Jia Zhangke

Asche ist reines Weiß

Qiao (Zhao Tao) rettet Bin (Liao Fan) das Leben - und wird dafür in den Knast wandern. Foto: © Neue Visionen Filmverleih
(Kinostart: 28.2.) Liebe in Zeiten der Turbomodernisierung: Eine Gangster-Braut geht für ihren Mann ins Gefängnis, doch er lohnt ihr das schlecht. Regisseur Jia Zhangke zeigt vom Wandel gebeutelte Existenzen – in der Hauptrolle glänzt Star-Schauspielerin Zhao Tao.

Jia Zhangke gilt als der wichtigste zeitgenössische Filmemacher Chinas nach Zhang Yimou. Auf der Berlinale wurde Zhangs jüngster Film "One Second", der zur Zeit der Kulturrevolution spielt, kurzfristig aus dem Wettbewerb zurückgezogen – nach Angaben der Festivalleitung aufgrund von Problemen in der Postproduktion. Dagegen läuft Jias neuer Film ohne großen Skandal in den deutschen Kinos an.

 

Info

 

Asche ist reines Weiß

 

Regie: Jia Zhangke,

135 Min., China/ Frankreich 2018;

mit: Zhao Tao, Liao Fan

 

Weitere Informationen

 

Man kann daraus ableiten, dass Willkür zu den fiesesten Mitteln einer Zensurbehörde gehört. "Asche ist reines Weiß" wirkt jedenfalls alles andere als staatstragend und systemkonform. Einmal mehr seziert Regisseur Jia die rasanten Veränderungen im ökonomischen und sozialen Gefüge der Volksrepublik und zeigt deren Auswirkungen auf der individuellen Ebene. Seine Filme sind Zeitgeschichte in grandiosen Bildern.

 

Parallelwelten des Jianghu

 

Diesmal blickt Jia durch die Brille einer alten Erzähltradition auf das China von heute: Die Gangster- und Liebesgeschichte im Zentrum des Films beruht auf  "Jianghu", wörtlich: "Flüsse und Seen". Ursprünglich war Jianghu ein Begriff für nach eigenen Regeln lebende Eremiten; nach und nach wandelte er sich in eine Bezeichnung für Parallelwelten außerhalb der üblichen Gesetze – besonders für den in ihnen herrschenden Ehrenkodex und zahlreiche Legenden, die sich darum ranken. Im Jianghu gelten die Werte der Ritterlichkeit und Loyalität, aber auch das Prinzip der Vergeltung.

Offizieller Filmtrailer

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Verbrechen zieht Verbrechen an

 

"Asche ist reines Weiß" spielt in der Unterwelt rund um eine Mafia-Gang. Die Protagonistin Qiao (Zhao Tao) ist mit Bin (Liao Fan) liiert, dem lokalen Boss in der Stadt Datong im Norden Chinas. Bin macht in Glücksspiel, Schutzgeld und Immobilien, während die Kohleindustrie in der Region vor die Hunde geht und ihre Arbeiter zu Tausenden umgesiedelt werden.

 

Im Detail werden seine Geschäftsfelder gar nicht aufgeschlüsselt, klar ist nur: Verbrechen zieht unweigerlich weiteres Verbrechen an. So wird Bin von einer Bande aufstrebender Kleinganoven fast zu Tode geprügelt. Qiao schreitet in letzter Sekunde ein, riskiert dabei ihr Leben und landet im Gefängnis.

 

Aus Loyalität fünf Jahre in Haft

 

Sie deckt Bin, sitzt aus ungebrochener Loyalität an seiner Stelle fünf Jahre in einer Haftanstalt ab und will den Glauben an eine gemeinsame Zukunft nicht aufgeben. Aber draußen ändern sich die Verhältnisse, und mit ihnen die Menschen. Als Qiao sich nach ihrer Entlassung auf die Suche nach ihrem Geliebten macht und dafür quer durch das Land reist, muss sie erkennen, dass Bin nicht nur ihre Beziehung aufgegeben hat, sondern im Grunde auch sich selbst.

 

Die Handlung spannt einen Bogen von der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart. Der Plot wird durch Zeitsprünge in fünf größere Abschnitte gegliedert, die immer wieder neu und unerwartet ansetzen; Kameramann Éric Gautier fängt sie mit fünf verschiedenen Kameras und Bildqualitäten ein.

 

Sich lange + konsequent nicht anschauen

 

Regisseur Jia nimmt sich wie gewohnt Zeit. Seine Erzählung ist zwar linear, trotzdem mäandert sie auf anregende Art und Weise, schweift ab, wird teils collagenhaft, und bleibt dabei immer durchlässig für die großen, im Hintergrund wirkenden Mächte. Dabei wirken die Kulissen oft sprechender als die Dialoge, die Wendungen aus dem Repertoire des Gangster-Slang und der (Nicht-)Kommunikation einer Paarbeziehung abrufen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "A Touch of Sin" – schonungsloses Sozialdrama über Ausbeutung + Gewalt im heutigen China von Jia Zhangke

 

und hier eine Besprechung des Films "Feuerwerk am helllichten Tage – Black Coal, Thin Ice" - brillanter Neo-Noir-Krimi in Nordchina von Diao Yinan, Berlinale-Sieger 2014

 

und hier einen Bericht über den Film "Venezianische Freundschaft" - einfühlsam-malerisches sino-italienisches Einwanderer-Drama von Andrea Segre mit Zhao Tao

 

und hier einen Beitrag über den Film "A Touch of Zen" - legendärer Kampfkunst-Klassiker (1971) aus Taiwan von King Hu.

 

So wird Aneinander-vorbei-Reden zum tableau vivant: In einer langen Einstellung sieht man Qiao und Bin auf einem Steg am Ufer des Drei-Schluchten-Stausees. Der steigende Wasserpegel des Monsterprojekts – ein in Jias Filmen immer wiederkehrendes Bild, das er wie einen Refrain einsetzt – wird einige Jahre später alles ringsherum verschluckt haben. Das einstige Liebespaar steht sich im Abstand von zwei Metern gegenüber, in einem präzisen Winkel einander halb zu-, halb abgewandt. Beide schauen sich lange und konsequent nicht in die Augen. Das Unausgesprochene zwischen ihnen wird fast greifbar.

 

Alle sind Gefangene des Universums

 

In einer weiteren zentralen Szene in einem Hotelzimmer wird die Auflösung emotionaler Bindungen zum Zeitlupenballett. Der Regisseur arbeitet hier wie ein Choreograf, der seine Schauspieler wohlüberlegt auf dem Schachbrett der vergehenden Liebe positioniert – ein konstantes Sich-Verschieben und Neu-Austarieren der Beziehungsverhältnisse von Qiao und Bin, in dem es am Ende keine Sieger gibt.

 

"Asche ist reines Weiß" ist ein Film, der zugleich lähmt und aufrüttelt; der betroffen macht und sein Publikum immer wieder verblüfft. Irgendwann taucht in Qiaos größter Einsamkeit am Nachthimmel plötzlich ein UFO auf. Gleißendes Licht im Dunkel – und doch kein Ausweg. Eine Zufallsbekanntschaft hatte Qiao kurz vorher erklärt: "Wir sind alle Gefangene des Universums."


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