Kassel

documenta 14

Georgia Sagri: Dynamis Glaspavillion. Foto: © Fred Dott. Fotoquelle: documenta 14

So hätte die documenta 1977 aussehen können

 

Im patchwork der Minderheiten buhlt jede lautstark um Aufmerksamkeit und Mitgefühl – als Vorspiel für Forderungen nach Entschädigung und Fördergeldern. Dabei verzichten viele Beiträge auf künstlerische Aufbereitung, sondern breiten einfach Materialien aus. Über weite Strecken gleicht diese documenta einem unaufgeräumten Archiv voller vergilbter Dokumente und Belege. Gesinnung ist alles, die handwerkliche Ausführung fast gleichgültig.

 

Auch das ist nicht neu: Schon Mitte der 1970er Jahre machte sich im Kunstbetrieb die so genannte "Spurensuche" mit Aktenordnern und Fotostrecken breit. Diese Strömung verebbte rasch: Solche Stapelware wollte keiner sehen, geschweige denn kaufen. 40 Jahre später gräbt Szymczyks team sie wieder aus: Der noble Zweck – mehr Gehör für Erniedrigte und Beleidigte – heiligt die angestaubten Mittel. In verschärfter Form: Aus faden Recherche-Dossiers von einst sind plakative Pamphlete gegen Rassismus, Sexismus, Patriarchalismus usw. geworden. "So hätte die Documenta 6 im Jahr 1977 aussehen können, hätte es damals den postkolonialen Blick schon gegeben", spottet der Kritiker Niklas Maak in der FAZ.

 

Wand voller Nazigrößen-Passbilder

 

Das derzeit beliebteste Thema sind Flüchtlinge: Sie sind einfach zu beschaffen, jeder hat eine traurige Geschichte hinter sich, und deren human interest-Faktor lässt sich leicht in Wort und Bild ausmalen. Eine beinahe humoristische Variation bietet der Syrer Hiwa K vor der Documenta-Halle mit gestapelten Beton-Röhren, die er als luftige Wohnzellen ausstaffiert – er fand auf seiner eigenen Flucht in solchen Röhren Unterschlupf.

 

Ebenfalls gängig: die Nazis als das Böse schlechthin, dessen tausend Tentakeln bis in die Baugeschichte des Lokschuppens nebenan nachgezeichnet werden. Oder ins alldeutsche Fotoalbum: Piotr Uklanski pflastert in der Neuen Galerie eine ganze Wand mit Passbildern von Nazi-Größen – vor fast einem halben Jahrhundert tat das Gerhard Richter subtiler. Womit er durchaus Gegenwehr riskierte: Damals waren die Mörder noch unter uns.

 

Wie vom Schnellzeichner für 20 Euro

 

Immer gern genommen: sexuelle Minderheiten jeder couleur – je minoritärer, desto besser. Ihr Hang zur grellen Selbstdarstellung macht sie zu idealen eye catchers und liefert den Medien pikante Motive. Ein Prachtexemplar ist der Nachlass von Lorenza Böttner (1959-1994): Er/Sie verlor als Kind beide Arme, entdeckte später seine weibliche Seite und wurde Amateur-Sänger zwischen Jürgen Drews und Amanda Lear. Seine/Ihre Selbstporträts gleichen denen von Schnellzeichnern in Fußgängerzonen für 20 Euro; nun liegen sie in der Neuen Galerie als Transgender-memento mori aus.

 

Wobei sich in diesem Eine-Welt-Gemischtwarenladen sogar Kunstwerke finden – allerdings meist ältere. Etwa flirrend existentialistische Menschenbilder von Pawel Filonow (1883-1943) oder poppige Konterfeis von Marx, Lenin und Fidel Castro aus den 1970er Jahren von Cecilia Vicuña. Ohnehin ähnelt diese documenta eher einer historischen Thesen- als einer Kunst-Ausstellung, wobei die Macher ihre Exponate sehr lieblos in den Räumen ausstreuen; Komposition und Inszenierung wirken arg dilettantisch.

 

Stinkefinger-Signale Richtung Publikum

 

Auch diese Hyperpolitisierung mit antiwestlichem Affekt ist nicht neu. 2002 nutzte Okwui Enwezor seine documenta 11 zur Abrechnung mit postkolonialen Zuständen. Solche Fundamentalkritik weitete Carolyn Christov-Bakargiev in der dOCUMENTA (13) auf Ökonomie und Ökologie aus. Dafür schufen beide Ex-Leiter aus Einzelwerken größere Sinnzusammenhänge, die ihre Positionen diskutabel machten. Das schaffen die jetzigen Macher nicht: Sie häufen nur irgendwelche Fundstücke für immer gleiche Aussagen an. Sinnliche Qualitäten, die sie beglaubigen könnten, fehlen meist ebenso wie jeder rote Faden.

 

Dass Szymczyk darauf pfeift, wie er selbst betont, entspricht seiner demonstrativen Verachtung ziviler Umgangsformen. Sei es mit einer Pressekonferenz als fast dreistündiger Unverschämtheit aus sechs Theorie-Vorträgen, 20-minütigem Violin-Konzert und sieben Sätzen vom Leiter zum Schluss – aber ohne Fragen zuzulassen. Oder mit miserabler Organisation: Am zweiten Tag der Vorbesichtigung fehlte noch ein Viertel aller Bildlegenden. Oder beim bewusst hässlich gestalteten "Daybook"-Katalog mit absurder Anordnung der Künstler nach Kalendertagen – dies und manches mehr signalisiert Stinkefinger gegenüber dem Publikum, das eigentlich doch überzeugt werden soll, wie dringlich die sofortige Weltrettung sei.

 

Nackte spielen in KZ-Gaskammer Fangen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "dOCUMENTA (13)" - Überblick über die weltgrößte Gegenwartskunst- Ausstellung 2012 in Kassel

 

und hier eine Besprechung des Films "Art’s Home Is My Kassel" - Dokumentarfilm über die dOCUMENTA (13) von Katrin + Susanne Heinz

 

und hier eine Besprechung der "7. Berlin-Biennale"  - Ausstellung von Agitprop-Kunst 2012, kuratiert von Artur Żmijewski, in den KW KunstWerken + der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Tür an Tür" über "1000 Jahre deutsch-polnische Kunst und Geschichte" mit Werken von Artur Żmijewski im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Dieser Widerspruch klärt sich mit Blick auf Szymcyks Biographie und polnisches Umfeld: Weniger die von ihm mitbetreute 5. Berlin-Biennale 2008, die belang- und folgenlos verstrich, als vielmehr die 7. Berlin-Biennale 2012, kuratiert von seinem Landsmann Artur Żmijewski – er nimmt auch an der documenta 14 teil. Żmijewski verwandelte die Biennale in ein abgestandenes Agitprop-Spektakel, das krawallige 1968er-Rituale nochmals aufwärmte; was 44 Jahre später am Schauplatz damaliger Studentenunruhen völlig vorgestrig wirkte.

 

Aber nicht in Polen, das eine solche Kulturrevolution nie erlebt hat. Sie wird offenbar von einigen linken Jungintellektuellen zwanghaft nachgeholt, quasi als re-enactment: 2012 in Berlin, nun in Kassel. Dazu gehört auch grobschlächtiges Herumwühlen in NS-Motiven, wie es die Maler Mirosław Bałka und Wilhelm Sasnal praktizieren. Und Artur Żmijewski: Sein geschmackvoller Videofilm, in dem er Nackte in einer KZ-Gaskammer Fangen spielen lässt, wurde 2012 nach Protesten aus der Ausstellung "Tür an Tür. Polen – Deutschland: 1000 Jahre Kunst und Geschichte" im Berliner Martin-Gropius-Bau entfernt.

 

Spätpubertäre Totalverweigerung

 

Rüde Provokationen und sektiererisches Sendungsbewusstsein mögen als Protestgesten in die polnische Öffentlichkeit passen. Sie arbeitete nach 1989 ihre Vergangenheit nur zögerlich auf; derzeit verordnet ihr die amtierende PiS-Regierung spießigen Klerikalnationalismus als Staatsdoktrin. Im internationalen Kunstbetrieb, der von hektisch wechselnden Moden auf überhitzten Märkten und so reichen wie mächtigen Strippenziehern aus USA und Asien dominiert wird, erscheint Szymczyks Haltung als spätpubertäre Totalverweigerung.

 

Doch jede Ausstellung ist facettenreicher als der Weltrettungsplan ihres Kurators. Wie schon ihrem Vorgänger vor fünf Jahren widmet sich Kunst+Film auch der documenta 14 mit Spezial-Berichten: 100 Tage lang werden wir verschiedene Ausstellungs-Orte eingehend betrachten, einzelne Teilnehmer vorstellen und das Geschehen kommentieren. Wir haben ja keine andere documenta.


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