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Ryszard Kapuściński (Miroslaw Haniszewski) und Carlotta (Olga Boladz). Foto: © Copyright: Wüste Film /Pandora Film

Another Day of Life


(Kinostart: 4.4.) Leichenfledderei in Luanda: Der brillante Reporter Ryszard Kapuściński beobachtete 1975, wie Angolas Bürgerkrieg begann. Aus seinem Bericht macht ein Regie-Duo einen animierten Action-Reißer – als skrupellos manipulierten Agitprop-Politporno.


Ryszard Kapuściński (1932-2007) war einer der bedeutendsten Reporter des 20. Jahrhunderts, nach Ansicht vieler: der beste. Von Mitte der 1950er bis Anfang der 1990er Jahre bereiste er die halbe Welt. Ab 1958 bis 1981 berichtete er als Auslandskorrespondent der polnischen Presseagentur PAP über Krisenherde auf drei Erdteilen; dabei war er allein für ganz Afrika zuständig. Doch seinen literarischen Ruhm erwarb er mit Büchern, die über sein Tagesgeschäft weit hinausgingen.

 

Info

 

Another Day of Life

 

Regie: Raúl de la Fuente und Damian Nenow,

86 Min., Polen/ Spanien/ Belgien/ Deutschland 2018

 

Website zum Film

 

Für Kapuściński ließen sich Situationen oder Konflikte nur durch "teilnehmende Beobachtung" verstehen, wie Ethnologen es nennen: indem er sich selbst hineinbegab, auch wenn das schwierig oder gar lebensgefährlich war. In dieser Innenansicht registrierte er zahllose Details, die er später zu breiten Panoramen zusammenfügte. Aus unmittelbarer Anschauung gewann er weit reichende Einsichten von zwingender Überzeugungskraft; das machte seine langen Reportagen einzigartig.

 

Die Dritte Welt verstehen

 

"Viele Journalisten haben die Dritte Welt gesehen, doch Kapuściński hat sie verstanden", bemerkte einmal ein Rezensent seiner Werke. Das gilt bis heute: Wer wissen will, warum Kaiser Haile Selassie und Schah Reza Pahlewi gestürzt wurden, wieso die Demokratisierung der Ex-Sowjetunion scheitern musste und die meisten afrikanischen Staaten in Stagnation und Misere verharren, sollte Kapuścińskis Schriften darüber lesen – ihre Erklärungen sind immer noch stichhaltig und kaum überholt.

Offizieller Filmtrailer

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Reflexion über Afrikas Kriege

 

Für "Another Day of Life" (dt.: "Wieder ein Tag Leben") lässt sich das nur eingeschränkt sagen – obwohl es als erstes seiner Werke 1976 auf Englisch erschien und den Autor international bekannt machte. Darin schildert Kapuściński die letzten Wochen des portugiesischen Kolonialregimes in Angola: vor allem den brutalen Machtkampf, den die Guerilla-Armee der MPLA mit den vom Westen unterstützten FNLA und UNITA schon ausfocht, bevor das Land am 11. November 1975 unabhängig wurde.

 

In diesem Ost-West-Stellvertreterkrieg steht Kapuściński als PAP-Journalist und Mitglied der Polnischen Arbeiterpartei auf Seiten der marxistischen MPLA; er begrüßt das Eintreffen kubanischer Soldaten, was ihr Kriegsglück wenden und ihre Herrschaft sichern wird. Von solchen Lippenbekenntnissen abgesehen, ist sein Buch vor allem eine Reflexion über das Wesen des Krieges in Afrika. Wo analphabetische Bauernjungen moderne Waffen in die Hände bekommen – und aus lauter Todesangst ziellos ihr Magazin leer ballern. Oder die Front aus Dutzenden kleiner Kampfgruppen besteht, die sich irgendwo in riesigen Territorien Scharmützel liefern.

 

Erfahrungsbericht von Leerlauf + Lethargie

 

Allerdings verließ Kapuściński Angola, bevor das Gemetzel dort richtig losging: Der Bürgerkrieg sollte mit kurzen Unterbrechungen bis 2002 dauern. Zudem lässt sich sein Buch schlecht verfilmen, denn es handelt vorwiegend vom Warten. Erst beobachtet der Reporter in der Hauptstadt Luanda, wie Portugals Kolonisten nach Europa fliehen: "Eine Stadt wird dicht gemacht". Dann fährt er nach Süden zum äußersten MPLA-Vorposten, erfährt vom Kommandanten Farrusco, dass eine Invasion südafrikanischer Truppen bevorsteht, kehrt nach Luanda zurück und harrt bis zum Tag der Unabhängigkeit aus.

 

Aus diesem Erfahrungsbericht – der gerade dadurch authentisch wird, dass er Leerlauf, Lethargie und Verzweiflung nicht verschweigt – machen der Spanier Raúl de la Fuente und der Pole Damian Nenow einen Genre-Bastard aus drei Viertel Animations- und einem Viertel Dokumentarfilm. Was sie dazu prädestiniert, bleibt unklar. Beide haben zuvor fast nur Kurzfilme gedreht; de la Fuente vor fünf Jahren eine einstündige Doku über die Karibikinsel Haiti. Nenow ist offenbar Animations-Spezialist.

 

Lara Croft lässt grüßen

 

Dieses ungleiche Duo verwandelt die Vorlage in einen süffigen Action-Reißer. Wobei der Verleih selbst unentschieden wirkt, welchen Status dieser Film haben soll: Einmal heißt es "nach dem gleichnamigen Buch von...", als sei er eine inhaltsgetreue Adaption, dann wiederum: "Der Film basiert lose auf Motiven des Romans...". Man hat Kapuściński oft brillanten literarischen Stil attestiert, aber einen Roman hat er nie geschrieben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films “Concerning Violence − Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defence” - Doku über antikoloniale Guerillas im Afrika der 1960/70er Jahre von Göran Hugo Olsson

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Afro-Tech and the Future of Re-Invention" mit u.a. Aufnahmen von Prachtbauten in Angolas Hauptstadt Luanda im HMKV, Dortmund

 

und hier einen Beitrag über den Film "Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld" von Miguel Gomes über das Ende des portugiesischen Kolonialreichs in Afrika

 

und hier einen Bericht über den Vortrag des Black-Culture-Experten Manthia Diawara über Antikolonialismus + Gewalt in Afrika auf den „Künstler-Kongressen“ der documenta (13).

 

Alles egal: Dieser Film behandelt das Buch wie einen Zettelkasten, dessen Karteikarten sich herausrupfen und beliebig zusammenkleben lassen. Etwa Carlotta: Die MPLA-Kämpferin eskortiert Kapuściński und ein portugiesisches TV-Team auf ihrer Fahrt nach Süden bis zur nächsten Kleinstadt, wo sie kurz darauf im Gefecht stirbt. Im Film mutiert sie zur Patrouillen-Kommandantin, die alle Weißen im Handstreich aus feindlichem Kugelhagel rettet – die Videospiel-Figur Lara Croft lässt grüßen. Samt ausgiebigem Fotoshooting: Afro-Frisur und Kalaschnikow, so sexy!

 

Jonglieren mit Fake-Fakten

 

Oder die erwartete Invasion aus Südafrika: Während Kapuściński laut Buch sofort nach Luanda aufbricht, um diese breaking news zu melden, wartet er im Film ab, bis Panzer anrollen und Hubschrauber kreisen – sieht schön dramatisch aus! Dieses Jonglieren mit Fake-Fakten verwandelt seine Kriegsreportage in eine Räuberpistole: mit furchtloser Draufgänger-Hauptfigur, kernigen Haudegen-Gefährten, konspirativen Spelunken, bestialisch blutgierigen Feinden usw. Also den üblichen Genre-Klischees von Superhelden-Filmen und Egoshooter-Games.

 

Mit Effekthascherei begnügen sich die beiden Filmemacher nicht: Sie stellen auch den Reporter als begeisterten MPLA-Parteigänger dar. Dazu haben sie in Angola seinen Journalisten-Kollegen Artur Queiroz und den Militär Farrusco aufgetrieben; beide Veteranen preisen in Realbild-Interviews Kapuścińskis unverbrüchliche Treue zur revolutionären Sache. Wie immer er 1975/76 dachte: Die weitere Entwicklung konnte er nicht voraussehen.

 

Leichenschändung nach vier Jahrzehnten

 

Durch den Bürgerkrieg, aber mehr noch durch Misswirtschaft und Korruption der herrschenden MPLA-Clique wurde das Land völlig ruiniert; insbesondere während der 38-jährigen Präsidentschaft von José Eduardo dos Santos bis 2017. Der neben Nigeria wichtigste Ölexporteur des Kontinents ist zugleich ein  desolates Armenhaus, sogar nach afrikanischen Maßstäben. Diese desaströse Bilanz nach vier Jahrzehnten Unabhängigkeit in Agitprop-Manier zu verleugnen und sich dafür post mortem auf einen der besten Afrika-Kenner zu berufen, grenzt an Leichenschändung. Ein widerwärtiger Film.



Von Bela Akunin, veröffentlicht am 01.04.2019





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