Judi Dench

Geheimnis eines Lebens

Leo (Tom Hughes) und Joan (Sophie Cookson) sind verliebt. Foto: © 2019 eOne Germany
(Kinostart: 4.7.) Als Assistentin die Weltpolitik verändern: Regisseur Trevor Nunn verfilmt das Doppelleben der Britin Melita Norwood – die Sowjet-Spionin wurde erst im hohen Alter enttarnt. Dabei verschenkt der Film einiges an erzählerischem Potenzial.

Noch ein erstaunliches Drehbuch, dass das Leben selbst schrieb: Das Polit-Drama "Geheimnis eines Lebens" erzählt sehr frei von der ungewöhnlichen Vita der Britin Melita Norwood. Sie wurde 1999 hochbetagt als langjährige Spionin für die Sowjetunion enttarnt.

 

Info

 

Geheimnis eines Leben

 

Regie: Trevor Nunn,

102 Min., Großbritannien 2019;

mit: Judi Dench, Sophie Cookson, Stephen Campbell Moore

 

Website zum Film

 

Der vor allem als Theaterregisseur bekannte Trevor Nunn nähert sich ihrer Person, die im Film den Namen Joan Stanley trägt, auf zwei Zeitebenen; zwischen denen springt die Geschichte fortwährend hin und her. Die Handlung beginnt im Jahr 2000 in einer ruhigen englischen Vorortsiedlung, in der Joan Stanley (Judi Dench) wohnt. Die idyllische Ruhe endet jäh, als die pensionierte Wissenschaftlerin wegen Hochverrats verhaftet wird.

 

In der Kommunisten-Gruppe

 

Im Verhör weist die Rentnerin jegliche Schuld von sich. Dennoch berichtet sie über ihren Werdegang, der fortan in Rückblenden entfaltet wird. Als junge, politisch engagierte Studentin gerät Joan (Sophie Cookson) über ihre Kommilitonin Sonya (Tereza Srbova) an eine Gruppe kommunistischer Aktivisten, in der sich vor allem Sonyas Bruder Leo (Tom Hughes) wortgewandt hervortut.

Offizieller Filmtrailer

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Youtube anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Verschenktes Potenzial

 

Immer häufiger nimmt Joan an den Treffen teil und verliebt sich schließlich in den inbrünstigen Vorkämpfer für die Sache der Arbeiterklasse. Während des Zweiten Weltkriegs erhält die Physik-Absolventin eine Assistenz-Stelle bei Professor Max Davis (Stephen Campbell Moore), der ihren Sachverstand als Forscherin zu schätzen weiß.

 

Durch die Arbeit für ihn gewinnt Joan Einblick in ein geheimes Atomwaffen-Programm der britischen Regierung – was ihre alten Kommunistenfreunde auf den Plan ruft. Über sie leitet sie Jahrzehnte lang geheime Unterlagen nach Moskau weiter; damit hilft sie der Sowjetunion, ebenfalls Nuklearwaffen zu konstruieren. Der Film schildert das Hadern einer Frau zwischen der Loyalität zu ihrem Land und ihrer Sorge vor einem Vernichtungskrieg. Regisseur Nunn hat also reichlich Stoff für ein packendes Porträt, schöpft aber das Potenzial dieser Lebensgeschichte nur zum Teil aus.

 

Patt-Situation als Friedensgarant

 

Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ließ die nukleare Auslöschung allen Lebens nicht abwegig erscheinen. Die Weitergabe wichtiger Informationen an die Sowjets könnte – so Joans Überlegung – dafür sorgen, dass die Großmächte in eine Patt-Situation geraten: Alle sind waffentechnisch auf dem gleichen Stand, niemand wagt einen Angriff. Das sollte später als Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg beschrieben werden.

 

Darüber hinaus reißt der Film auch andere Aspekte an; etwa die damalige Position der Frau im Berufsleben. Mehr als einmal sieht sich Joan im wissenschaftlichen Umfeld mit abschätzigen Kommentaren konfrontiert, die veranschaulichen, wie wenig einige Männer ihre studierte Kollegin achten. Dass sie als Tee kochende Schreibkraft unterschätzt wird, kann sie aber für ihre Spionagetätigkeit ausnutzen.

 

Viel Romantik, wenig Gewissen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Ende der Wahrheit" - spannender Spionage-Thriller über Korruption beim BND von Philipp Leinemann

 

und hier einen Bericht über den Film "Bridge of Spies - Der Unterhändler" - fesselnder Spionage-Thriller über Agenten-Austausch im Kalten Krieg von Steven Spielberg mit Tom Hanks

 

und hier einen Beitrag über den Film "A most wanted Man" - nüchterner Thriller über Geheimdienst-Überwachung von Anton Corbijn mit Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Rolle.

 

Trotz interessanter Ansätze dringt das konventionell bebilderte Drama jedoch nur selten in die Tiefe vor. Regisseur Nunn konzentriert sich bei den Rückblenden auf die romantischen Verwicklungen; dadurch versäumt er es, Joans Gewissenskonflikt und ihre Entscheidungen umfassender auszuloten. Auf der Gegenwartsebene wirkt die Besetzung der älteren Joan mit Oscar-Preisträgerin Judi Dench fast verschenkt.

 

Häufig hat die arrivierte Charakterdarstellerin wenig mehr zu tun, als gequält dreinzublicken, laut zu seufzen und als Stichwortgeberin zu fungieren. Dringlichkeit entwickeln fast ausschließlich die Streitszenen zwischen der plötzlich am Pranger stehenden Frau und ihrem Sohn Nick (Ben Miles). Der unterstützt seine Mutter zunächst tatkräftig. Doch als sich die Spionagevorwürfe konkretisieren, rückt er, entrüstet über den Vertrauensbruch, von ihr ab.

 

Routiniert, aber spannend

 

Hier deutet sich an, welche Belastung es sein mag, das ganze Leben ein solches Geheimnis mit sich herumzutragen: Außer ihrem Mann, der ihren Verrat missbilligte, wusste niemand davon. Judi Dench bekommt leider nicht genügend Raum für die Zweifel und Ängste, die Joan vermutlich all die Jahre begleitet haben. Sie hätten dem Film eine größere emotionale Wucht verleihen können.

 

Doch obwohl das Drehbuch einige Schwächen hat und die Inszenierung eher routiniert denn inspiriert wirkt, kurbelt der Regisseur in entscheidenden Momenten dennoch die Spannung an. Dass ihm das gelingt, hat vor allem einen Grund: Wie die von Melita Norwood inspirierte Hauptfigur als kleines Rädchen im Getriebe in weltpolitische Prozesse eingreift, ist für sich genommen bereits unglaublich reizvoll.


Diesen Artikel drucken