Semih Kaplanoglu

Bal – Honig

Yusuf mit seinem Vater Yakup auf dem Weg zu dem Bienenstock. Foto: Piffl Medien

«Bal – Honig» gewann im Februar den Goldenen Bären. Der türkische Film porträtiert eine naturverbundene Welt, die zu verschwinden droht.

Warten. Beobachten. Lauschen: dem Summen der Bienen, dem Knacken der Äste, dem Prasseln des Regens. Es sind einfache Dinge, die den sechsjährigen Yusuf fesseln. Mit seinen Eltern lebt er auf einem Einsiedlerhof in Nordostanatolien. Vater Yakup züchtet Bienen, Mutter Zehra arbeitet als Teepflückerin. Diese archaische Welt betrachtet Regisseur Semih Kaplanoğlu in «Bal – Honig» mit den Augen des Jungen, hinreißend gespielt von Bora Altaş. Ein Film der elementaren Eindrücke, die er einzufangen versteht, als erlebten wir sie zum ersten Mal.

 

Info

 

Bal – Honig

 

Regie: Semih Kaplanoglu

103 Min., Türkei 2009

mit: Bora Altas, Tülin Özen, Erdal Besikcioglu

 

Website zum Film

 

Eine autobiographisch grundierte Trilogie

 

«Bal» schließt eine autobiographisch grundierte Trilogie ab, die Kaplanoğlu mit «Yumurta – Ei» (2007) begann und «Süt – Milch» (2008) fortsetzte. Sie erzählt die Geschichte der Hauptfigur in umgekehrter Reihenfolge: Anfangs ist Yusuf 40 Jahre alt und kehrt in seine Geburtsstadt zurück; dann träumt er als 20-Jähriger von einer Dichterlaufbahn. In «Bal» kommt er gerade in die Schule.

 

Dort ist er todunglücklich, weil er immer beim Vorlesen stottert und sich verhaspelt. Obwohl es daheim gut klappt, wenn er mit dem Vater übt; er rezitiert sogar ein Gedicht von Rimbaud. Doch im Klassenzimmer bekommt er anstelle der begehrten Anstecknadel für gute Leistungen nur die Hänseleien seiner Mitschüler zu spüren – in der Pause darf er als Außenseiter nicht mitspielen.


Interview mit Regisseur Semih Kaplanoglu


 

Der Vater kehrt nicht zurück

 

Anders im Wald, wo er Yakup auf ausgedehnten Streifzügen begleitet. Der Imker hängt seine Bienenkörbe in die Kronen der höchsten Bäume. Wochen später sammelt er den würzigen, dunklen Honig ein, für den diese Gegend berühmt ist. Wenn Papa Blumen und Falter erklärt und Yusuf ihm beim waghalsigen Klettern im Gezweig hilft, sind seine Sinne hellwach. Und der Zuschauer mit ihm – so hat er die Türkei noch nie gesehen.

 

Dichte Wälder bedecken diese Hügellandschaft in der Schwarzmeerregion. Üppiges Grün in tausend Schattierungen, saftige Bergwiesen, regennasses Wuchern wie im Dschungel. Eine Augenweide von unberührter Natur. Aber nicht ungefährlich: Als die Bienen ausbleiben, geht der Vater fort, um sie zu suchen. Er kommt nicht zurück. Nachdem alle Versuche der Mutter gescheitert sind, Yakup zu finden, zieht der Junge alleine los, um ihn zu finden.

 

Neues Türkische Kino

 

Die schlichte Fabel wird ohne Schwenks und mit wenigen Worten in langen, ruhigen Einstellungen erzählt. Diese Bildsprache prägt das «Neue Türkische Kino» etwa bei Nuri Bilge Ceylan oder Zeki Demirkubuz: Der hektischen Massenkultur begegnet sie mit entschleunigten Einzelbildern. Doch Kaplanoğlu erreicht eine ungeahnte Intensität, indem er sich auf das Geringste konzentriert: Gräser, Pfade, alte Handwerksgeräte. Als wolle er festhalten, was vom Verschwinden bedroht ist. Kino als Erinnerungsspeicher.

 

Dabei verklärt der Film nichts. Die Dürftigkeit der Lebensumstände und die Grausamkeit des Schicksals bleiben stets präsent. Es erteilt Yusuf eine Lektion, die viel schlimmer als der Spott auf dem Pausenhof ist. Aber zugleich wird all das ausgebreitet, was bei einer nach Wohlstand und Sicherheit strebenden Modernisierung unter die Räder kommt. Kaplanoğlus geschärfte Aufmerksamkeit ist untrennbar von seiner Melancholie des Verlustes. Die nicht nur in der Türkei grassiert – Jury und Publikum der Berlinale waren einhellig begeistert.