Sigourney Weaver

Sieben Minuten nach Mitternacht

Das Monster (Liam Neeson) und Conor (Lewis MacDougall). Foto: Studiocanal
(Kinostart: 4.5.) Mein Freund, der Baum: Ein Außenseiter-Junge, dessen Mutter bald sterben wird, findet Trost bei einem Monster aus Wurzeln und Zweigen. Regisseur Juan Antonio Bayona verfilmt den Jugendbuch-Bestseller faszinierend fantasievoll.

Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist immer schwierig – vor allem für ein Kind. Von der furchtbaren Erfahrung, der eigenen Mutter beim Sterben zuzusehen, handelt Patrick Ness` Jugendroman „Sieben Minuten nach Mitternacht“ (2011), dessen Ko-Autorin Siobhan Dowd selbst einem Krebsleiden erlag. Das Jugendbuch wurde in vielen Ländern ein bestseller und begeisterte zahllose Erwachsene – wie den spanischen Regisseur Juan Antonio Bayona. Er hat den Roman kongenial verfilmt.

 

Info

 

Sieben Minuten nach Mitternacht

 

Regie: Juan Antonio Bayona,

108 Min., Großbritannien/ Spanien/ USA 2016;

mit: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

 

Weitere Informationen

 

Der 13-jährige Conor O’Malley (Lewis MacDougall) hat einiges zu schultern – der verträumte Junge wird von älteren Mitschülern gemobbt. Die Erwachsenen behandeln ihn mit Rücksicht, da seine Mutter (Felicity Jones) schwer krebskrank ist, weshalb er zu seiner überkorrekten Großmutter umziehen soll.

 

Albträume und Monster

 

Oft plagen ihn Albträume. Eines Nachts, genau sieben Minuten nach Mitternacht, verwandelt sich der uralte Baum vor seinem Fenster in ein riesiges, sprechendes Monster (Stimme: Liam Neeson). Es besucht Conor jede Nacht, erzählt ihm Geschichten und zwingt ihn, eine grausame Wahrheit zu akzeptieren: Dem Tod entkommt niemand.

Offizieller Filmtrailer


 

Horror mit großen Gefühlen

 

Bayonas frühere Spielfilme, der fantasy-Film „Das Waisenhaus“ (2007) und „The Impossible“ (2012) über eine tsunami-Katastrophe hielten bereits die balance zwischen Horror und großen Gefühlen, ohne in Kitsch abzugleiten. Diesmal nimmt der Regisseur das Publikum mit auf eine emotionale Reise im doppelten Sinne: durch die Fantasie des Jungen, die sich zunehmend mit der Wirklichkeit überschneidet.

 

Im realen Leben muss der Junge den körperlichen Verfall seiner Mutter mit ansehen. Dabei klammert er sich an schöne Momente der Normalität mit ihr; etwa wenn sie sich zusammen den Filmklassiker "King Kong und die weiße Frau" von 1933 ansehen. Geschickt wird hier die visuelle Fährte gelegt, die Conors Vorstellungskraft anregt: Später trägt ihn das Baum-Monster in seinen Astpranken tragen, und er steht dem Riesen von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

 

Angst und Porzellan

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Karte meiner Träume“ – märchenhaftes Porträt eines Wunderkinds von Jean-Pierre Jeunet

 

und hier einen Bericht über den Film „Hugo Cabret“ – zauberhafte Kinderbuch-Verfilmung von Martin Scorsese

 

und hier einen Bericht über den Film  “Moonrise Kingdom” – skurriles Kino-Märchen über erste Kinder-Liebe von Wes Anderson.

 

Vor dem Monster hat er keine Angst, sehr wohl aber vor seinen Mitschülern, die ihn täglich schikanieren: Dieses Gefühl beherrscht ihn, lähmt ihn und macht ihn angreifbar. Für seine noch junge Mutter hingegen ist er stark, aber auch einsam. Freunde hat er keine, sein Vater lebt mit einer neuen Familie im Ausland. Seine Großmutter (Sigourney Weaver) ist eine schrullige Dame, die in ihrem sterilen Haus Porzellan hortet. Hier sitzt er stundenlang zeichnend in seinem Zimmer, mit Blick auf den sich nachts verwandelnden Baum.

 

Das Monster wird ihm zum väterlichen Freund. Im Gespräch mit ihm lässt Conor seiner Wut auf die Ungerechtigkeit des Schicksals freien Lauf. Darauf antwortet der Baum mit gleichnishaften Geschichten – wunderbar animiert durch Aquarelle, die den Original-Illustrationen im Buch nachempfunden sind. Sie helfen ihm anzuerkennen, dass Gut und Böse manchmal nah beieinander liegen, und dass der Glaube nicht immer Berge versetzen kann.

 

Virtuose Ebenen-Verknüpfung

 

Die Szenen mit Conors Familien-Mitgliedern überzeugen durch hervorragende Darsteller; sie agieren zurückgenommen und ohne falsches Pathos. So beeindruckt bei diesem Film insbesondere die virtuose Verknüpfung von Imagination und Realität: „Sieben Minuten nach Mitternacht“ berührt den Zuschauer auf sehr unmittelbare Weise und nimmt ihn emotional mit – ein selten starkes Kinoerlebnis.


Diesen Artikel drucken