Michael Fassbender

Das Gesetz der Familie

Wenn das SEK zum Frühstück klingelt: Chad Cutler (Michael Fassbender) und seine Frau Kelly Cutler (Lyndsey Marshal) werden im Bett überrascht. Foto: Koch Films GmbH
(Kinostart: 3.8.) Es gibt kein richtiges Leben im nomadischen: Regisseur Adam Smith siedelt einen Vater-Sohn-Konflikt im Milieu von Outlaws in Wohnwagen an. Wovon er wenig versteht: Kultivierte Top-Darsteller wirken als Prekariat kaum glaubwürdig.

Nichtsesshafte und fahrendes Volk kommen im Kino kaum vor. Wie auch? Schon ihre Benennung wird schwierig: Der Begriff Zigeuner ist verpönt, Sinti und Roma werden ethnisch definiert, andere Bezeichnungen charakterisieren nur kleine Teilgruppen. Zudem wollen die Betroffenen gar nicht festgelegt werden; ihr ganzes Auftreten zielt darauf ab, sich dem zu entziehen. Wobei ihre bloße Existenz der Mehrheitsbevölkerung Unbehagen bereitet – erinnert sie doch an eine nomadische Lebensweise, die ihre eigenen Vorfahren schon vor Jahrtausenden aufgegeben haben.

 

Info

 

Das Gesetz der Familie

 

Regie: Adam Smith,

99 Min., Großbritannien 2016;

mit: Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal

 

Website zum Film

 

Dennoch siedelt der britische Regisseur Adam Smith, der bisher Musik-Videos und TV-Serien drehte, sein Spielfilm-Debüt in dieser Sphäre an. In einer sehr speziellen Variante: Die Cutlers verhalten sich wie outlaws. Mitten in der idyllischen Grafschaft Gloucestershire im Südwesten Englands hausen sie am Waldrand in einer Art improvisiertem trailer park. Ihre Caravan-Wagenburg mit Gemeinschafts-Lagerfeuer und herumliegenden Schrott ähnelt einer jungsteinzeitlichen Siedlungs-Stätte.

 

Kronprinz ohne Schulbesuch

 

Der Clan wird angeführt von Chad Cutler (Brendan Gleeson). Als Patriarch alter autoritärer Schule verbringt er die Tage im Freien auf einem Couchsessel und wacht darüber, dass alle spuren. Insbesondere sein Sohn Colby (Michael Fassbender): Zwar hat er nie eine Schule besucht, doch offenbar mehr Grips als die übrige Bande zusammen. Wenn Chad seine Leute auf Raubzüge losschickt, vertraut er seinem Sohn die Leitung an – damit kein anderer Ganove Mist baut.

Offizieller Filmtrailer


 

Antisoziale Privatideologie

 

Die Cutlers sind Berufskriminelle: Was sie brauchen, stehlen sie sich zusammen – vom Kleinwagen für einen joy ride bis zum systematischen Ausräumen luxuriöser Anwesen. Chad schmiedet die Pläne, Colby führt sie aus, alle Anderen hören auf ihr Kommando. Das rechtfertigt der Clan-Chef mit seiner antisozialen Privatideologie aus Anarcho-Sprücheklopferei und wirren Bibelzitaten. Nach dem Motto: Jesus persönlich hat uns befugt, aller Welt auf der Nase herumzutanzen.

 

Nun agieren die Cutlers nicht im luftleeren Raum. Es gibt Kontakte zu anderen Tunichtguten in der Gegend, die auch von Diebesgut und Hehlerei leben. Manchmal kommen sie zu einer Art Jahrmarkt zusammen, bei denen auf illegale Faustkämpfe gewettet wird und Fusel in Strömen fließt. Doch Regisseur Smith stellt seine Akteure als quasi autark dar – und verspielt damit jede Glaubwürdigkeit seines Szenarios.

 

Analphabeten als Kunstkenner

 

Angefangen mit den Hauptdarstellern: Gleeson und Fassbender machen ihre Sache gut – viel zu gut. Dass diese kultivierten Weltklasse-Schauspieler Asoziale mit wenig Affektkontrolle am Rand der Gesellschaft verkörpern sollen, glaubt man ihnen keine Sekunde lang. Am wenigsten Fassbender: Er beherrscht weder Lesen noch Schreiben, trickst aber mit raffinierter Kombinationsgabe Hundertschaften von Polizisten aus. Am albernsten wirkt das, als Colby mit seinen Handlangern angeblich aus einem Herrenhaus eine Kollektion Alter Meister klaut – Analphabeten als Kunstkenner?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Light between Oceans" – beeindruckendes Findelkind-Drama von Derek Cianfrance mit Michael Fassbender

 

und hier eine Besprechung des Films "Am Sonntag bist Du tot - Calvary" – schwarzhumorige irische Sitten-Tragikomödie von John Michael McDonagh mit Brendan Gleeson

 

und hier einen Bericht über den Film "Ich, Daniel Blake" – packendes Sozialdrama im englischen Prekariat von Ken Loach, prämiert mit der Goldenen Palme in Cannes 2016.

 

und hier einen Beitrag über den Film "Parked – Gestrandet" – eindrucksvolles Kammerspiel über Obdachlose in Irland von Darragh Byrne.

 

Regisseur Smith kümmert sich wenig um Plausibilität; stattdessen konzentriert er sich auf einen guten alten Vater-Sohn-Konflikt: Chad verlangt, dass Colby kuscht. Der will aus dem Aussteiger-Dasein aber aussteigen, um seiner Frau Kelly (Lyndsey Marshal) und ihren beiden Kindern eine brav kleinbürgerliche Zukunft zu bieten – inklusive regelmäßigem Schulbesuch und später vermutlich Häuschen mit Garten. Das Hin und Her zwischen Papa und Sohnemann füllt zwei Drittel des Films – und geht erwartbar so aus, wie solche Auseinandersetzungen aus biologischen Gründen meist enden.

 

Mit der Polizei vertraut

 

Dass die Macher keine rechte Ahnung von dem schwer zugänglichen Milieu haben, das sie porträtieren wollen, wird in etlichen Momenten deutlich. Trotz ständigen Fluchens mit four letter words drücken sich alle Protagonisten zu elaboriert aus; ihr Wortschatz ist für Angehörige der Unterschicht viel zu groß. Die anfängliche Schar von Nebenfiguren verschwindet praktisch von der Bildfläche, sobald der Vater-Sohn-Konflikt in den Vordergrund tritt – obwohl solche Sippen-Strukturen doch Stärke und Stabilität aus ihrem Gruppenzusammenhalt beziehen.

 

So überzeugen paradoxerweise am ehesten genre-Elemente, die mit der eigentlichen story wenig zu tun haben: etwa Colbys halsbrecherische Flucht nach einem missglückten coup oder eine Razzia der Fahnder im Morgengrauen. Das hat Tempo, Spannung und Witz – bei der Polizei kennt sich Regisseur Smith offenkundig besser aus als im Prekariat.


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