Frankfurt am Main

Glanz und Elend in der Weimarer Republik

Horst Naumann: Weimarer Fasching (Detail), um 1928/29, Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, © Nachlass Naumann, Foto: bpk / SKD. Fotoquelle: Schirn
Mehr als Charleston und Romanisches Café: Die Weimarer Republik taumelte von einer Krise in die nächste. Wie sich das in der Kunstproduktion jener Jahre niederschlug, zeichnet die Schirn Kunsthalle nach - anschaulich und etwas einseitig.

Wenig Glanz und viel Elend, jenes aber glanzvoll präsentiert - das bietet diese Epochenschau in der Schirn Kunsthalle. Sie will dem oft kolportierten Klischee von den „Goldenen Zwanziger Jahren“ den sozialhistorischen Spiegel vorhalten, um ein realistischeres Bild der ersten deutschen Republik zu zeichnen, die in ihrer nur 14-jährigen Existenz von einer Krise in die nächste schlingerte.

 

Info

 

Glanz und Elend in der Weimarer Republik

 

27.10.2017 - 25.02.2018

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt am Main

 

Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

 

Mit Arbeiten von 62 Künstlern - darunter vielen aus der zweiten und dritten Reihe, deren Namen heute kaum noch bekannt und deren Werke allenfalls in Regionalmuseen zu sehen sind. Hier werden sie weniger wegen ihres Rangs, sondern als Beleglieferanten für bestimmte Phänomene oder Tendenzen ausgestellt. Es geht nicht um berühmte Avantgarden oder Strömungen wie die „Neue Sachlichkeit“, sondern um Kunst als Medium für Zeiterscheinungen.

 

Ein Drittel Künstlerinnen



Da muss man ästhetische Ansprüche drosseln, wird dafür aber mit manchen Entdeckungen belohnt. Neben den Platzhirschen George Grosz, Otto Dix und Christian Schad haben deren neusachlichen Mal-Duktus zahlreiche Kollegen mehr oder weniger originell variiert. Dazu zählen viele Frauen, die ein Drittel der Teilnehmer ausmachen; auch damit überrascht diese Ausstellung.

Feature über die Ausstellung; © Schirn

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Kaum tragbare Start-Hypotheken

 

Es passt zu ihrer entschieden sozialgeschichtlichen Ausrichtung; politische und ökonomische Entwicklungen spielen eher untergeordnete Rollen. Was etwas befremdet angesichts einer Gesellschaft, die ideologisch so zerrissen war wie kaum eine zuvor, und in der alle Lager massenhaft holzschnittartige Propaganda produzierten. Die war allerdings künstlerisch meist belanglos.

 

Immerhin macht die Schau mit unüberbietbarer Drastik deutlich, welche Last von Anfang an diese Republik niederdrückte. Der Erste Weltkrieg war verloren, die Reparationsforderungen der Siegermächte astronomisch hoch, die Inflation galoppierte. Millionen von demobilisierten Soldaten und Kriegsversehrten strandeten erwerbs- und orientierungslos im zivilen Leben; die radikale Rechte agitierte für Monarchie oder Militärdiktatur, die radikale Linke für den Kommunismus.

 

Welt als heilloses Irrenhaus

 

So polarisiert wie diese Gesellschaft war auch ihre Kunst: Nachkriegsbilder von Grosz und Dix, aber auch Georg Scholz und Karl Hubbuch zeigen die Welt als heilloses Irrenhaus. Mit stets ähnlichem Personal: Feiste Kriegsgewinnler mit Schampus und Zigarre prallen auf ausgezehrte Arbeitermassen und verhärmte Armutsprostituierte. Man mag kaum von Karikaturen oder satirischer Schärfe sprechen - solche Arbeiten sind visuelle Wutausbrüche.

 

Erst nach dem Ende der Hyperinflation 1923 tauchen zwischen diesen krassen Gegensätzen andere Gesichter auf. Die wachsende Schicht der Angestellten steht für einen neuen Lebensstil: praktisch-elegante Kleidung, Freude an kommerziellen Vergnügungen wie Kino und Varieté, gelockerte Sexualmoral.

 

Ambivalenz der „Neuen Frau“

 

Derlei Interessen bedienen etliche Zeitschriften; durch Illustrationen von Zeichnerinnen wie Jeanne Mammen oder Dodo (Dörthe Clara Wolff), die das Selbstverständnis ihrer Leser einerseits idealisieren, andererseits milde ironisieren. Zugleich malen Alfred Birkle oder Rudolf Schlichter Heerscharen von Passanten als konformistische, ausdruckslose Gestalten.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Jeanne Mammen: Die Beobachterin" - sehenwerte Retrospektive 1910-1975 der bedeutendsten künstlerischen Chronistin der Weimarer Republik in der Berlinischen Galerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Rudolf Belling - Skulpturen und Architekturen" - gelungene Retrospektive des erfolgreichen Künstlers der Weimarer Republik im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Dix/Beckmann: Mythos Welt" - über die beiden bedeutenden Maler der Weimarer Republik in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Menschliches - Allzumenschliches" - Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus, München mit Werken von Rudolf Schlichter und George Grosz

 

Dabei darf natürlich die „Neue Frau“ nicht fehlen: mit Bubikopf und maskulinen Accessoires wie Krawatte zum Hemd oder Sportkleidung. Die Ambivalenz dieses Rollenmodells stellt die Schau deutlich heraus. Einerseits konnten diesem Modernitätsideal nur wenige berufstätige Großstadt-Bewohnerinnen entsprechen; andererseits bot seine Androgynität den perfekten Dresscode für die entstehende schwullesbische Subkultur.

 

Viel Gender, wenig Technik

 

Als Tribut an unsere gendertheoretisch bewegte Gegenwart widmet die Ausstellung gleich vier von neun Abteilungen geschlechtsspezifischen Themen; etwa zur Kriminalisierung von Homosexualität und Abtreibung. Das wird mit beeindruckenden Werkserien bebildert, die sonst selten zu sehen sind: wie den opulenten Tableaus von Lotte Laserstein oder den wild wuchernden Aquarellen von Elfriede Lohse-Wächtler

 

Dagegen kommen die Lebens- und Erfahrungswelten von Normalbürgern in der Weimarer Republik eindeutig zu kurz. Etwa die stürmische technische Modernisierung, die damals intensiv kommentiert und kontrovers diskutiert wurde; zwei Porträts von Radiohörern und ein paar Industrie-Gemälde von Karl Völker und Carl Grossberg wirken wie lieblos angehängte Pflichtexemplare.

 

Schwindelerregende Moderne

 

Dabei wären gerade Grossbergs klinisch reine Ansichten von Kesseln, Tanks und Raffinerien eingehender Betrachtung wert: Kündigen sie nicht von der gleichen grauenvoll faszinierten Vorahnung einer baldigen Abschaffung des Menschen, die mittlerweile von den Labor-Panoramafotos eines Thomas Struth oder Andreas Gursky ausgeht?

 

Damit ließe sich auch die Brücke zum Heute schlagen: Schließlich ist es nicht das Schreckgespenst eines drohenden Neofaschismus, das die Betrachtung der kurzlebigen Weimarer Republik ergiebig macht, sondern - damals wie heute - ein schwindelerregender Modernisierungsschub mit ungewissem Ausgang.


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