Robert Pattinson

High Life

Monte (Robert Pattinson) und seine Tochter Willow (Jessie Ross). Foto: © Copyright: Wüste Film /Pandora Film
(Kinostart: 30.5.) Abgeschoben in die "Fuckbox": Dieser minimalistische Science-Fiction-Film über eine Strafkolonie im Weltall schert sich nicht um Genre-Konventionen. Mit eigenwilligen Einfällen schafft Regisseurin Claire Denis eine klaustrophobische Atmosphäre.

Ein Mann und ein Baby, allein in einem Raumschiff, verloren in den Tiefen des Alls: Als Zuschauer wird man mit einer rätselhaften, unwirklich erscheinenden Situation konfrontiert. Der Astronaut Monte (Robert Pattinson) führt ein bedrückend monotones Leben, das in seinem Gesicht schon Spuren hinterlassen hat. Sein einziger Bezugspunkt ist seine kleine Tochter Willow (Scarlett Lindsey), deren Geschrei immer mal wieder durch die schummrig ausgeleuchteten, in verschlissenem Retro-Look gehaltenen Gänge tönt.

 

Info

 

High Life

 

Regie: Claire Denis

113 Min., Großbritannien/ Deutschland/ Frankreich 2018;

mit: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Lars Eidinger

 

Website zum Film

 

Claire Denis‘ neuer Spielfilm wirft schon zu Beginn viele Fragen auf: Was machen der Vater und das kleine Mädchen an diesem tristen Ort? Warum haben die beiden keine Gesellschaft? Und wohin geht ihre Reise? Nach und nach liefern Rückblenden erste Antworten, so dass man sich ungefähr ein Bild zusammenreimen kann: Monte ist der letzte Überlebende eines Expeditionstrupps von Schwerverbrechern.

 

Erinnerungen an "Alien"

 

Fernab der Erde sollten sie ihre Strafen verbüßen und in einem Schwarzen Loch nach neuen Energiequellen suchen. Irgendwann kam es an Bord jedoch zu einer Katastrophe – woran die dubiose Ärztin Dr. Dibs (Juliette Binoche) erheblichen Anteil hatte. In seinen Grundzügen weckt "High Life" durchaus Erinnerungen an Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker "Alien" von 1979, den Prototypen eines nervenaufreibenden Kammerspiels in den Weiten des Weltraums.

Offizieller Filmtrailer

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Vom Weltraum in seelische Abgründe

 

Allerdings gibt Claire Denis diesen vertrauten Mustern einen höchst eigenwilligen Dreh. In der ersten englischsprachigen Regiearbeit der 73-jährigen Französin, die vor allem in den 1990er Jahren mit Filmen wie dem Geschwisterdrama "Nénette und Boni" (1996) oder auch "Der Fremdenlegionär" (1999) Aufsehen erregte, gibt es keine feindseligen Monster. Hier werden die Menschen einander zum Verhängnis.

 

Statt eines schnörkellosen, auf dramatische Wendungen getrimmten Thrillers entfaltet sich ein mysteriöser, schwer fassbarer Trip in seelische Abgründe, hypnotisch untermalt von beunruhigenden Klängen. Auf der Handlungsebene passiert herzlich wenig. In erster Linie geht es Denis darum, ihrem Publikum das Gefühl von Leere und Ausweglosigkeit im von Kriminellen bevölkerten Raumschiff zu vermitteln. Ein Tag gleicht dem anderen.

 

Klaustrophobie trifft Reproduktionsexperimente

 

Hintergrund

 

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und hier einen Bericht über den Film "Les Salauds - Dreckskerle" - düsterer Pädophilie-Krimi mit Vincent Lindon + Chiara Mastroianni von Claire Denis

 

und hier eine Besprechung des Films "The Whispering Star" – wunderbar elegisches SciFi-Kammerspiel über einen interstellaren Paketdienst von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über den Film "Ex Machina" – raffiniertes SciFi-Kammerspiel um künstliche Intelligenz von Alex Garland.

 

Ihre Expedition erscheint den Besatzungsmitgliedern wie ein Himmelfahrtskommando ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Inmitten dieser Ödnis brechen sich fast zwangsläufig destruktive Kräfte Bahn. Sexuelle Frustrationen lassen die Stimmung immer angespannter werden. Zudem sorgen seltsame Reproduktionsexperimente der übergriffigen Dibs, von Juliette Binoche lustvoll exaltiert verkörpert, für ein bedrohlich-aggressives Klima.

 

Denis und ihre Ko-Drehbuchautoren Jean-Pol Fargeau und Geoff Cox entwerfen ihre Figuren rudimentär, deuten viele Hintergründe nur schemenhaft an. Dafür vermitteln sie sehr eindrücklich, wie das Gefangenendasein auf sie wirkt. Die klaustrophobische Atmosphäre ist förmlich mit Händen greifbar – vor allem deshalb, weil die Kamera meist im Inneren des Raumschiffs bleibt. Nach außen schweift ihr Blick nur selten. Wenn sie in "High Life" doch einmal die Umgebung einfängt, entstehen dabei seltsam abstrakt-poetische, durchaus faszinierende Aufnahmen.

 

Hoffnungsschimmer und Trostlosigkeit

 

Mit seinem betont langsamen Rhythmus, den man sicherlich auch prätentiös finden kann, seinen absurden Einfällen – etwa einem merkwürdigen, "Fuckbox" genannten Selbstbefriedungsraum – und den flüchtigen Charakterskizzen macht es dieser unkonventionelle Science-Fiction-Film dem Zuschauer nicht leicht. Zugleich bietet Denis‘ neues Werk eine erfrischende Abwechslung zu all den fantasielos gestrickten "Alien"-Imitaten, die es im Lauf der Jahre auf die Leinwand geschafft haben.

 

"High Life" beleuchtet die Zerstörungswut des Menschen, erzählt parallel aber auch von der Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Bei aller Trostlosigkeit lässt er zumindest kleine Hoffnungsfunken aufglimmen, die nahelegen, dass echte Nähe nicht gänzlich unmöglich ist. Die am Ende ungelösten Rätsel dürften nicht wenige Zuschauer frustrieren; für andere wird allerdings gerade darin der Reiz dieses irritierenden Weltraumdramas liegen. Nachvollziehbar sind beide Sichtweisen.


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