Vincent Lindon

Die Erscheinung (L’Apparition)

Die 18-jährige Anna (Galatéa Bellugi) will der Jungfrau Maria begegnet sein. Foto: © filmperlen
(Kinostart: 13.12.) Reine Glaubenssache: Für den Vatikan untersucht ein Journalist Marien-Erscheinungen und entdeckt ihm fremde Seelenlagen. Regisseur Xavier Giannoli hält seine Reflexion über religiöses Bewusstsein kunstvoll in der Schwebe – ein kleines Wunder.

Aus der irdischen Hölle in die Zentralverwaltung des Himmelreichs: Jacques (Vincent Lindon), der als Reporter für die größte französische Regionalzeitung "Ouest France" arbeitet, hat bei einem Einsatz im Irak einen befreundeten Kollegen verloren. Durch eine Bombenexplosion, die seine eigenen Ohren stark geschädigt hat. Während er sich in der Heimat auskuriert, erhält er einen Anruf aus Rom: Ein Bischof, der seine Auslandsreportagen schätzt, möchte ihn persönlich sprechen.

 

Info

 

Die Erscheinung
(L'Apparition)

 

Regie: Xavier Giannoli,

137 Min., Frankreich 2018;

mit: Vincent Lindon, Galatéa Bellugi, Patrick d’Assumçao

 

Weitere Informationen

 

In den Gemächern des Vatikan wird Jacques mit einer außergewöhnlichen Mission beauftragt: Er soll eine kanonische Kommission leiten. Sie wird Marien-Erscheinungen untersuchen, welche sich bei einem Dorf in Südost-Frankreich ereignet haben sollen. Die 18-jährige Anna (Galatéa Bellugi) will auf einem Hügel mehrfach der Gottesmutter begegnet sein. Die Kunde davon hat sich herumgesprochen; inzwischen wallfahren bereits Scharen von Pilgern dorthin.

 

Strenger Laizismus seit 1905

 

Religiöse Visionen als Sujet eines Spielfilms? In Deutschland kaum denkbar: Hiesige Filmemacher beschäftigen sich mit der katholischen Kirche höchstens, um in rabiat aufklärerischer Manier ihre Schattenseiten von Geschäftemacherei bis Kindesmissbrauch anzuprangern. Anders in Frankreich: Zwar gilt dort seit 1905 eine strenge Trennung von Religion und Staat, wobei dieser jederzeit die Oberhand behält. Was er auch entschieden durchsetzt: Im Film wird mit Polizeigewalt mal eben eine angebliche Reliquie beschlagnahmt, um sie wissenschaftlich analysieren zu lassen.

Offizieller Filmtrailer

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Drei Millionen sehen Kino-Mönche

 

Andererseits begreift sich die französische Amtskirche traditionsbewusst als "älteste Tochter der römischen Kirche"; ihre Mitglieder bleiben ihr gerade wegen der strikten Säkularisierung deutlich enger verbunden. Katholisch geprägtes Denken und Handeln in all seinen Spielarten ist in Frankreich viel präsenter als hierzulande: vom bürgerlich-liberalen Linkskatholizismus, dem die Tageszeitung "La Croix" seit 135 Jahren als Forum und Sprachrohr dient, bis zu militant reaktionären Zirkeln, die mit sektenartigem Auftreten ihre Exkommunikation riskieren.

 

Auch im Kino: So sahen mehr als drei Millionen Zuschauer den in Cannes prämierten Film "Von Menschen und Göttern" von Xavier Beauvois über Mönche in Algerien mit Lambert Wilson in der Hauptrolle als Abt; es war einer der größten Kassenschlager der Saison 2010. Dagegen wählt Regisseur Xavier Giannoli für "Die Erscheinung" eine Außenperspektive.

 

Globalisierung der Gleichgültigkeit

 

Vor Ort beginnt Jacques, dessen Kommission neben Klerikern auch eine Psychiaterin angehört, mit journalistischer Recherche: Spuren suchen, Fakten sammeln, Zeugen befragen. Bald merkt er, dass er damit nicht weit kommt. Auch sein Anfangsverdacht, das Mädchen Anna werde vom Dorfpfarrer Père Borrodine (Patrick d’Assumçao) und dem umtriebigen Priester Anton (Anatole Taubman) nur benutzt, wird der vielschichtigen Angelegenheit nicht gerecht.

 

Sicher: Es schmeichelt Père Borrodine, vor einer großen Pilger-Gemeinde gegen die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" anzupredigen. Und Antons Eitelkeit scheint ähnlich ausgeprägt wie sein missionarisches Sendungsbewusstsein. Doch der Schlüssel zur Lösung ist offenbar in Annas Vergangenheit zu suchen: Sie war abwechselnd Heimkind und bei Pflegefamilien untergebracht, bevor sie Kloster-Novizin wurde. Damals verschwand ihre engste Freundin Mériem unter mysteriösen Umständen.

 

Beziehungs-Mobile um Hauptfigur

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne" – charmante Sittenkomödie über eine Möchtegern-Operndiva von Xavier Giannoli

 

und hier eine Besprechung des Films "Maria Magdalena" - Biopic über die Gefährtin Jesu von Garth Davis mit Rooney Mara + Joaquin Phoenix

 

und hier einen Bericht über den Film “Ida” – intensives Drama über eine Nonne jüdischer Herkunft im Nachkriegs-Polen von Pawel Pawlikowski, mit Auslands-Oscar 2017 prämiert

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jenseits der Hügel – După dealuri" – vielschichtiges Exorzismus-Drama im rumänisch-orthodoxen Kloster von Cristian Mungiu, dreifacher Cannes-Preisträger 2012

 

und hier das Interview "Mönche sind Fixsterne der Welt" mit Lambert Wilson über seine Rolle als Abt im Kloster-Film "Von Menschen und Göttern", 2010 in Cannes prämiert.

 

Diese Gemengelage hält Regisseur Giannoli kunstvoll in der Schwebe. Mit plausiblen dramatischen Wendungen auf engstem Raum lässt er alle Protagonisten zu ihrem Recht kommen, ohne dass sich der Film auf eine Seite schlüge.

 

Solch ein komplexes Beziehungsgeflecht um eine exzentrische Hauptfigur hat Giannoli schon öfter geknüpft: In der Sittenkomödie "Madame Marguerite" (2015) porträtierte er den Hofstaat einer steinreichen Möchtegern-Operndiva. In "Superstar" (2012) jagte der Regisseur einen Durchschnittsbürger ins Fegefeuer medialer Dauerbeobachtung, und in "Der Retter" ließ er 2009 einen Hochstapler auf eigene Faust eine Autobahn fertig bauen.

 

Exotische Parallelgesellschaft

 

Die komödiantischen Elemente seiner letzten Filme fehlen im neuen Werk. Es entfaltet die jeweilige Seelenlage der Akteure in einer Sprache aus Worten und Gesten, die in unserer radikal diesseitigen Gegenwart kaum noch vorkommen: Gebete und Segnungen, Losungen und Briefbotschaften. Von und für Menschen, die ihre individuelle Glaubensgewissheit ebenso als Gnade wie als Bürde empfinden, für die sie Opfer bringen müssen und wollen. Eine Parallelgesellschaft, die dem Publikum großstädtischer Programmkinos recht exotisch vorkommen dürfte.

 

All das geschieht – was ein kleines Wunder ist – ohne Bekenntnisse und Beichte, mystisches Raunen oder esoterisches Rauschen. Die Gottessuche der einen und Wahrheitssuche der anderen vollzieht sich, schnörkellos linear erzählt, ganz nüchtern im Hier und Jetzt.

 

Ikone in der Wüste

 

Dafür wäre das Etikett "Thriller" völlig abwegig; mit trivialen Klerikal-Krimis à la Dan Brown hat dieser Film nichts gemeinsam. In ihm waltet Spannung allein zwischen Polen menschlichen Daseins – Nichtwissen, Hoffen und Vergehen. Am Ende bringt Jacques eine versehrte Ikone an ihren Herkunftsort in der Wüste zurück; mehr kann er nicht tun. Man muss spirituell schon sehr unmusikalisch sein, um von dieser "Erscheinung" nicht berührt zu werden.


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