Asaph Polonsky

Ein Tag wie kein anderer

Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina) haben ihren Sohn verloren. Foto: © temperclayfilm
(Kinostart: 11.5.) Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund: Israelische Eltern trauern um ihren verstorbenen Sohn – und finden Trost bei dessen Kifferfreund. Leises und eindringliches Kammerspiel von Regisseur Asaph Polonsky über den Ernstfall des Lebens.

Mit nur 25 Jahren ist der Sohn von Vicki und Eyal an Krebs gestorben. Es ist der letzte Tag der shiv‘a. Eine Woche haben die Eltern mit der Verwandtschaft in ihrem Haus die traditionelle jüdische Totenwache gehalten, nun wollen sie, so haben sie es verabredet, wieder in die Normalität zurückkehren. Während Vicki (Evgenia Dodina), die als Lehrerin arbeitet, feststellt, dass das gar nicht so einfach ist, zaudert Eyal (Shai Avivi). Er ist verschlossen, passiv-aggressiv und gibt nicht viel von sich preis. Im Nachlass seines Sohnes findet er medizinisches marihuana und nimmt es mit nach Hause.

 

Info

 

Ein Tag wie kein anderer

 

Regie: Asaph Polonsky,

98 Min., Israel 2016;

mit: Shai Avivi, Evgenia Dodina, Sharon Alexander

 

Weitere Informationen

 

Viel anfangen kann er damit jedoch nicht – und wendet sich an den Nachbar-Sohn Zomer (Tomer Kapon), dessen Eltern aus irgendeinem Grund mit Eyal zerstritten sind. Zomer ist ein lieber Kerl, ein eher mittelmäßiger sushi-Lieferant und ein miserabler Luftgitarrist, aber im Gegensatz zu Eyal weiß er, wie man joints dreht. Und während Vicki kopfschüttelnd zuschaut, gönnen sich die beiden Männer im Garten eine Auszeit.

 

Keine stoner-Komödie

 

Ein älterer Herr raucht zum ersten Mal Gras. Allein dafür wurde die auf leisen Füßen daherkommende israelische Komödie ″Ein Tag wie kein anderer‶ auf Festivals bereits gefeiert und sogar als Kandidat für den Auslands-Oscar eingereicht. Erfreulicherweise geht es Regisseur Asaph Polonsky nicht darum, aus diesem nicht eben taufrischen sujet eine entspannte stoner-Komödie für zwei Generationen abzuliefern.

Offizieller Filmtrailer


 

Blick auf die kleinen Dinge

 

Das Gras wirkt bei Eyal erst einmal gar nicht. Er gehört wohl eher zu denen, die beim Kiffen noch verschlossener werden. Es gibt keinen befreienden Ausbruch aus den Konventionen, keine absurden Verwicklungen. Aber dennoch wirkt das marihuana wie ein Katalysator für die Trauerarbeit der beiden Eheleute und ihrem trotteligen Ersatzsohn auf Zeit. Es schärft den Blick für kleine Dinge. Es zeigt Eyal, dass vieles, was er über seinen Sohn zu wissen meinte, nicht stimmte, oder banaler war, als er dachte. Es bringt ihn dazu, innezuhalten, und es führt zu Momenten berührender Anteilnahme zwischen den drei Protagonisten dieses bürgerlichen Kammerspiels.

 


Mit absoluter Sicherheit lässt sich das alles nicht sagen. Die Figuren bleiben mit ihren Gedanken oft allein. Das erinnert in der Tat, wie der Verleih suggeriert, an die stillen Helden der Regisseur-Brüder Coen, etwa den „unauffälligen Mr. Crane“ („The Man Who Wasn’t There“). Aber während dort um den schweigsamen Grübler heilloses Chaos herrscht, tendiert „Ein Tag wie kein Anderer“ dramatisch gesehen eher zur Implosion.

 

Rechte Winkel dominieren

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Am Ende ein Fest" - warmherzige Sterbehilfe-Tragikomödie aus Israel von Sharon Maymon + Tal Granit

 

und hier einen Bericht über den Film "Atomic Falafel" - sarkastische Atomkriegs-Komödie aus Israel von Dror Shaul

 

und hier einen Beitrag über den Film „Bethlehem“ – brillantes Spionagedrama im Nahostkonflikt von Yuval Adler.

 

Das Leben scheint sich zu verlangsamen. Nicht als psychedelische Zeitlupe, sondern als realistische Erzählung mit gemächlichen Tempo und einer Komik, die stets über dem Abgrund bitterer Tragik balanciert. Das Haus, in dem der Film zu großen Teilen spielt, ist wie eine Metapher für die Schutzmechanismen seiner Bewohner. Es dominieren rechte Winkel, Türen und Fenster; Jalousien werden geräuschvoll geschlossen und selten geöffnet, die Alarmanlage wird aktiviert und ausgeschaltet, Blicke werden über Spiegel zurückgeworfen.

 


Selbst die neugeborenen Katzen im Garten haben seine Symbolfunktion. Trotz der Zeichen macht es der Film dem Zuschauer nicht einfach: Indem fast nichts geschieht, richtet er den Blick auf die kleinen Gesten und Reaktionen der Darsteller. Vieles bleibt offen. Eine Komödie zum Schenkelklopfen ist das keinesfalls, sondern eher eine Einladung, drei Menschen durch einen sehr persönlichen Prozess zu begleiten – und dabei gelegentlich zu schmunzeln.


Diesen Artikel drucken