Jim Jarmusch

The Dead don’t die

Die schottische Bestatterin Zelda Winston (Tilda Swinton) unterstützt die Polizei nach Kräften. Foto: Universal Pictures International Germany
(Kinostart: 13.6.) Handysüchtige Zombies im Koffeinrausch: Regisseur Jim Jarmusch entwirft mit seinem neuerlichen Ausflug ins Genrefach ein schrulliges, kurzweiliges Panoptikum. Aus vielen schönen Ideen entsteht jedoch kein stimmiges Ganzes.

Nach den Vampiren kommen die Zombies. In seinem vorletzten Spielfilm "Only Lovers Left Alive" (2013) entwarf der US-amerikanische Independent-Regisseur Jim Jarmusch eine tiefgründige Liebesgeschichte zwischen zwei Blutsaugern. Nun nimmt sich der Meister des lakonischen Humors ein weiteres beliebtes Motiv des Horrorkinos vor: die Untoten. Wer das Schaffen des Autorenfilmers kennt, wird ahnen, dass "The Dead don’t die" keineswegs klassischen Genreregeln folgt.

 

Info

 

The Dead don't die

 

Regie: Jim Jarmusch,

105 Min., USA/ Schweden 2019;

mit: Adam Driver, Bill Murray, Tilda Swinton

 

Website zum Film

 

Wie so oft baut Jarmusch aus bekannten Elementen einen skurrilen Kosmos mit eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten. Das Zentrum seiner Erzählung ist dieses Mal eine beschauliche Kleinstadt in den Vereinigten Staaten, die den sprechenden Namen Centerville trägt. 738 Einwohner nennen die Ortschaft ihr Zuhause und gehen Tag für Tag ihren Verrichtungen nach. Inbegriff der provinziellen Gelassenheit ist der altgediente Polizeichef Cliff Robertson (Bill Murray).

 

Schrulliger Kleinstadtkosmos 

 

Der erteilt seinem Untergebenen Ronnie Peterson (Adam Driver) bei einer Begegnung mit dem Landstreicher Hermit Bob (Tom Waits) gleich zu Anfang eine Lektion in polizeilicher Nachsicht. In Centerville ticken die Uhren offenkundig anders. Mit Geduld und einem präzisen Blick für schrullige Eigenheiten führt Jarmusch sein Publikum in diese kleine Welt ein.

Offizieller Filmtrailer

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Gemütlich gegen Zombies

 

Parallel dazu tauchen erste Irritationen auf. Der Filmemacher legt kleine Störfeuer, die erahnen lassen, dass die Welt dramatisch aus den Fugen geraten ist. In dem Szenario, das Jarmusch entwirft, findet Fracking, die umstrittene Technologie zur Gasförderung, auch an den Polkappen statt. Dadurch hat sich die Erdachse bedrohlich verschoben.

 

Deshalb wird es abends plötzlich nicht mehr pünktlich dunkel. Schlimmer noch: Irgendwann erheben sich die Toten aus den Gräbern und fallen über die verschlafene Gemeinde her. Wo andere Filmemacher spätestens mit Ausbruch der Zombie-Apokalypse einige Gänge hochschalten würden, zieht Jarmusch sein gemächliches Tempo weiterhin durch.

 

Bestatterin mit Schwertkampf-Faible

 

Panikreaktionen oder hektischen Aktionismus sucht man hier vergebens. Leider mangelt es jedoch auch an einer Geschichte, bei der die Handlungsstränge stimmig ineinander greifen. Die Bewohner der Kleinstadt stehen der heraufziehenden Katastrophe jedenfalls erstaunlich stoisch gegenüber. Und als wäre das völlig naheliegend, schlussfolgert Peterson tatsächlich, es mit einer Untoten-Plage zu tun zu haben.

 

Seine Mitstreiter instruiert er, wie man die blutrünstigen Angreifer am besten unschädlich macht. Aus dem Ensemble an verschrobenen Protagonisten ragt zweifellos Zelda Winston (Tilda Swinton) hervor, eine Bestatterin mit exzentrischen Schwertkampf-Vorlieben und buddhistischem Gleichmut. Die Attacken der Zombies werden gewiss nicht zimperlich in Szene gesetzt.

 

Konsumhörigkeit und Fremdenangst

 

Zu einem stumpfen Splatterfest verkommt der Film trotzdem nicht; auch, weil die Enthauptungen der Untoten schwarzen Staub statt Blutfontänen freisetzen. Gesellschaftskritische und politische Anspielungen gibt es dafür im Überfluss. Auf die Schippe nimmt die Horrorkomödie nicht nur, wie ökologische Katastrophen in den Medien abgehandelt werden. In Jarmuschs Visier geraten zudem die Angst vor dem Fremden und die Konsumhörigkeit der Menschen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Gimme Danger" - Doku über Rockstar Iggy Pop + The Stooges von Jim Jarmusch

 

und hier eine Besprechung des Films "Paterson" – poetisch-intensives Porträt eines Busfahrer-Dichters mit Adam Driver von Jim Jarmusch

 

und hier ein Beitrag über den Film "Only Lovers Left Alive" - hinreißende Vampir-Liebesgeschichte mit Tilda Swinton von Jim Jarmusch

 

und hier ein Bericht über den Film "Mystery Train" - skurrile US-Südstaaten-Tragikomödie von Jim Jarmusch

 

und hier einen Beitrag über den Film "Juan of the Dead" -originelle Zombie-Komödie aus Kuba von Alejandro Brugués.

 

Nicht umsonst stammeln die durch Centerville stapfenden Untoten gebetsmühlenartig vor sich hin, was auch schon in ihrem Leben einen besonderen Platz hatte. Besonders komisch ist der Auftritt von Iggy Pop, den es zwanghaft nach Kaffee dürstet. Andere Zombies stolpern wiederum auf der Suche nach dem nächsten WLAN-Netz durch die Stadt.

 

Zitate ohne Zweck

 

Jarmusch arbeitet sich unverkennbar an den Auswüchsen unseres Zeitalters ab. Leider gelingt es ihm nicht, seine Gags zu einer bissigen, klugen Satire zu verbinden. Viele Pointen stehen losgelöst nebeneinander. Mehr als einmal reitet er einen Witz zu Tode: etwa die Vermutung, dass wohl Tiere für die übel zugerichteten Leichen verantwortlich seien, die von lauter verschiedenen Figuren geäußert wird.

 

Ähnlich willkürlich wie seine Späße scheinen auch die Verweise auf andere Regisseure und bekannte Kinofilme: "The Dead don’t die" ist vollgestopft mit Zitaten; einem höheren Zweck dienen sie allerdings nicht. In seinem neuen Werk demonstriert Jarmusch vor allem einmal mehr seine berühmte Lässigkeit.

 

Bastelei satt Scharfsinn 

 

Mit schrägen Figuren schafft er ein ganz eigenes Universum und entlockt vor allem Murray und Driver amüsante Darbietungen. Das alles reicht jedoch nicht, um die letztlich zu beliebig zusammengebastelte Zombie-Variation zu einem scharfsinnig konstruierten Kino-Ereignis zu machen, das durchgängig unterhält.


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