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Der Clan von Rapayet wird vom feindlichen Clan belagert. Foto: @Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras. Fotoquelle: MFA

Birds Of Passage – Das grüne Gold der Wayuu


(Kinostart: 4.4.) Archäologie des Drogenhandels: Wie Wayuu-Indianer in Kolumbien den Export von Marihuana in großem Stil aufzogen und sich dabei ruinierten, erzählt das Regie-Duo Guerra und Gallego als faszinierend exotisches Mafia-Epos von existentieller Wucht.


Im Drogenmafia-Krimigenre geht es fast immer um hartes Rauschgift: Heroin, Kokain, Speed, Pulver und Pillen aller Art. Deren durchschlagende Wirkung schlägt auf die Akteure zurück. Gierig und rücksichtslos schießen und morden sie sich den Weg frei, bis die entfesselte Gewalt alles verschlingt. Doch fataler Hang zur Selbstzerstörung steckt auch im Großhandel mit weichen Drogen – das demonstriert eindringlich die Cannabis-Saga "Birds of Passage".

 

Info

 

Birds Of Passage - Das grüne Gold der Wayuu

 

Regie: Ciro Guerra + Cristina Gallego,

125 Min., Kolumbien/ Dänemark/ Mexiko 2018;

mit: Carmina Martínez, Natalia Reyes, José Acosta

 

Website zum Film

 

Für diesen Stoff ist Ciro Guerra der ideale Regisseur. Der erst 37-jährige Kolumbianer hat derzeit eine einzigartige Posirion im Weltkino: Er porträtiert indigene Kulturen in Lateinamerika aus der Innenperspektive, um größtmögliche Authentizität bemüht – und zugleich mit den Stilmitteln großer Leinwand-Erzählungen.

 

Für Auslands-Oscar nominiert

 

So wurde "Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent" zum fesselnden Rückblick auf den culture clash zwischen Forschungs-Pionieren und Ureinwohnern im Amazonas-Gebiet – und völlig zurecht 2015 als einer von neun Shortlist-Kandidaten für den Auslands-Oscar nominiert.

Offizieller Filmtrailer

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Gras-Käufer in Kleinflugzeugen

 

Beim neuen Film führt Guerra gemeinsam mit seiner langjährigen Produzentin und Partnerin Cristina Gallego Regie. Beide nehmen sich die bonanza marimbera vor; während dieses ersten kolumbianischen Drogenbooms von etwa 1975 bis 1985 exportierten Familienclans im Nordosten des Landes enorme Mengen an Marihuana in die USA. Mit allen Begleiterscheinungen: exzessiver Konsum, brutale Rachefeldzüge und maßlose Gewalt.

 

Der Film handelt von matriarchalisch organisierten Wayuu-Indianern; sie siedeln auf der Guajira-Halbinsel, dem nördlichsten Landstrich des Kontinents. Dort ist das Klima ist trocken bis wüstenhaft; daher leben die Wayuu von der Viehzucht, die aber wenig einbringt. Da muss ein US-Amerikaner den jungen Rapayet (José Acosta) nicht lange überreden, ihm Gras zu beschaffen. Gemeinsam mit seinem Mestizen-Freund Moisés (Jhon Navarez) bringt er Anibal (Juan Martinez) – den Cousin seiner Schwiegermutter Ursula – dazu, im Hochland Marihuana für Geschäfte mit den Gringos anzubauen; die kommen mit Kleinflugzeugen.

 

Zu viele Handfeuerwaffen im Umlauf

 

Anfangs zum allseitigen Nutzen: Rapayet kann sein Brautgeld bezahlen und endlich die aparte Zaida heiraten; Moisés schafft einen robusten Pickup-Laster an, der Maultier-Transporte ersetzt; Anibal steigt zum Kopf in seinem Zweig des Familien-Clans auf; selbst korrupte Provinz-Polizisten füllen sich die Taschen. Doch bald dreht sich die Gewalt-Spirale: Im Affekt tötet Moisés zwei US-Drogenkuriere, die Amis rächen sich an Anibals Leuten, zum Ausgleich muss Rapayet seinen alten Kumpel beseitigen, auf allen Seiten liegen die Nerven blank, traditionelle Regeln werden ignoriert, zuviele Handfeuerwaffen sind im Umlauf.

 

Mit unterkühlter Präzision verfolgt der Film, wie jede Untat notwendig die nächste auslöst. Diese unerbittlichen Mechanismen gleichen denen in klassischen Mafia-Epen wie "Es war einmal in Amerika" (1984) von Sergio Leone oder "Good Fellas" (1990) von Martin Scorsese. Weil sie geläufig sind, leistet sich das Regie-Duo einen lakonisch elliptischen Erzählstil voller Aussparungen. Es braucht nur zu zeigen, dass der verzogene und missgünstige Sohn von Rapayet und Zaida panisch durch den Wald rennt – und man versteht sofort, mit welchem Fehltritt in Anibals Haus er die nächste Eskalationsstufe gezündet hat.

 

Vögel als verdrängte Schuld

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent" – brillant vielschichtiges Doppelporträt zweier Amazonas-Pioniere von Ciro Guerra

 

und hier eine Besprechung des Films "La buena vida – Das gute Leben" - Doku über die Verdrängung von Wayuu-Indios auf der Guajira-Halbinsel durch Steinkohle-Tagebau von Jens Schanze

 

und hier einen Artikel über den Film "Escobar - Paradise Lost" - packender Thriller über den kolumbianischen Drogenboss von Andrea Di Stefano mit Benicio Del Toro

 

und hier einen Bericht über den Film "Sicario" - vielschichtiger Drogenmafia-Thriller an der US-mexikanischen Grenze von Dennis Villeneuve

 

und hier einen Beitrag über den Film "Heli" - Drogenkriegs-Drama aus Mexiko von Amat Escalante; für beste Regie in Cannes 2013 prämiert.

 

Solche Logik der Gewalt ist im Grunde seit den antiken griechischen Tragödien und Shakespeares Königsdramen unverändert. Was diesen Film davon unterscheidet, sind seine Protagonisten: Die Wayuu verfügen über eine ausgefeilte traditionelle Kosmologie. Ihre mythischen Wesen können jederzeit ins irdische Geschehen eingreifen, was Guerra und Gallego radikal ernst nehmen und in Bilder übersetzen. Träume von Geistern und ihre Deutung spielen eine wichtige Rolle; in Augenblicken, in denen man im Westen von verdrängter Schuld spräche, tauchen hier exotische Vögel in den Szenen auf.

 

Das sieht weniger bizarr aus, als es klingt; der rasante Aufstieg armer Kleinbauern zu verschwenderischem Reichtum wirkt ohnehin absurd genug. Sinnbild dafür ist der Palast, den Rapayet seiner Kernfamilie dort errichtet, wo früher ihre luftigen Schilfrohr-Hütten standen: eine schneeweiße, modernistische Bauhaus-Kiste voller verschmockter Barock-Möbel. Ein irrwitziger Stil-Mischmasch, Selbstentfremdung pur – und mitten in der leeren, staubigen Ebene so isoliert und deplatziert wie ein UFO.

 

Legalize it!

 

Am Ende zählt der ganze Luxus-Tinnef nichts; der Hausherr, ein Grübler und Zauderer à la Hamlet, verkriecht sich freiwillig im Bretterverschlag. Letztlich dreht sich alles um die Familie: Clan-Chefin Úrsula (Carmiña Martínez) kidnappt ihren eigenen Nachwuchs und tritt damit die finale Katastrophe los.

 

Das dürften Kolumbianer als Gleichnis ihrer leidgeprüften Nation betrachten: in der diverse Formationen – ob linke FARC-Guerilla, rechte Paramilitärs oder Kokain-Kartelle – mit Wohlstands-Versprechen anfingen und als haltlose Kriminelle in gegenseitiger Auslöschung endeten. Für das hiesige Publikum ist dieses Meisterwerk ein Schuld-und-Sühne-Drama von existentieller Wucht. Da hilft nur eines: Cannabis legalisieren.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 03.04.2019





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