Viggo Mortensen

Green Book – Eine besondere Freundschaft

Tony (Viggo Mortensen) und Don Shirley (Mahershala Ali) geben ein ungewöhnliches Paar ab. Foto: © 2018 eOne Germany
(Kinostart: 31.1.) Weißer Prolet chauffiert schwarzen Star-Pianisten: Die Südstaaten-Tournee dieses Gespanns stellt rassistische Klischees auf den Kopf. Regisseur Peter Farrelly balanciert seine Feelgood-Dramödie feinfühlig zwischen Komik und ernsten Tönen.

Regisseur Peter Farelly ist nicht gerade für subtile Dramen bekannt. Auf sein Konto gehen erfolgreiche Albernheiten wie "Dumm und Dümmer" (1994) oder "Schwer verliebt" (2001), die er zusammen mit seinem Bruder Bobby realisierte. Bei "Green Book – Eine besondere Freundschaft" hat er hingegen allein Regie geführt – und wurde mit fünf Oscar-Nominierungen und drei Golden Globes belohnt.

 

Info

 

Green Book – Eine besondere Freundschaft

 

Regie: Peter Farrelly,

130 Min., USA 2018;

mit: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini

 

Website zum Film

 

Dabei ist er dem komödiantischen Genre treu geblieben. Er zeigt mit diesem Film lediglich, dass er auch ernste und feinere Zwischentöne beherrscht. Die Grundkonstellation der Geschichte ist uralt. Zwei sozial völlig gegensätzliche Charaktere kommen sich auf einer Reise näher, entwickeln Verständnis füreinander und werden Freunde.

 

Biographischer Hintergrund

 

Die Story hat einen wahren Hintergrund, sie beruht auf der Biografie des Vaters von Co-Autor Nick Vallelonga. Darüber hinaus hat sie noch einen schönen Twist: In den noch sehr rassistisch geprägten USA der 1960er Jahre chauffiert ein weißer Italo-Amerikaner einen schwarzen Pianisten, quasi eine umgekehrte Variante von "Miss Daisy und ihr Chauffeur" (1989); darin freundet sich eine ältere weiße Dame mit ihrem schwarzen Fahrzeuglenker an.

Offizieller Filmtrailer

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Schlagkräftig in die Südstaaten

 

Im Jahr 1962 arbeitet Tony Vallelonga (Viggo Mortensen), genannt Lip, als Türsteher im legendären Nachtclub "Copacabana", wo sich Mafiosi und Berühmtheiten wie Frank Sinatra tummeln; später wurde Vallelonga Schauspieler und einem breiten Publikum als Darsteller des Gangsterbosses Carmine Lupertazzi in der Fernsehserie "Die Sopranos" bekannt. Tony Lip ist jedenfalls ein Mann fürs Grobe, weiß sich aber auch mit Worten durchzusetzen - daher sein Spitzname. Als der Club renoviert wird, braucht er vorübergehend einen anderen Job.

 

Den bietet ihm Don Shirley (Mahershala Ali), ein berühmter Pianist mit afroamerikanischen Wurzeln. Für seine zweimonatige Tournee in die Südstaaten der USA braucht er einen schlagkräftigen Fahrer: Dort herrscht strikte Rassentrennung, und Shirley ahnt, dass man ihm auf seiner Tour kaum mit Respekt begegnen wird – trotz oder wegen seiner ausgesuchten Manieren und seines Bildungshintergrunds.

 

Reiseführer für Schwarze

 

Tony nimmt das Angebot an. Er bekommt das titelgebende Buch mit auf den Weg, den seinerzeit tatsächlich existierenden Leitfaden "The Negro Motorist Green Book". Der bis 1966 alljährlich erscheinende Reiseführer enthielt Tipps, wo man als Afroamerikaner im Süden unbehelligt essen oder übernachten konnte. Was das ungleiche Gespann zusammen erlebt, könnte dann tatsächlich leicht in ein tränenreiches Melodram münden.

 

Komödienspezialist Farrelly zeigt jedoch, dass er auch einen schweren Stoff mit leichter Hand und pointiert erzählen kann. Vor allem dank eines kongenialen Darsteller-Duos: Viggo Mortensen und Mahershala Ali agieren die Gegensätze ihrer Figuren wunderbar aus. Tony hat in der Originalfassung einen breiten Bronx-Akzent und trägt mit Vorliebe seine Plauze in Feinripp-Unterhemden spazieren. Alis Pianist dagegen wirkt feingliedrig und kultiviert; seine intellektuelle Ausstrahlung widerspricht jeder Klischeevorstellung über Schwarze in dieser Epoche.

 

Briefe schreiben + Hühnchen essen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "It Must Schwing! – The Blue Note Story" - exzellenter Dokumentarfilm über das legendäre Jazz-Label von Eric Feidler

 

und hier eine Besprechung des Films "Ein Dorf sieht Schwarz" - originelle Multikulti-Komödie über farbigen Arzt in der französischen Provinz von Julien Rambaldi

 

und hier einen Bericht über den Film "Monsieur Chocolat" - ergreifendes Biopic über den ersten schwarzen Clown in Frankreich von Roschdy Zen

 

und hier einen Beitrag über den Film "Captain Fantastic" – gelungene Tragikomödie über eine US-Dropout-Familie von Matt Ross mit Viggo Mortensen.

 

Don hat allerdings noch nie von Chuck Berry oder Little Richard gehört. Deren Musik gab es an der Katholischen Universität in Washington nicht, an der er studierte. Nun ist er der Musik von "seinen Leuten", wie Tony es nennt, im Autoradio ausgesetzt. Nur weiß Don nicht, wer "seine Leute" sein sollen; das macht ihn ziemlich einsam. Tony dagegen ist ein Familienmensch, Identitätsprobleme sind ihm fremd.

 

Mit dem Briefeschreiben an seine Frau tut Tony sich jedoch schwer und nimmt Dons Hilfe gerne an. Aus diesem kleinen Dienst wird ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Don verhält sich gegenüber Anderen mit Würde und Respekt, was Tony beeindruckt. Der wiederum bringt seinem Arbeitgeber Gelassenheit bei – und ebenso, dass man frittiertes Hühnchen durchaus mit den Fingern essen kann.

 

Pianist darf nicht auf Toilette

 

Außerdem erkennt er Dons großes Talent an. Je tiefer die Tour in den Süden führt, desto mehr wird ihm deutlich, wie ungerecht Schwarze dort behandelt werden – und was diese Reise für seinen Chef auf Zeit bedeuten muss. Der kennt zwar einflussreiche Leute, echte Freunde hat er jedoch nicht. Er darf in schicken Clubs spielen, aber dort weder speisen noch die Toilette benutzen.

 

In schön ausgespielten Szenen wird die brutal-dümmliche Ignoranz der Südstaatler karikiert. Zwischendurch schlägt der Film aber auch ernste Töne an, etwa wenn er die Willkür der Polizei gegenüber Schwarzen thematisiert. In solchen Momenten erinnert diese Dramödie an den Klassiker "In der Hitze der Nacht" (1967) mit Sidney Poitier. Zwischen diesen beiden Polen hält Regisseur Farrelly sehr gut die Waage. Da verzeiht man auch das rührend-kitschige Weihnachtsfinale; das gehört zu einem echten Feelgood-Movie vielleicht einfach dazu.


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