Melanie Andernach+Andreas Köhler

Global Family

Shaashs Bad in der Menge. Fotoquelle: imFilm Agentur + Verleih
(Kinostart: 28.6.) Bürgerkrieg und seine Folgen: Die somalische Familie Shaash lebt über die ganze Welt zerstreut. Die Regisseure Melanie Andernach und Andreas Köhler erzählen die Familiengeschichte in einer Doku, der mehr Verdichtung ganz gut getan hätte.

Für manchen ist sie eine Bürde, für andere wiederum Identitätsanker und ein Ort des Aufgehobenseins. Die Familie ist zur Projektionsfläche für allerhand Bedürfnisse geworden. Vielleicht, weil sich ihr Gefüge mit der Industrialisierung, erst recht aber durch die Globalisierung und weltweite Migration so stark verändert hat, dass sie eher zum Ideal als zur gelebten Realität geworden ist. Wer stirbt heute schon noch in dem Haus, in dem er oder sie geboren ist?

 

Info

 

Global Family

 

Regie: Melanie Andernach und Andreas Köhler,

88 Min., Deutschland 2018;

mit: Ali Ibrahim Shash, Yasmin Ibrahim Ali, Yusra Ibrahim Ali

 

Weitere Informationen

 

Für viele Menschen sind Wahlverwandtschaften an die Stelle der Strukturen getreten, in die man hineingeboren wird. Zumindest letzteres gilt für Familie Shaash nicht. Für sie ist die Institution Familie immer noch Dreh- und Angelpunkt ihrer Identität. Obwohl der Bürgerkrieg in Somalia die Familie in alle Welt verstreut hat, tun sie viel dafür, einander nicht aus den Augen zu verlieren und für einander da zu sein. 

 

Exil in aller Welt

 

Auch wenn einige von ihnen heute in Europa leben, ein anderer Familienzweig in Kanada und ein weiterer in Äthiopien beheimatet ist. Doch als die fast 90-jährige Großmutter Imra aus ihrem Exil in Addis Abeba nach Europa kommen will, bringt das ihre Kinder und Enkel an ihre Grenzen. Von dem – nicht von Erfolg gekrönten – Ringen um eine Lösung erzählt der Dokumentarfilm "Global Family".

Offizieller Filmtrailer OmU

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Arbeitslose Fußballlegende

 

Die charismatische Mittdreißigerin Yasmin hat es noch am besten getroffen. Sie ist zugleich das emotionale Zentrum dieses Familienporträts. Mit ihren Kindern lebt sie in Deutschland und hat immerhin so viel zum Leben, das sie ihren Angehörigen davon noch etwas abgeben kann. Ihre Verwandten haben weniger Glück. Ihr ebenfalls in Deutschland gelandeter Vater Captan Shaash ist seit Jahren arbeitslos. Vom sozialen Status, den er in seiner alten Heimat als Fußballlegende und Polit-Aktivist noch heute genießt, ist in seinem deutschen Leben wenig zu spüren.

 

Sein Bruder lebt ganz prekär in Italien, ohne Arbeit und festen Wohnsitz, und träumt von einer Karriere als Musiker. Ein weiterer Bruder kümmert sich um Oma Imra – aber nicht ganz so, wie es sich der Rest der Familie wünscht. Yasmin, ihre Kinder und ihr Vater reisen nach Äthiopien, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen.

 

Rassistisch motivierter Brandanschlag

 

Die Regisseure Melanie Andernach und  Andreas Köhler – letzterer arbeitete bisher als Kameramann – wählen für ihr dokumentarisches Debüt einen Zugang, der sich auf das Zwischenmenschliche konzentriert. Ihren Protagonisten geben sie viel Raum, aus ihrem Leben, vor allem aber von ihrem Alltag zu erzählen. Doch die Filmemacher vertrauen zu sehr darauf, dass sich die Geschichte von selbst erzählt. Es fehlt an Stringenz, etwas mehr Verdichtung hätte dem Film gut getan.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Captain Phillips" - Dokudrama über den Kampf der US-Armee gegen Piraten in Somalia von Paul Greengrass mit Tom Hanks

 

und hier einen Bericht über den Film "Seefeuer - Fuocoammare" - Berlinale-Siegerfilm 2016: Dokumentation über Flüchtlinge auf Lampedusa von Gianfranco Rosi

 

und hier einen Beitrag über den Film "Mediterranea" – authentisches Flüchtlings-Drama in Süditalien von Jonas Carpignano

 

Trotz der speziellen Situation dieser durch Kriegswirren versprengten Familie ist die erzählte Geschichte universell. Es geht um gegenseitige Erwartungen und Enttäuschungen. Die Vorgeschichte der Protagonisten wird dabei eher peripher abgehandelt. Selbst Aspekte, die bis heute den Alltag prägen – zwei von Yasmins Kinder wurden bei einem Brandanschlag so schwer verletzt, dass sie Jahre später noch regelmäßig zur Therapie müssen – werden zwar angerissen, aber nicht kontextualisiert.

 

Identität im globalisierten Dasein

 

Spannend ist, wie Yasmins Äthiopien-Aufenthalt das Selbstverständnis der jungen Frau ins Wanken bringt. Definierte sie sich in Deutschland noch stark über ihren afrikanischen Hintergrund, merkt sie in Addis Abeba, wie "deutsch" sie mittlerweile tickt. Identität ist eben doch ein fluides Konzept.

 

Letztlich aber lässt die Sozialstudie offen, wie viel Identität eine Familie in unserer globalisierten Gegenwart noch stiften kann. Der Film vermittelt durchaus Anstöße, über scheinbar Selbstverständliches nachzudenken. Zugleich bleibt der Eindruck, dass das Potential dieser besonderen Familiengeschichte nicht ausschöpft wurde.


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