Luca Guadagnino

Call me by your Name

Elio (Timothée Chalamet, li.) und Oliver (Armie Hammer) kommen sich näher. Foto: © 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
(Kinostart 1.3.) Ein italienischer Professoren-Sohn lässt sich im Sommer 1983 auf einen US-Doktoranden ein. In sonnensatten Bildern fängt Regisseur Luca Guadagnino die Atmosphäre von süßem Nichtstun ein – als Kulisse für eine sympathisch klischeefreie schwule Liebe.

Der 17-jährige Elio verbringt den Sommer 1983, wie schon in den Vorjahren, mit seinen Eltern im norditalienischen Landhaus der Familie. Auch der US-Doktorand Oliver kommt hier ein paar Wochen unter, um an seiner Dissertation zu arbeiten und Elios Vater, einem emeritierten Archäologieprofessor, zur Hand zu gehen. Oliver fragt Elio, was man denn hier den ganzen Tag so treibe. Der will dem für seine Geschmack zu cool auftretenden Amerikaner ein bisschen Coolness entgegensetzen und erklärt nonchalant: Warten, dass der Sommer vorbei ist. Und im Winter? Naja, da warte man dann auf den Sommer.

 

Info

 

Call me by your Name

 

Regie: Luca Guadagnino,

132 Min., Italien/ Frankreich/ Brasilien/ USA 2017;

mit: Timothée Chalamet, Esther Garrel, Armie Hammer

 

Website zum Film

 

Ach, welch Luxus-Gefühl ist doch die gepflegte Langweile! Leider kommt sie mit dem Ende der Jugend abhanden – oder vielleicht liegt das an unserer aufmerksamkeitsökonomisch durchgetakteten Gegenwart? Trotzdem, auf sympathisch ziellose Weise weiß auch Elio seine Zeit zu nutzen. Er liest viel und transkribiert klassische Musik. Bei den Mahlzeiten führen Gäste der Eltern intellektuelle Gespräche. Draußen vor der Tür, in der sommersatten Natur, leben alle dolce far niente. Oliver und Elio gehen schwimmen, stecken sich sonnenpralles Obst in den Mund und flirten mit einheimischen Mädels. In dieser Umgebung kann man einfach nicht anders.

 

Wie ein träger Nachmittag am Pool

 

Dieser Film schenkt einem mehr als zwei Stunden lang ein solches Luxus-Gefühl, das ansonsten verloren gegangen ist – als würde man einen heißen Nachmittag im Kreis von Elios Familie schön träge am Pool verbringen. Dabei wirkt die Liebesgeschichte zwischen Elio und Oliver im Nachhinein wie ein Traum, an den man sich nur halb erinnert, der aber dennoch ein klares Gefühl hinterlässt. Etwa so wie ein verblichenes Farbfoto aus Jugendtagen, das Erinnerungen heraufbeschwört, obwohl man diesen besonderen Sommer gar nicht selbst erlebt hat.

Offizieller Filmtrailer

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Wie Film von Italiens Tourismuswerbung

 

Erst einmal wird man jedoch in die Irre geführt. Es brodelt ein wenig unter der perfekten Oberfläche, so dass man zunächst vermutet, das latent Dräuende könne auf Thriller-Terrain führen. Schließlich ist die Sommerfrische, in dem sich Abgründe auftun, ein etablierter Genre-Topos – wie auch in "A Bigger Splash" (2016), dem letzten Film von Luca Guadagnino. Damit hatte sich der italienische Regisseur an einem Remake von Jacques Derays Klassiker "La Piscine" (1969) versucht, bei dem leider vieles nicht richtig zusammenpasste.

 

Ganz anders dagegen diese Adaption des gleichnamigen Romans von André Aciman: Hier ergänzen sich Handlung und Atmosphäre fast perfekt. Bisweilen wirkt das Ganze wie ein Werbefilm der italienischen Tourismusbehörde, doch das möchte man Regisseur Guadagnino gar nicht vorwerfen – so gut passen alle Elemente zusammen.

 

Wie junger Gott + Surflehrer

 

Jedenfalls kristallisiert sich langsam heraus, dass beim unterschwelligen Brodeln nichts Sinistres mitschwingt; es ist allein der besonderen Chemie zwischen dem vor sich hin pubertierenden Elio und dem sieben Jahre älteren Oliver geschuldet. Der wirkt wie eine Mischung aus jungen griechischem Gott und all american boy: attraktiv wie ein Surflehrer und mit für Elio irritierendem Selbstvertrauen ausgestattet.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "God's Own Country" – herb-romantisches Homosexuellen-Drama von Francis Lee

 

und hier eine Besprechung des Films "A Bigger Splash" – luxuriöser Lebemann-Krimi am Urlaubs-Pool von Luca Guadagnino mit Ralph Fiennes + Tilda Swinton

 

und hier einen Bericht über den Film "La belle saison – Eine Sommerliebe"lesbisches Liebesdrama in den 1970er Jahren von Catherine Corsini mit Cécile de France

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der Fremde am See" – fesselnder schwuler Kammerspiel-Thriller von Alain Guiraudie

 

Die beiden werden einander in den folgenden Wochen umkreisen, anziehen und abstoßen – und dabei versuchen, sich einen Reim darauf zu machen, was gerade mit ihnen passiert. Schließlich gibt es keine größere Herausforderung, als zu erkennen, dass man vielleicht doch ein anderer ist als derjenige, für den man sich bislang hielt.

 

Sog durch luftige Zerfaserung

 

Das bei aller sinnlichen Opulenz subtile Drama erzählt vom Suchen und von einem Begehren, in dem auch immer Zweifel mitschwingen. Nicht nur, weil die Welt vielleicht noch nicht reif ist für diese Liebe – auch in diesem Punkt hält der Film eine schöne Überraschung bereit. Sondern vor allem, weil es nie leicht ist, sich wirklich zu öffnen. An vordergründiger Handlung passiert dabei recht wenig. Doch ein Film wie dieser bereitet wohl am meisten Freude, wenn man sich möglichst unvoreingenommen von ihm einwickeln lässt.

 

Allerdings muss man etwas Geduld aufbringen. Eine ganze Weile mäandert die Erzählung scheinbar ziellos vor sich hin – was durchaus eine dramaturgische Funktion erfüllt. Regisseur Guadagnino lässt sich Zeit und erwartet das auch vom Zuschauer. Auf luftig zerfaserte Weise entwickeln die atmosphärischen Bilder ihren ganz eigenen Sog. Für den lohnt sich am Ende sehr, diese Geschichte einer sympathisch klischeefreien schwulen Liebe mitzuverfolgen.


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