vor der Normandie-Invasion zurück.

Der alte Mann und das Meer: Im Sommer 1944 steht Winston Churchill am Strand auf der britischen Seite des Ärmelkanals und schaut mit Grauen über das Wasser. Er blickt in eine ungewisse Zukunft: Die Invasion der Alliierten in der Normandie steht unmittelbar kurz bevor. Es wird der größte amphibische Angriff, die eine Armee je unternommen hat. Doch Churchill glaubt nicht an den Sieg.

 

Info

 

Churchill

 

Regie: Jonathan Teplitzky,

Min., Großbritannien 2017;

mit: Brian Cox, Miranda Richardson, John Slattery

 

Website zum Film

 

Er erinnert sich an die gescheiterte Landung der entente, dem Militärbündnis zwischen Großbritannien und Frankreich, im Ersten Weltkrieg 1915 auf der türkischen Halbinsel Gallipoli. Damals war er als Kommandeur mitverantwortlich für den Tod von mehr als 100.000 Soldaten.

 

Wider Churchills Willen

 

Er weiß: Ein Scheitern der Alliierten in der Normandie würde diesen Krieg noch einmal zu Hitlers Gunsten wenden. Verzweifelt versucht er, die Generäle Eisenhower und Montgomery zu überreden, nicht alle Kräfte auf einen Schlag zu riskieren und den von der Wehrmacht besetzten Kontinent auf mehreren Stellen anzugreifen. Doch die Kriegsmaschine rollt über ihn hinweg. Auch sein Plan, die Normandie-Invasion in Begleitung des britischen Königs an Bord eines Schlachtschiffs mit zu erleben, zerschlägt sich. Während die Flotte den Kanal überquert und die ganze Nation gebannt auf seine Radioansprache wartet, versinkt er in einer Depression.

Offizieller Filmtrailer


 

Kritische Tage

 

Der australische Regisseur Jonathan Teplitzky verdichtet sein biopic über den britischen Premierminister im Zweiten Weltkrieg auf wenige kritische Tage, in denen alles auf dem Spiel steht: Tausende von Menschenleben, der Ausgang des Krieges, aber auch Churchills Ehe, Karriere und Zukunft. Winston Churchill, so umstritten er ist, hat einen unschätzbaren Beitrag geleistet, um Hitler zu stoppen – und der Film wird ihm auf seine stille Weise meisterhaft gerecht. Das ausgezeichnete Drehbuch kann in Churchills Biografie bei bonmots und Anekdoten aus dem Vollen schöpfen, und das ensemble zieht einen in den Bann der nervenzerreißenden Stunden vor dem D-Day, der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944.

 

Brian Cox, in Hollywood als "Ire vom Dienst" bekannt, verwandelt sich mit wenig make-up auf beängstigend überzeugende Weise in die Post-Blitz-Version des berühmtesten Briten nach John Lennon – und spielt seinen psychischen Zustand gekonnt: verzagt, melancholisch, von den Dämonen der Vergangenheit geplagt. Auch James Purefoys kurzer Auftritt als König George VI. ist ein highlight: In einer quälend langen Apologie setzt er Churchill auseinander, warum er doch nicht, wie zunächst zugesagt, mit ihm an Bord der "HMS Belfast" gehen wird. Der Shakespeare-Darsteller Purefoy beschwört mit dieser Szene die Erinnerung an den stotternden König aus „The King’s Speech“ herauf; er lässt Colin Firth, der für seine Monarchen-Darstellung 2011 einen Oscar erhielt, wie einen überdrehten Kasper aussehen.

 

Menschliche Dimension

 

Abgesehen davon, dass Humor in „Churchill“ kaum eine Rolle spielt, ähneln sich beide Filme in einem Punkt: So wie George VI. rhetorisch über sich hinauswachsen musste, um den Deutschen die Stirn bieten zu können, läuft auch der Film „Churchill“ auf eine historische Radioansprache hinaus. Dass (und wie) Churchill seine berühmte Rede an die Nation überhaupt halten kann, verdankt er allerdings zwei Frauen: seiner Gattin, von Miranda Richardson mit absolut ebenbürtiger Präzision gespielt, und seiner neuen Sekretärin Helen (Ella Purnell) – spätestens hier fällt die unfreiwillige Verwandtschaft zum Hitler-Film „Der Untergang“ auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Liebe seines Lebens – The Railway Man" – ergreifendes Schuld-und-Sühne-Drama über einen Weltkriegs-Veteranen von Jonathan Teplitzky mit Colin Firth + Nicole Kidman

 

und hier eine Besprechung des Films „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ – brillantes Biopic über das Informatik-Genie Alan Turing im Zweiten Weltkrieg von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch

 

und hier einen Bericht über den Film Diplomatie – virtuoses Kammerspiel über die Rettung von Paris im Zweiten Weltkrieg von Volker Schlöndorff.

 

Helen erinnert an ihren Verlobten, der auf einem Schiff draußen auf dem Kanal Dienst tut, und damit den Regierungschef an seine Verantwortung auf dem britischen Festland. Während der Film in diesem Moment etwas altmodisch rührselig wirkt, leistet er sich im Ganzen eine gewisse Modernität: Churchills Depression verleiht seiner Größe eine menschliche Dimension, die Geschichtsbücher und Biographien nicht zu vermitteln vermögen. Brian Cox und Miranda Richardson gelingt das mit wenigen Dialog-Sätzen. Churchills gut ausgespielte Schwächen, nicht zuletzt seine Eitelkeit, zeigen jedoch, dass er die Krankheit überwinden kann, als es darauf ankommt.

 

Einer von den Guten

 

Dieses biopic profitiert auf raffinierte Weise von der Größe seiner Hauptfigur; dass sie bei den Guten mitgekämpft hat, hilft enorm. Nico „Ufa“ Hoffmann und Oliver „Untergang“ Hirschbiegel würden ihr Leben geben, um einen solchen Film drehen zu können. Dass dies mit Hitler und Rommel nun einmal nicht geht, zeigt, wie nachhaltig die Nazis die deutsche Kultur vergiftet haben.

 

Ihre Niedertracht wirkt bis heute nach. Churchill dagegen wird immer noch, wie im Abspann, als größter Brite aller Zeiten verehrt. Selbst die vielen toten Soldaten bei der gescheiterten Gallipoli-Invasion hat man ihm verziehen. Ein weiterer Churchill-Film namens "Darkest Hour" über die Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs mit Gary Oldman in der Hauptrolle ist bereits gedreht; er soll Ende des Jahres ins Kino kommen.


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