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Pablo Picasso: Das blaue Zimmer (La Chambre bleue; Detail), 1901, Öl auf Leinwand, 51 x 62,5 cm; © Foto: The Phillips Collection, Washington; Succession Picasso 2018. Fotoquelle: Musée d'Orsay

Picasso – Bleu et Rose/ Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode


Kunst-Revolutionär vor dem Kubismus: Das Musée d´Orsay breitet Pablo Picassos Frühwerk in verschwenderischer Fülle mit viel Liebe zum Detail aus. Ab Februar 2019 ist sein Frühwerk der Blauen und Rosa Periode in der Fondation Beyeler bei Basel zu erleben.


Picasso zieht immer. Besonders wenn es um die Blaue und Rosa Periode geht, gibt es kein Halten mehr. Die melancholisch-sanftmütigen Gemälde aus den Anfangsjahren des spanischen Wahlparisers entfalten einen überwältigenden Sog. Nur mit Zeitfensterticket schafft man es zur Audienz bei den Werken des jungen Picasso ins Pariser Musée d´Orsay.

 

Info

 

Picasso – Bleu et Rose

 

18.09.2018 - 06.01.2019

täglich außer montags

9.30 bis 18.00 Uhr,

donnerstags bis 21.45 Uhr

im Musée d'Orsay, Paris

 

französischer Katalog 45 €

 

Weitere Informationen

 

Der junge Picasso –
Blaue und Rosa Periode

 

03.02.2019 - 26.05.2019

täglich 10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

in der Fondation Beyeler, Baselstrasse 101, Riehen bei Basel

 

Katalog 68 CHF

 

Weitere Informationen

 

Unablässig klicken die Smartphone-Kameras. Wenn die Ausstellung nächstes Jahr in reduzierter Form nach Basel in die Fondation Beyeler weiterwandert, wird auch der stolze Eintrittspreis die Fans nicht abhalten, ihre Aufwartung zu machen. Aber lohnt die Pilgerfahrt?

 

Jahrhundertkünstler ganz emotional

 

Die Pariser Kuratoren versprechen, die Blaue und die Rosa Periode diesmal nicht als getrennte Phasen, sondern als Kontinuum vorzustellen. Das ist sicher keine weltbewegend neue Sicht. Doch sie wird so gründlich wie liebevoll in einer stupenden Werkfülle vermittelt. Für Fans ein Muss, für alle anderen eine erhellende Lektion in Kunstgeschichte: Die Ausstellung zeigt das Jahrhundertgenie von seiner zugänglichsten, emotionalsten Seite.

 

Die Pariser Metro mit ihren prachtvollen Jugendstileingängen war schon eröffnet, als Pablo Ruiz Picasso 1900 erstmals in der französischen Hauptstadt eintraf. Der in Malaga geborene Künstler war damals 18 Jahre alt und galt bereits als Genie. Seine perfekte Salonmalerei hatte ihn mit einem Riesenschinken auf die Pariser Weltausstellung katapultiert. Dieses frühreife Debüt bleibt bei der aktuellen Werkschau außen vor. 

Feature zur Ausstellung. © Musée d'Orsay

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Tristesse + Sentimentalität

 

Stattdessen werden die ersten Schritte des Egomanen in den Olymp der Kunstgeschichte nachzeichnet. Der abgebildete Zeitraum beginnt 1901. Nicht nach Jahren, sondern nach Monaten wird gemessen. Jeden Kontakt, jeden Ortswechsel, jede Farbtonveränderung zwischen "Bleu et Rose" haben die Forscher ausgeleuchtet. Komplexe kunsttheoretische Exkurse braucht es dabei nicht, diese Bilder erklären sich selbst. 

 

Wer jemals in melancholische Schieflage geriet, darf sich distanzlos dem Weltschmerz in Picassos Blauer Periode überlassen: Bonjour Tristesse! Auch die Rosa Periode entgeht der Sentimentalität oft nur um Haaresbreite. Am Ende ist man geradezu erleichtert, wenn die ersten rohen Hiebe und Deformationen die allzu eingängige Ästhetik dieser Frühphase zerschlagen.

 

Vom Bohemien zum Asketen

 

Dass "Picasso. Bleu et Rose" ausgerechnet im Musée d´Orsay gastiert, wo vor allem die Kunst des 19. Jahrhunderts zuhause ist, ergibt Sinn. Mit Blick auf die großen Gesten der Salonmalerei um 1900 erschließt sich, aus welchem Nährboden Picassos Frühwerk entstand – und welcher Kraftakt es war, sich daraus zu lösen. Später erklärte der Künstler: "Ich wollte Maler werden und wurde Picasso." Das geschah in genau diesen Jahren zwischen 1900 und 1906.

 

Yeah! Elegant und arrogant posiert der Bohemien auf seinem Selbstbildnis "Yo, Picasso" (Ich, Picasso) von 1901 mit Glutblick und blütenweißem Hemd. Wenige Monate später erkennt man ihn kaum wieder: Nun präsentiert sich der Maler in gänzlich anderer Rollenidentität: als bleicher, hohlwangiger Asket vor melancholischem Blau.

 

Eine rasante Genese

 

Das unverstandene Genie schlägt frierend den Mantelkragen hoch, trotz allem verdammt gutaussehend. Ein weiteres Meilensteinwerk macht die Trinität der Selbstbildnisse komplett. Jetzt gleicht Picassos Gesicht einer archaischen Maske: Der Primitive bin ich. Das ockerfarbene Kolorit signalisiert das Ende der Rosa Periode.

 

Diese drei berühmten Selbstbildnisse hängen gleich zu Beginn der Schau nebeneinander: Wegmarken einer Selbstfindung und Stationen der rasanten Stilgenese. Um zu verdeutlichen, was dazwischen geschah, haben die Kuratoren zahlreiche Gemälde herangeschafft.

 

Hagere Bettler, verzweifelte Frauen

 

Zudem wurde Archivmaterial ausgepackt und tief in die Grafiksammlungen gegriffen: über 350 Exponate sind zu sehen. Die Arbeiten auf Papier machen deutlich, wie wichtig das Experimentierfeld Zeichnung für den frühen Picasso war. Er zeichnete mal naturalistisch, mal expressiv, karikierte seine Freunde, skizzierte Passanten.

 

Auch als das Blau ab 1901 alle Gemälde durchtränkt, reißt der Strom der Zeichnungen nicht ab: Die hageren Bettler, hilflosen Blinden und verzweifelten Frauen im Knast werden stets mit dem Zeichenstift präzise vorbereitet, bevor sie auf großer Leinwand ins blaue Kolorit treten. Vielleicht wirken viele Werke dieser Periode deshalb so steril und formelhaft. Ihnen fehlt die Unmittelbarkeit und Spontanität.

 

Freundes-Selbstmord verstört

 

Aber Picasso ging es mit gerade einmal 20 Jahren eben gleich um die großen, existenziellen Themen. Er misst sich mit El Greco, Vincent van Gogh und Paul Gauguin. Ihnen schaut er auch Kniffe und Tricks ab: etwa die ausdrucksstarke Konturlinie als emotionalen Anker.

 

Als zentrales Spitzenwerk der Schau ist sogar "La Vie" aus Ohio angereist. Mit diesem anspruchsvollen und selten verliehenen Großformat zog Picasso im Frühjahr 1903 ein Resümee aus seiner Blauen Periode. Es geht um Liebe, Eros, Mutterschaft und Tod: Links in dem Figurentableau steht der spanische Freund Carlos Casagemas, dessen Liebeskummer-Selbstmord 1901 überhaupt erst den Anlass für Picassos Blautonphase gab.

 

Anfänge als junger Wilder

 

Die beiden Maler waren zusammen nach Paris gegangen, hatten sich zuvor in Barcelona ein Atelier geteilt. Der tragische Pistolentod – der Polizeibericht lässt sich im Wandtext nachlesen – setzte eine Zäsur. In einer ganzen Bildserie bettete Picasso den Verstorbenen zuerst in van Goghschen Glutfarben und dann in blauer Trauer ein.

 

Vor diesem Schlüsselereignis hatte der Maler sich auf seiner ersten großen Soloausstellung bei Vollard in Paris noch als junger Wilder im grellen Farbenrausch gebärdet: Mit Nachtschwärmer– und Halbweltszenen, auf denen grellgeschminkte Prostituierte am Absinth nippen und das Partyvolk die Tanzfläche zum Kochen bringt.

Der brotlose Künstler

 

Picassos heftige Pinselführung dabei war auch dem Zeitdruck geschuldet: Bis zu drei Gemälde pro Tag haute er raus, um die Ausstellung rechtzeitig zu bestücken. Fast die Hälfte wurde verkauft. Die blauen Bilder, die danach kamen, stießen auf weniger Interesse.

 

Trotz dieses Misserfolgs hielt Picasso an seinem eigensinnigen Blau und den Elendsmotiven fest. Jahrelang blieb seine Lage prekär: Die bittere Armut seines Bildpersonals war also keine bloße Attitüde. Picasso nagte oft genug selbst am Hungertuch.

 

Von Blau zu Pastell

 

Gelacht wurde trotzdem: Burlesk und frivol zeigt sich der Jungspund im Erotikkabinett. Hier gibt er splitternackt den lachenden Faun und skizziert seine Freunde in pikanten Posen. Schlaglichter auf das quirlige Atelierleben am Montmartre werfen auch dokumentarische Schnipsel des Alltags: Adressbuchseiten, Briefe, Fotos. Und irgendwann schwindet endlich das triste Blau.

 

Einen Korb kirschroter Blüten trägt die geheimnisvolle Blumenverkäuferin – geliehen von einer Privatsammlung in Monaco – vor das Taubenblau ihres Hintergrunds. Zur Übergangsfigur in die Rosa Periode, die eigentlich eine Pastellphase mit vielen Farbnuancen ist, wird eine feingliedrige junge Frau namens Madeleine.

 

Gemeinschaft statt Isolation

 

Sie liebkost einen Raben, schaut sinnend zur Seite oder gestikuliert enigmatisch mit einem Fächer: subtile Kontaktaufnahmen zur Außenwelt. Dann übernehmen die Saltimbanques, Gaukler und Zirkusleute, die Regie auf Picassos Bildbühne: auch sie Melancholiker mit ausgehungerten, aber durchtrainierten Körpern.

 

Die zuvor isolierten Einzelfiguren rücken nun zu zärtlichen Gemeinschaften zusammen, proben das Modell Familie oder führen Tiere als Gefährten ein: einen Hund, ein Pferd, einen Affen. Den halten manche Forscher für einen Doppelgänger Picassos. Alter Egos sind die Figuren allesamt: Seit Antoine Watteau im 18. Jahrhundert verkörpert das fahrende Volk die gesellschaftliche Außenseiterrolle des Künstlers.

 

Das Ende der Erstarrung

 

Aus dem Puschkin-Museum in Moskau, aus Basel und Berlin kommen die empfindlichen, oft mit Pastell- oder Wasserfarbe auf Pappe gemalten Meisterwerke der Saltimbanques-Periode. Alleine dieses Rendezvous ist von unbestreitbarem Zauber.

 

Zwei junge Ausstellungsbesucher, selbst in verwaschen blauen Jeans und rosa Sweatshirts, proben spontan die grazilen Posen der Bildfiguren. Und tatsächlich, jetzt in der Rosa Periode geben Picassos Gestalten ihre Erstarrung auf. In elastischer Schrittstellung treten die im Pyrenäendorf Gósol gemalten Jünglingsakte aus dem Bildraum ins Leben, den kleinen Bruder huckepack oder ein Pferd am Zügel.

 

Kubismus kündigt sich an

 

Der letzte Raum gehört Fernande. Picassos Lebenspartnerin und Modell seit 1905 erkennt man an ihren halbrunden Augenbrauen und vollen Körperformen. Das lebensgroße Aktgemälde aus dem "Museum of Modern Art" glüht nur so vor positiver, ruhiger Energie: Vor einem pfirsichfarbener Fond steht der weibliche Körper so einfach und selbstverständlich, so perfekt und gelassen stilisiert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Picasso in der Kunst der Gegenwart" – hervorragende Themenschau in den Deichtorhallen, Hamburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Pablo Picasso: Frauen – Stiere – Alte Meister" – große Grafik-Retrospektive im Kupferstichkabinett, Berlin

 

und hier einen Bericht über die “Wiedereröffnung des Museum Berggruen” mit der viertgrößten Picasso-Sammlung weltweit in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900" – grandioser Epochen-Überblick mit Werken von Picasso in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main.

 

Er wirkt, als sei er von dem Klassizisten Ingres geformt. Den bewunderte Picasso. Doch kaum ist dieses fragile Gleichgewicht erreicht, ist die Phase vorüber. "Ah, la déformation!" rufen zwei Ausstellungsbesucherinnen, als sie vor das Gemälde "Femme, se coiffant" ("Sich kämmende Frau") treten. Schon kündigt sich in den kantigeren Körperformen der nahende Kubismus an.

 

Abgespeckte Variante in Basel

 

Dessen Genese lässt sich, glückliche Koinzidenz der Ausstellungen, in der gleichzeitigen Retrospektive im Centre Pompidou nahtlos weiterverfolgen. Da beide Ausstellungen 2019 nach Basel wechseln, ist das Doppelpack auch dort perfekt. In der Fondation Beyeler werden die Spitzenwerke wie "La Vie" ebenfalls gastieren.

 

Doch die Auswahl wird auf rund 80 wichtige Arbeiten konzentriert. Für die zahlreichen Zeichnungen und Archivmaterialien hätte das noble Tageslichtmuseum im Baseler Vorort Riehen ohnehin keinen Raum. Dafür erzählen die Schweizer die dynamische Stil-Entwicklung Picassos noch einen Schritt weiter.

 

Selbst Freunde wittern Skandal

 

Von ersten kantigen Anklängen des Primitivismus gegen Ende der Rosa Periode führte seine Entwicklung nahtlos hinein in das Umbruchjahr 1907 – als der Künstler sogar seine Freunde mit dem skandalträchtigen Jahrhundertwerk "Demoiselles d´Avignon" schockte.

 

Monatelang bereitete er dieses Werk in aggressiven Ölstudien deformierter Frauenkörper vor, etwa der "Femme" aus der Beyeler-Collection. Das Riesenbild mit den maskenhaft verzerrten Prostituierten selbst hängt natürlich unverrückbar in New York: Auch eine Reise wert.



Von Elke Linda Buchholz, veröffentlicht am 10.12.2018





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