Oliver Schwehm

Fly, Rocket Fly! – Mit Macheten zu den Sternen

Der Startturm der OTRAG-Rakete. Foto: Kinostar Filmverleih GmbH
(Kinostart: 27.9.) Unglaublich, aber wahr: Ab 1977 schossen deutsche Ingenieure im Kongo-Dschungel die ersten kommerziellen Raketen ins All. Die fesselnde Doku von Regisseur Schwehm rekonstruiert eine fast vergessene Episode der Raumfahrt-Geschichte.

Hätte Elon Musk nicht so furchtbar viel zu tun, sollte er sich diesen Dokumentarfilm ansehen. Denn vor dem Elektroauto-Hersteller Tesla Motors hat der hyperaktive Technik-Prophet 2002 das Raumfahrt-Unternehmen Space X gegründet – um preisgünstige Flüge ins All für jedermann anzubieten. Im Unterschied zum krisengeplagten Tesla läuft es für Space X richtig rund: Als offizieller NASA-Partner fertigt Space X immer leistungsfähigere Raketen. Da würde für Musk ein Blick zurück lohnen, wem er dieses Konzept verdankt.

 

Info

 

Fly, Rocket Fly! - Mit Macheten zu den Sternen

 

Regie: Oliver Schwehm,

90 Min., Deutschland 2018;

 

Webite zum Film

 

Der ideelle Vater der kommerziellen Raumfahrt heißt Lutz Kayser (1939-2017). 1971 erhielt der Luft- und Raumfahrtingenieur aus Stuttgart einen Forschungsauftrag der Bundesregierung, um eine Alternative zur europäischen Weltraumrakete Ariane zu entwickeln. Als Bonn sich 1974 dennoch für eine weitere staatliche Beteiligung an der Ariane entschied, machte Kayser auf eigene Faust weiter.

 

Plötzlich abgestürzt

 

Er gründete die Orbital Transport- und Raketen Aktiengesellschaft (OTRAG); für sie sammelte er bei rund 1000 Privatleuten, die damit Steuern sparen wollten, mehr als 100 Millionen Mark ein. Mit diesem Wagniskapital entwickelte Kayser das Konzept einer Bündelungsrakete, die er in Äquatornähe testen ließ – ausgerechnet im Dschungel von Südost-Kongo, dem damaligen Zaire. Politische Querelen und Geldmangel machten seine hochfliegenden Pläne zunichte; Kayser wurde aus der OTRAG gedrängt und die Firma 1986 aufgelöst. So wurde die Startbahn frei für Space X.

Offizieller Filmtrailer

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Mit V2-Raketen-Pionieren

 

Deutsche Raketen-Pioniere mitten im afrikanischen Urwald: Diese aberwitzige Episode der Raumfahrt-Geschichte hat der Dokumentarist Oliver Schwehm, als Regisseur auf eher abseitige Themen abonniert, nun verfilmt. Das fiel ihm vergleichsweise leicht: Er konnte auf das Bildarchiv von Frank Wukasch zurückgreifen. Erst als PR-Chef, später als Kaysers Nachfolger an der OTRAG-Spitze, hat Wukasch die Firmenaktivitäten ausführlich festgehalten – schließlich wollten die deutschen Anleger wissen, was mit ihrem Geld im fernen Schwarzafrika geschah. Schwehm musste nur noch Interviews mit Beteiligten und Beobachtern hinein schneiden sowie – bisweilen arg dramatisch bollernde – Musik unterlegen – fertig!

 

Trotz schnörkelloser Nüchternheit fesselt das Ergebnis, weil das Geschilderte noch 40 Jahre später unglaublich erscheint. Die Mitwirkenden waren keine Spinner, sondern erfahrene Raumfahrt-Spezialisten. Kayser konnte einige Spitzenleute der NASA abwerben, darunter Kurt Debus; der hatte bereits mit Wernher von Braun im Dritten Reich die V2-Rakete ausgetüftelt. Auch Kayser selbst besaß langjährige Erfahrung: Er hatte seit Mitte der 1950er Jahre mit einer Uni-Arbeitsgruppe Antriebs-Varianten getestet.

 

Testgelände in Zaire

 

Im Unterschied zu Weltraum-Programmen der Supermächte, die Unsummen verschlangen, setzte Kayser auf Billig-Bauweise: Er montierte seine Raketen aus Standard-Elementen. Pipeline-Rohre dienten als Treibstoff-Tanks, herkömmliche Baugerüste als Startrampen. Zum Öffnen und Schließen der Ventile wurde der Scheibenwischer-Motor eines VW-Autos umgerüstet. Ob man mit diesem Modul-System tatsächlich Nutzlasten bis zu zehn Tonnen – etwa Satelliten – hätte ins All befördern können, wie Kayser versprach, ist unter Fachleuten bis heute umstritten.

 

Hintergrund

 

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Zunächst standen aufwändige Testreihen bevor. Ein Box-Promoter vermittelte ihm den Kontakt zum kongolesischen Diktator Mobutu. Der verpachtete der OTRAG 1975 für 50 Millionen Mark ein unerschlossenes Gebiet von der Größe der früheren DDR. Dort ließ Kayser mit unfassbarem Pioniergeist ein Raketen-Testgelände aus dem Boden stampfen – samt Hüttendorf für 40 Angestellte, Bäckerei und Metzgerei, Gemüsebeeten und Panorama-Restaurant. Alles wurde von zwei eigens angekauften Militär-Transportflugzeugen herangeschafft.

 

Kungeln mit Gaddafi

 

Zwei erfolgreiche Tests ab 1977 schreckten die Außenwelt auf. Washington und Moskau drängten Mobutu, die unliebsame private Konkurrenz aus dem Land zu werfen. Als ausgerechnet der dritte Testflug in seiner Anwesenheit schief ging, zog er die Reißleine und kündigte den Pachtvertrag. Daraufhin suchte sich die OTRAG mit dem libyschen Herrscher Muammar al Gaddafi einen ähnlich dubiosen Partner und zog in die Sahara um. Als Gaddafi von den Deutschen militärisch nutzbare Raketen verlangte, weigerte sich Kayser; er musste gehen. Sein Nachfolger Wukasch verlegte alle Aktivitäten nach Schweden, doch die Pleite war unabwendbar.

 

Die postafrikanischen Kapitel der Firmensaga lässt Regisseur Schwehm unter den Tisch fallen. Stattdessen endet sein Film mit einem tragischen Bootsunglück, bei dem sieben hochrangige OTRAG-Techniker starben. Und mit Bildern von einer entlegenen Pazifik-Insel, auf der Kayser allein mit seiner Frau die letzten Lebensjahre verbrachte. Er griff zu den Sternen, stürzte als Opfer der Machtverhältnisse in der Endphase des Kalten Kriegs ab – und erhält nun posthum ein verdientes Kino-Denkmal gesetzt. Sein Nachfolger Elon Musk klagt neuerdings über Burn-out-Symptome; vielleicht findet er ja doch die Zeit, sich zur Entspannung diesen faszinierenden Film anzusehen.

 


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