Wittenberg + Berlin

Luther und die Avantgarde + Der Luthereffekt

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/1650. Foto: © Deutsches Historisches Museum. Fotoquelle: MGB

Plexiglas-Käfig mit eye candy

 

Im Gegenteil: Ihre Werke verraten intime Kenntnis nicht nur seiner Thesen und deren historischen Konsequenzen – sie übertragen dieses Wissen in einen fernöstlichen Kontext. Mal dekorativ: Die in Berlin lebende Chinesin Jia schmückt die Gefängnis-Treppenhäuser mit einem Endlos-Band aus traditionellen Schriftzeichen. Zwei Drittel von ihnen wurden in der Volksrepublik ab 1956 abgeschafft; nur in Taiwan und Hongkong sind sie noch in Gebrauch. Jede Kultur-Reform oder -revolution vernichtet auch bislang gebräuchliche Vielfalt – den Wildwuchs dessen, was vorher da war.

 

Mal plakativ: Song Dong errichtet einen begehbaren Einzel-Käfig aus Plexiglas, dessen Gitterstäbe mit bunten Bonbons gefüllt sind – eye candy für auf Konsumenten reduzierte Individuen. Mal innovativ: Sun Xun gestaltet seinen Raum zur überbordenden Multimedia-Installation aus. Fresken zwischen Holzschnitt und Tuschemalerei konfrontieren Kleriker mit mythologischen Dämonen; eine Trickfilm-collage spinnt den Faden der Revolte von Luthers Auftritt vor dem Reichstag in Worms 1521 über die Oktoberrevolution bis in die Gegenwart.

 

Augenpaare in Gasflaschen gefangen

 

Mal meditativ: Miao Xiaochun setzt das berühmte Caravaggio-Gemälde mit dem ungläubigen Apostel Thomas, der Jesu' Wundmale berührt, in eine animierte Vektoren-Computergrafik um. Im Augenblick des Hautkontakts zerfällt alles in Mikado-Stäbchen: Identität ist illusorische Hülle, Zweifel zersetzt alles. Nur Unterdrückung und Ausbeutung überdauern alle Veränderungen: Der Indonesier Eko Nugruho kettet Gasflaschen, aus denen je ein Augenpaar blickt, zu einer – sozialen? – Pyramide zusammen. Ein schlichter, aber starker Eindruck, der haften bleibt.

 

Solche Arbeiten verweisen im weitesten Sinne auf die weltgeschichtliche Bedeutung der Reformation: Ohne Luthers Abrechnung mit der Kurie kein Laienpredigertum, keine schuldbewusste Introspektion, keine protestantische Erwerbs-Ethik und Entfesselung des Turbokapitalimus – und auch keine Säkularisierung, die Religion zur Privatsache erklärt. Was überall Glaubenseiferer rückgängig machen wollen, um bequeme Gewissheiten zu befestigen oder sehr weltliche Ziele zu erobern.

Interview mit Projektleiterin Anne-Katrin Ziesak + Impressionen der Ausstellung in Berlin


 

"Luthereffekt" meistert das Unmögliche

 

Wie es zu all dem kam, soll eine der drei "Nationalen Sonderausstellungen" im Berliner Martin-Gropius-Bau klären. Das eigentlich unmögliche Unterfangen, 500 Jahre Geistesgeschichte in einer Sonderschau unterzubringen, bewältigt "Der Luthereffekt" recht gut. Diesmal vermeidet das Deutsche Historische Museum (DHM) als Veranstalter gottlob, was viele andere DHM-Ausstellungen schwer genießbar macht: das Publikum mit einer Unzahl von Exponaten und Details zu überschütten, bis ihm der Kopf schwirrt.

 

Am Anfang steht die Einsicht, dass der Thesenanschlag von 1517 nur eine Initialzündung war – was sich daraus entwickeln sollte, ahnten oder beabsichtigten weder Luther noch seine Mitstreiter. Im globalen Protestantismus-patchwork von heute spielen die lutherischen Kirchen längst keine dominante Rolle mehr. Das weite Spektrum protestantischer Konfessionen wird von den Kuratoren zwar betont, aber kaum veranschaulicht: Etliche Exponate sind wenig aussagekräftig und sparsam betextet. Wer mehr wissen will, greife zum Gratis-Begleitheft – sola scriptura!

 

Kriege fördern Hinwendung zu Christus

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Bild und Botschaft - Cranach im Dienst von Hof und Reformation" - große Werkschau der Hausmaler von Martin Luther in Gotha, Kassel + Weimar

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Du sollst Dir (k)ein Bild machen" - facettenreiche Ausstellung über Religion + zeitgenössische Kunst im Berliner Dom

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Elger Esser - zeitigen" - großformatige Fotografien von u.a. leer stehenden Kirchen in Frankreich in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe

 

und hier einen Beitrag über den Ausstellungs-Zyklus "China 8: Zeitgenössische Kunst aus China an Rhein und Ruhr" mit Werken von Miao Xiaochun in acht NRW-Städten

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Kraftwerk Religion – Über Gott und die Menschen"  zu (Wechsel-)Wirkungen von Religionen im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden.

 

So originell wie überzeugend wirkt jedoch die Lösung, beispielhaft vier Länder auszuwählen, die pars pro toto Aspekte des Protestantismus weltweit repräsentieren. In Schweden wurde das Luthertum schon im 16. Jahrhundert zur Staatskirche; samt Gesinnungskontrolle durch die Obrigkeit und einem Bildprogramm, das dem Alleingeltungsanspruch des Katholizismus ähnelte. Dagegen wurden die USA von protestantischen Sektierern gegründet: Alle Einwanderer brachten ihr eigenes Bekenntnis mit – das zwang zu staatlicher Neutralität und religiöser Toleranz.

 

In Korea beförderten der Widerstand gegen die japanische Kolonialmacht und der Bürgerkrieg 1950/3 die Hinwendung zum Christentum ebenso wie Südkoreas Wirtschaftsaufschwung ab den 1960er Jahren. All das untergrub überlieferte Bande und Werte; zudem fokussiert der Glaube an Jesus – anders als traditionelle fernöstliche Denksysteme – auf den Einzelnen und sein persönliches Heil, nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

 

Erzengel als Wolkenband-Fee

 

Mittlerweile bezeichnen sich knapp 30 Prozent der Südkoreaner als Christen; zwei Drittel von ihnen sind Protestanten. Wie sie ihre religiöse Ikonographie an ihr kulturelles Umfeld anpassen, zeigt sehr plastisch Kim Ki-changs Tuschemalerei-Zyklus zum Leben Jesu von 1962: Der Messias tritt als Weiser mit koreanischem Gelehrten-Hut auf, der Erzengel Gabriel als Fee auf einem Wolkenband.

 

Eine noch vitalere Variante des Synkretismus findet sich in Tansania: Die dortige lutherische Kirche ist zwar die größte in Afrika, hat aber nur sechs Millionen Mitglieder – auf diesem Kontinent dominieren Evangelikale, Pfingstler und ähnliche Erweckungsbewegungen.

 

Wobei der Unterschied im Alltag kaum auszumachen ist, wie Karsten Heins Fotoreportagen über Mitmach-Gottesdienste belegen. Bei jeder Gelegenheit wird gesungen und gepredigt, Exorzismus und Wunderheilungen sind an der Tagesordnung – was der religiösen Praxis zu Luthers Lebzeiten viel näher kommt, als der EKD recht sein dürfte.


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