Speyer

Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen

Amazonen Ephesisch: Bei den Skulpturen handelt es sich um Abgüsse der sogenannten ephesischen Amazonen. Foto: Peter Haag-Kirchner, Historisches Museum der Pfalz Speyer

Amazonen sind Fabelwesen, wie jeder weiß. Doch die Griechen schufen sie nach sehr lebendigen Vorbildern, zeigt eine Ausstellung in Speyer.

Wenn es um Fabelwesen geht, darf ein bisschen Fantasy sein: Dramatisch jagen dunkle Wolken über die Leinwand. Bedrohlich stapfen die Silhouetten von Hopliten durchs Bild, den schwer bewaffneten Fußkriegern im antiken Griechenland. Frauen sind nicht darunter, denn Amazonen hat es nie gegeben. Oder vielleicht doch?

 

Info

 

Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen

 

05.09.2010 – 13.02.2011

täglich außer montags

10 – 18 Uhr

im Historischen Museum der Pfalz, Domplatz 4, Speyer

 

Begleitbuch 24,90 €

 

Weitere Informationen

 

Mit dieser kontrafaktischen Annahme spielt nicht nur der Film am Eingang, sondern die gesamte Amazonen-Schau im Historischen Museum der Pfalz – laut Eigenwerbung die allererste zum Thema. Sie spinnt das „Was wäre, wenn?“ zur epischen Erzählung aus, verfolgt die Spuren der flüchtigen Kriegerinnen durch drei Jahrtausende und häuft zahllose Indizien an. Am Ende erscheinen die Phantome fast schon als alltägliche Begleiter – eine überzeugende Strategie.

 

Und die wohl einzig sinnvolle: Wie anders soll man etwas zeigen, das es nicht gibt? Vor dem gleichen Problem stünden Ausstellungen zur Typologie der Drachen oder Entwicklungsgeschichte des Einhorns. Als Lösung bietet sich an: Anstatt das unbekannte Wesen des Phänomens darzustellen, trägt man die wesentlichen Darstellungen zusammen, damit Vergleiche ihren gemeinsamen Kern enthüllen. Genau das geschieht in Speyer.

 

Herakles besiegt Amazonen

 

Drei griechische Mythen bringen die Amazonen zur Welt. Der älteste handelt von der neunten Aufgabe des Herkules: Er soll den Gürtel der Amazonen-Königin Hippolyte herbeischaffen. Hippolyte hätte ihn fast verschenkt, doch Göttermutter Hera schürt Zwist: Herakles und seine Gefährten kämpfen gegen die Amazonen, besiegen sie und zerschlagen ihr Reich.


Impressionen der Ausstellung


 

Parthenon-Fries für Amazonen

 

Der zweite Mythos erzählt von Athens mythischem Gründer Theseus: Er entführt die Amazone Antiope in seine Heimatstadt. Die Amazonen folgen ihnen und belagern Athen. Doch sie werden geschlagen und fliehen nach Norden zu den Skythen. Der dritte Mythos ist Teil des Krieges um Troja: Die Amazonen eilen der Stadt zu Hilfe, werden aber von den Griechen niedergerungen. Achilles kämpft mit der Amazonen-Königin Penthesilea; als er sie tötet, verliebt er sich in sie.

 

Die drei Mythen verlegen das Reich der Amazonen nach Themiskyra an die südöstliche Schwarzmeerküste, obwohl sich dort damals wie heute keine Spur der Kriegerinnen findet. Zudem werden sie als exakte Ebenbilder der Griechen geschildert: Sie tun all das, was im antiken Hellas den Männern vorbehalten ist. Dafür genießen sie Hochachtung. In Athen waren ihnen ein Fries am Parthenon, ein Gemälde auf der Agora und sogar Heiligtümer gewidmet. Gefäße wurden oft mit Kämpferinnen bemalt, vor allem Trinkschalen für Gelage.

 

Symbole für vorhellenische Welt

 

Sind Amazonen nur die maso-erotische Männerphantasie einer Macho-Kultur? Oder, feministisch interpretiert, die verblasste Erinnerung an ein untergegangenes Matriarchat in grauer Vorzeit? Die Ausstellung legt eine andere Deutung nahe: Als Gegenbilder geschätzter Tugenden in weiblicher Gestalt symbolisieren die Amazonen eine vorhellenische Welt, die von den Griechen erobert wurde. Quasi die frühere Unordnung, in der sie ihre patriarchalische Sozialordnung durchsetzten.

 

Das erklärt, warum die Amazonen zuerst am Südufer, später an der Nordküste des Schwarzen Meeres vermutet wurden: Sie waren jeweils dort, wo die noch nicht von Griechen kontrollierte Barbarei lag. Nördlich des Meeres lebten jedoch die Skythen. Die Frauen dieses Nomadenvolks waren im Kampf geübt, wie zahlreiche Waffenfunde in ihren Gräbern belegen. Allerdings nicht die in der Schau gezeigten Beispiele; das eine wurde 1927 im Kaukasus geöffnet, das andere 1990 in Sibirien. Selbst wenn diese „einzigartigen Funde bisher noch nie zu sehen waren“, wie die Schau vollmundig behauptet: Mit den Griechen haben sie nichts zu tun.

 

Dagegen weist die Ausstellung detailliert nach, wie sich in der griechischen Dekor-Malerei das Erscheinungsbild der Amazonen verändert hat. Anfangs gleichen sie mit kurzem Gewand, Helm und schwerer Ausrüstung den griechischen Hopliten. Dann tauchen immer mehr Amazonen auf, die spitze Kappen, eng anliegende Trikots und Streitäxte tragen – so zogen die Skythen in den Krieg. Offenbar nahmen sich die Künstler zusehends Skythen-Frauen zum Vorbild.

 

Vom Amazonas bis Westafrika

 

Die Amazonen-Mythen waren jedoch älter als die Kontakte der Griechen zu den Skythen – und sollten beide überleben. Bis in die Neuzeit griff man gern auf diese Deutungsmuster zurück, wenn irgendwo kämpfende Frauen auftauchten: ob bei den Indianern im Amazonas-Gebiet, der Revolution von 1789 oder der weiblichen Leibgarde des Königs von Dahomey in Westafrika. Die focht im 19. Jahrhundert gegen die französischen Kolonisatoren.

 

Zugleich bildeten die Künste zwei komplementäre Typen aus: Einerseits die edle Streiterin im schimmernden Harnisch, andererseits die nackte Rächerin in triebhafter Raserei. Waren die griechischen Amazonen noch diachron konzipiert, so dass ihre Niederlage für eine überwundene Epoche stand, so sind diese neuzeitlichen Amazonen synchron angelegt: Sie versinnbildlichen das drohende Chaos, wenn die gegenwärtige Ordnung beseitigt würde.

 

Digitales Daumen-Kino

 

Dieser schwer fassbaren Figuren wird die Ausstellung habhaft, so gut es irgend geht. Zwar gerät sie in der nachantiken Ära etwas kurzatmig und beschränkt sich auf Andeutungen, aber das macht nichts. Zuvor hat sie die Amazonen derart liebevoll seziert, dass der Besucher jeden Wink versteht.

 

Insbesondere die Präsentation der Ursprungsmythen ist hervorragend: Auf Monitoren werden sie anhand ausgesuchter Vasen-Fragmente Szene für Szene nacherzählt – eine Art digitales Daumen-Kino. Die Kuratoren können sich getrost die nächste Klasse von Fabelwesen vornehmen; etwa Chimären, Kentauren oder Zyklopen.