Stéphane Brizé

Ein Leben

Julien (Swann Arlaud) küsst seine Frau Jeanne (Judith Chemla). Foto: FilmKinoText
(Kinostart: 24.5.) Provinz-Adel vor 200 Jahren: geruhsames Dasein im Jahreszeiten-Rhythmus. Aber auch Ideale, Enttäuschungen und Verrat – mit seiner Verfilmung eines Maupassant-Romans beschwört Regisseur Brizé kongenial das Lebensgefühl der Epoche herauf.

Um den neuen Film von Stéphane Brizé zu verstehen und zu genießen, muss man einige Muße investieren. Die stoische Langsamkeit von "Ein Leben" entspricht so gar nicht den flotten Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts; der Film verlangt, sich mit viel Ruhe auf seine Entschleunigung einzulassen. Bringt man allerdings die nötige Geduld auf, wird man mit einer sehr subtilen Geschichte belohnt; sie breitet ihre Bilder ganz unaufdringlich aus, fast traumgleich, und klingt noch lange leise nach.

 

Info

 

Ein Leben

 

Regie: Stéphane Brizé,

119 Min., Frankreich/ Belgien 2016;

mit: Judith Chemla, Swann Arlaud, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau

 

Weitere Informationen

 

Als Vorlage dient der gleichnamige Roman von Guy de Maupassant aus dem Jahre 1883. Die Verfilmung erlaubt sich viele Freiheiten; Regisseur Brizé fasst das umfangreiche Werk sehr schlicht in assoziativen Bildern und Momentaufnahmen zusammen. Gleichsam aus der Erinnerung entfaltet sich die Geschichte einer Frau, die an ihrer Naivität und ihrem Idealismus, aber auch an den Schranken ihrer Zeit scheitert.

 

Nach der Schulzeit im Kloster

 

1819 kehrt die junge Adelige Jeanne (Judith Chemla) nach ihrer Schulzeit im Kloster auf den Landsitz ihrer Eltern in der Normandie zurück. Baron (Jean-Pierre Darroussin) und Baronin Le Perthuis des Vauds (Yolande Moreau) sind sanfte und fortschrittliche Eltern. Das gemeinsame Leben im prächtigen Schloss ist harmonisch, friedlich und naturverbunden. Die Tage plätschern ruhig dahin und verstreichen ohne große Ereignisse.

Offizieller Filmtrailer OmU

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20 Minuten exquisiter Stillstand

 

Die Jahreszeiten vergehen im ewig gleichen Rhythmus; sie geben jegliche Stimmung und Aktivität vor. Im Frühjahr wird Gemüse angebaut; der luftige Sommer bringt eine Zeit der beschwingten Ausgelassenheit voller Besucher und Vergnügungen. Der Herbst trübt die Gedanken und bringt die Bewohner des Schlosses zur Ruhe. Den gesamten Winter über verharren sie in einer Art Kältestarre: In ländlicher Abgeschiedenheit hängt man Gedanken nach. Alle warten auf ein Wiedererwachen von Leben und Leichtigkeit.

 

In den ersten 20 Minuten des Filmes passiert buchstäblich nichts; die völlige Abwesenheit von Drama oder Plot sind nicht leicht auszuhalten. Minutenlang beobachtet man die adlige Familie beim Salat setzen, Briefe schreiben oder lesen sowie bei ihren Mahlzeiten. Ganz langsam entsteht allerdings eine Stimmung, die das Dasein vor 200 Jahren spürbar werden lässt; sie hüllt den Zuschauer in ein stilles Glücksgefühl ein.

 

Auftritt des jugendlichen Verführers

 

Jenes Gefühl fehlt später umso dramatischer, wenn jene friedlichen Tage Geschichte sind, denn das Leben von Jeanne schlägt unerwartete Kapriolen. Ihre Erfahrungen, ihr Schicksal und ihre Enttäuschungen stehen wohl exemplarisch für viele Frauen ihres Standes in jener Epoche.

 

Hintergrund

 

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und hier einen Bericht über den Film "Fräulein Else" – experimentierfreudige Verfilmung der Novelle von Arthur Schnitzler über Selbstmord aus verlorener Ehre durch Anna Martinetz.

 

Der verarmte Vicomte Julien de Lamare (Swann Arlaud) ist ein schöner junger Mann; er gewinnt auf Anhieb die Zuneigung der romantischen Jeanne. Wohlhabend und aufgeklärt stimmen Jeannes Eltern einer Heirat zu, obwohl diese wirtschaftliche Nachteile mit sich bringt, und überlassen dem jungen Paar ihren prunkvollen Landsitz. Von nun geht es bergab.

 

Sohn verspielt das Vermögen

 

Es dauert nicht lange, bis Julien das Dienstmädchen schwängert und eine Affäre mit Jeannes bester Freundin beginnt. Jeanne muss sich entscheiden, wie sie mit diesem Vertrauensverlust umgehen soll, und mit wem sie das Geheimnis ihrer lieblosen Ehe teilen kann. Auch ihr gemeinsamer Sohn Paul (Finnegan Oldfield) enttäuscht auf ganzer Linie: Er verspielt das Familienvermögen, bis das prächtige Anwesen nicht mehr zu halten ist.

 

Während Jeanne zur Untätigkeit und Duldung einer Ehefrau und Mutter verdammt ist, vergehen die Jahreszeiten auch in Zeiten des Kummers beständig im gleichbleibenden Trott. Je trostloser die Gegenwart, desto mehr flüchtet sich die alternde Frau in Erinnerungen an bessere Zeiten.

 

Im 4:3-Format eingesperrt

 

Das Leben als Aneinanderreihung von Enttäuschungen, Tristesse und verlorenen Kämpfen – der düstere Ton von Maupassant spiegelt sich auch in den Bildern von Kameramann Antoine Héberlé: Sein eckiges 4:3-Format sperrt die Protagonisten quasi in eine kleine Schachtel ein. Breite schwarze Balken links und rechts auf der Leinwand muten altmodisch und beengend an.

 

Licht und Sättigung der Farben verändern sich kunstvoll im Rhythmus der Jahreszeiten; sie  sorgen für stimmungsvolle Bilder, die stets die Seelenzustände widerspiegeln. Ein langsamer, zarter Film, der nicht jedermanns Sache sein dürfte – aber formvollendet ein vergangenes Lebensgefühl heraufbeschwört.


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