Paris + Basel

Picasso – Bleu et Rose/ Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode

Pablo Picasso: Akt auf rotem Hintergrund (Nu sur fond rouge; Detail), 1905-1906, Öl auf Leinwand, 81 × 54 cm, © RMN-Grand Palais; Succession Picasso 2018. Fotoquelle: Musée d'Orsay

Der brotlose Künstler

 

Picassos heftige Pinselführung dabei war auch dem Zeitdruck geschuldet: Bis zu drei Gemälde pro Tag haute er raus, um die Ausstellung rechtzeitig zu bestücken. Fast die Hälfte wurde verkauft. Die blauen Bilder, die danach kamen, stießen auf weniger Interesse.

 

Trotz dieses Misserfolgs hielt Picasso an seinem eigensinnigen Blau und den Elendsmotiven fest. Jahrelang blieb seine Lage prekär: Die bittere Armut seines Bildpersonals war also keine bloße Attitüde. Picasso nagte oft genug selbst am Hungertuch.

 

Von Blau zu Pastell

 

Gelacht wurde trotzdem: Burlesk und frivol zeigt sich der Jungspund im Erotikkabinett. Hier gibt er splitternackt den lachenden Faun und skizziert seine Freunde in pikanten Posen. Schlaglichter auf das quirlige Atelierleben am Montmartre werfen auch dokumentarische Schnipsel des Alltags: Adressbuchseiten, Briefe, Fotos. Und irgendwann schwindet endlich das triste Blau.

 

Einen Korb kirschroter Blüten trägt die geheimnisvolle Blumenverkäuferin – geliehen von einer Privatsammlung in Monaco – vor das Taubenblau ihres Hintergrunds. Zur Übergangsfigur in die Rosa Periode, die eigentlich eine Pastellphase mit vielen Farbnuancen ist, wird eine feingliedrige junge Frau namens Madeleine.

 

Gemeinschaft statt Isolation

 

Sie liebkost einen Raben, schaut sinnend zur Seite oder gestikuliert enigmatisch mit einem Fächer: subtile Kontaktaufnahmen zur Außenwelt. Dann übernehmen die Saltimbanques, Gaukler und Zirkusleute, die Regie auf Picassos Bildbühne: auch sie Melancholiker mit ausgehungerten, aber durchtrainierten Körpern.

 

Die zuvor isolierten Einzelfiguren rücken nun zu zärtlichen Gemeinschaften zusammen, proben das Modell Familie oder führen Tiere als Gefährten ein: einen Hund, ein Pferd, einen Affen. Den halten manche Forscher für einen Doppelgänger Picassos. Alter Egos sind die Figuren allesamt: Seit Antoine Watteau im 18. Jahrhundert verkörpert das fahrende Volk die gesellschaftliche Außenseiterrolle des Künstlers.

 

Das Ende der Erstarrung

 

Aus dem Puschkin-Museum in Moskau, aus Basel und Berlin kommen die empfindlichen, oft mit Pastell- oder Wasserfarbe auf Pappe gemalten Meisterwerke der Saltimbanques-Periode. Alleine dieses Rendezvous ist von unbestreitbarem Zauber.

 

Zwei junge Ausstellungsbesucher, selbst in verwaschen blauen Jeans und rosa Sweatshirts, proben spontan die grazilen Posen der Bildfiguren. Und tatsächlich, jetzt in der Rosa Periode geben Picassos Gestalten ihre Erstarrung auf. In elastischer Schrittstellung treten die im Pyrenäendorf Gósol gemalten Jünglingsakte aus dem Bildraum ins Leben, den kleinen Bruder huckepack oder ein Pferd am Zügel.

 

Kubismus kündigt sich an

 

Der letzte Raum gehört Fernande. Picassos Lebenspartnerin und Modell seit 1905 erkennt man an ihren halbrunden Augenbrauen und vollen Körperformen. Das lebensgroße Aktgemälde aus dem "Museum of Modern Art" glüht nur so vor positiver, ruhiger Energie: Vor einem pfirsichfarbener Fond steht der weibliche Körper so einfach und selbstverständlich, so perfekt und gelassen stilisiert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Picasso in der Kunst der Gegenwart" – hervorragende Themenschau in den Deichtorhallen, Hamburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Pablo Picasso: Frauen – Stiere – Alte Meister" – große Grafik-Retrospektive im Kupferstichkabinett, Berlin

 

und hier einen Bericht über die “Wiedereröffnung des Museum Berggruen” mit der viertgrößten Picasso-Sammlung weltweit in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900" – grandioser Epochen-Überblick mit Werken von Picasso in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main.

 

Er wirkt, als sei er von dem Klassizisten Ingres geformt. Den bewunderte Picasso. Doch kaum ist dieses fragile Gleichgewicht erreicht, ist die Phase vorüber. "Ah, la déformation!" rufen zwei Ausstellungsbesucherinnen, als sie vor das Gemälde "Femme, se coiffant" ("Sich kämmende Frau") treten. Schon kündigt sich in den kantigeren Körperformen der nahende Kubismus an.

 

Abgespeckte Variante in Basel

 

Dessen Genese lässt sich, glückliche Koinzidenz der Ausstellungen, in der gleichzeitigen Retrospektive im Centre Pompidou nahtlos weiterverfolgen. Da beide Ausstellungen 2019 nach Basel wechseln, ist das Doppelpack auch dort perfekt. In der Fondation Beyeler werden die Spitzenwerke wie "La Vie" ebenfalls gastieren.

 

Doch die Auswahl wird auf rund 80 wichtige Arbeiten konzentriert. Für die zahlreichen Zeichnungen und Archivmaterialien hätte das noble Tageslichtmuseum im Baseler Vorort Riehen ohnehin keinen Raum. Dafür erzählen die Schweizer die dynamische Stil-Entwicklung Picassos noch einen Schritt weiter.

 

Selbst Freunde wittern Skandal

 

Von ersten kantigen Anklängen des Primitivismus gegen Ende der Rosa Periode führte seine Entwicklung nahtlos hinein in das Umbruchjahr 1907 – als der Künstler sogar seine Freunde mit dem skandalträchtigen Jahrhundertwerk "Demoiselles d´Avignon" schockte.

 

Monatelang bereitete er dieses Werk in aggressiven Ölstudien deformierter Frauenkörper vor, etwa der "Femme" aus der Beyeler-Collection. Das Riesenbild mit den maskenhaft verzerrten Prostituierten selbst hängt natürlich unverrückbar in New York: Auch eine Reise wert.


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